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«Ihr jungen Frauen überfordert euch grenzenlos!»

Unsere Bloggerin will von ihrer Mutter wissen, was eine gute Mutter ausmacht. Ein Interview über Vereinbarkeit, verpasste Chancen und gesunden Egoismus.

Während der Ferienzeit publizieren wir Texte, die besonders zu reden gaben. Dieser Beitrag erschien erstmals am 7. Mai 2020.

Von Mami zu Mami: Es werden immer mehr Sorgen – aber auch immer mehr Glücksmomente. Foto: Getty Images

Die eine (63) hat studiert, sich dann aber bewusst für ein Leben als Mutter und Hausfrau entschieden. Die andere (33) wurde vor knapp einem Jahr zum ersten Mal Mami, arbeitet mindestens 80 Prozent und jongliert Kind und Karriere. Ein Interview über das erste Jahr als Mutter, ständige Sorgen und gesunden Egoismus – von Mami zu Mami.

Mama, du hast mir einmal gesagt, dass ich vielleicht zu egoistisch für Kinder bin. Wie hast du das gemeint? Manchmal glaube ich, du hattest recht.
Für Kinder muss man so vieles aufgeben – man hat nicht mehr sein eigenes Leben oder muss es zumindest uneingeschränkt teilen. Du hast immer deine Freiheit in Anspruch genommen und auch mich damit oft strapaziert. Man bringt als Mutter eben viele Opfer, und ich dachte, dass dies für dich niemals so möglich wäre. Jetzt sehe ich, dass es eben bei dir genauso funktioniert wie bei allen anderen Müttern – die grenzenlose Liebe zum Kind macht alles möglich.

Ich finde, dass diese Mutterliebe, die am besten schon am Tag der Zeugung beginnen soll, etwas überromantisiert wird. Das kann junge Mütter unter Druck setzen, die nicht ab dem Moment der Geburt die absolute Erfüllung in ihrer Mutterrolle finden. Ich zumindest musste mein Kind erst ein wenig kennen lernen und merke auch jetzt, dass die Liebe noch wächst.
Klar, so eine neue Beziehung braucht ja auch Zeit. Aber ich kann von mir eben wirklich behaupten, dass ich nie in meinem Leben ein solches Glück empfunden habe, wie in dem Moment, in dem ich dich und deine Schwester zum ersten Mal im Arm hielt. Das kannst du jetzt kitschig finden, es ist aber wahr.

Du bist einfach zu perfekt! Hattest du keinen Babyblues?
Nein, das hatte ich nicht, zumindest nicht nach der ersten Geburt. Nur als du geboren wurdest, hatte ich ein furchtbar schlechtes Gewissen deiner Schwester gegenüber. Für mich fühlte sich das an, als ob mein Mann mit einer zweiten Frau nach Hause käme und von mir erwarten würde, dass ich mich mit ihr sicher gut verstehe. Ich fühlte mich wahnsinnig schuldig.

«Dein Kind bleibt immer dein Kind, egal, wie alt es ist.»

Wann hört das auf, dass man sich ständig Sorgen macht?
Da muss ich dich leider enttäuschen, das Sich-Sorgenmachen geht nie mehr weg. Und wenn die Familie dann immer grösser wird und noch Schwiegersöhne und Enkelkinder dazukommen, werden es immer mehr Sorgen – aber auch immer mehr Glücksmomente.

Wie fühlt sich das an, wenn das eigene Kind Mama wird? Ist das auch ein wenig traurig, weil es dann so ganz offiziell kein Kind mehr ist?
Nein, dein Kind bleibt immer dein Kind, egal, wie alt es ist. Ob als Mama oder nicht, das Gefühl bleibt unverändert, für das Herz spielt es keine Rolle.

War dir eigentlich immer klar, dass ich einmal Kinder haben werde – obwohl ich selbst sehr lange gezögert habe?
Ich dachte immer, dass du sicher eine sehr liebende Mutter wärst – ich habe dich ja auch in pädagogischen Berufen gesehen, etwa als Lehrerin, weil du über eine grosse Empathie verfügst. Die Gefühle deiner Mitmenschen sind dir nicht egal, das ist viel wert als Mutter.

Hast du es manchmal bereut, dass du deine Karriere aufgegeben hast? Ich frage, obwohl ich befürchte, dass du mir das nie sagen würdest. Warum eigentlich?
Weil ich es nie so empfunden habe. Ich habe für meinen Jahrgang eine sehr gute Ausbildung gemacht, aber mir war immer klar, dass wenn ich jemals Kinder hätte, diese meinen absoluten Fokus bekommen würden. Nun konnten wir es uns finanziell leisten, dass ich nicht arbeitete, und ich habe diese zwölf Jahre im «Beruf Mutter» sehr genossen. Immerhin sind wir ja in dieser Zeit auch noch ausgewandert. Heute habe ich eine Leitungsposition, und meine gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen, die immer berufstätig waren, sind in ihrer Karriere auch nicht weiter gekommen als ich. Mein Fokus liegt auch heute noch auf meiner Familie. Ich habe diese Zeit immer genossen und würde es rückblickend wieder genau so machen.

Also die totale Selbstaufgabe?
Nein, es war für mich immer eine grosse Bereicherung und ein Privileg. Ich weiss, dass du das nicht so gut verstehen kannst.

Findest du, dass ich mich überfordere?
Ja. Tatsache ist, dass ihr jungen Frauen heute alle Möglichkeiten habt. Das ist gut, das Problem ist nur: Ihr glaubt, auch alle Optionen gleichzeitig in Anspruch nehmen zu müssen. Damit überfordert ihr euch grenzenlos.

Was wäre denn in deinen Augen ein gutes Pensum für eine junge Mutter wie mich?
Meine Erfahrung als Personalvermittlerin zeigt, dass 40 Prozent, maximal 60 Prozent realistisch sind – dazu gehört dann aber auch ein Partner, der mitzieht, und als Back-up noch eine dritte Bezugsperson.

Wenn wir als junge Mütter nicht in hohem Pensum weiterarbeiten, kriegen wir später die Quittung – Stichwort Altersarmut. Und im Ernst – man kriegt ja eher selten einen interessanten Job mit einem Pensum von 40 Prozent. Was tun?
Sich einen Scheich suchen (lacht)! Ich weiss, dass dies ein grosses ungelöstes Problem ist, aber deswegen sollten wir doch trotzdem schauen, dass es uns im Jetzt gut geht. Es bringt dir ja auch nichts, wenn du 15 Jahre leidest, damit es dir mit 65 besser geht. Die Altersversorgung von heute wird es vielleicht gar nicht mehr geben, wenn du im Pensionsalter bist. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte eine mögliche Lösung sein. Wichtig ist jedenfalls, eine Überbeanspruchung zu verhindern, denn mit Geld kann man bekanntlich keine Gesundheit kaufen.

Wurdest du auch einmal kritisiert, dass du dich für ein Leben als Hausfrau und Mutter entschieden hast?
Ja, nicht zuletzt auch von meinen beiden Töchtern (lacht). Ich würde das aber immer wieder so machen. Als ich 1984 zum ersten Mal Mutter wurde, gab es hier die erste grosse Welle der arbeitenden Mütter. Ich musste mich in der Zeit so sehr verteidigen, weil ich immer sehr mitleidig als «nur Mutter» bezeichnet wurde. Ich fand das unfair, weil ich sicher bin, dass ich in der Zeit mehr geleistet habe als so manche Frau in ihrem Sekretärinnenjob, die sich dann plötzlich als grosse Feministin verkauft hat.

Hattest du auch manchmal Sehnsucht nach deinem alten Leben, als du eine junge Mutter warst?
Nein, es war für mich ein ganz neuer Abschnitt und auch in einer ganz neuen Umgebung, weil wir, kurz bevor ich Mutter wurde, auch noch umgezogen waren. Das war alles eine grosse Herausforderung, und von daher hatte ich keinen Grund und auch keine Zeit, zurückzuschauen.

Hättest du dir jemals vorstellen können, dass dein Mann zu Hause bleibt und du arbeitest, so, wie das bei mir der Fall ist?
Eine solche Frage hat sich zu meiner Zeit nicht wirklich gestellt, ausserdem hätte ich dazu nicht den passenden Partner gehabt. Bei dir erlebe ich jetzt, dass das funktionieren kann. Aber auf die Dauer wird das Modell für deinen Partner auch nicht stimmen – er lebt mit dem Kind so in einer zu kleinen Welt.

Findest du es eigentlich seltsam, dass mein Mann mit 53 zum ersten Mal Papi geworden ist?
Nein, das finde ich wunderbar. Elternalter spielt gar keine Rolle, wenn man gern Papa oder Mama ist. Dein Partner darf jetzt etwas erleben, was er sich lange Jahre gar nicht vorstellen konnte – und ich spüre, dass er das sehr geniesst.

Wie findest du es, wenn man ein vier Monate altes Kind in die Kita gibt?
Ich finde das viel zu früh, das Kind weiss ja noch gar nicht, was mit ihm passiert. Ich habe es selbst bei meinen ersten beiden Enkelkindern erlebt. Andererseits haben die Kinder es ja scheinbar schadlos überstanden – von daher bin ich vielleicht zu hart in meinem Urteil.

«Wer Kinder liebt, darf doch gerne alle Zeit der Welt zur Verfügung stellen.»

Von Grossmamis wird heutzutage oft erwartet, sich ganz selbstverständlich als fixe Kinderbetreuung einspannen zu lassen. Das war zu deiner Zeit anders, oder?
Ja, man hat sich eher auch noch um die Grosseltern gekümmert, als dass man sie ständig beansprucht hätte. Aber das liegt immer in der Verantwortung der Grosseltern. Wer es nicht gern tut, soll es lassen – das ist auch besser für die Kinder. Wer Kinder liebt, darf doch gerne alle Zeit der Welt zur Verfügung stellen. Aber einfach erwartet werden sollte das von jungen Familien trotzdem nicht.

Rückt man Kinder heutzutage zu sehr in den Mittelpunkt und nimmt alles zu ernst?
Nun, Kinder brauchen Aufmerksamkeit, aber das heisst nicht, dass man sie überbehüten soll.

Findest du, ich sollte noch ein zweites Kind bekommen?
Dazu gebe ich gar keine Empfehlung ab, meine Liebe. Es sei nur bedacht, dass dann noch weniger Zeit für deine Partnerschaft und für dich selbst bleibt.

Also eher nicht!
Wie gesagt, ich gebe keine Empfehlung ab (lacht).

Was mache ich deiner Meinung nach falsch oder zumindest nicht ganz so gut?
Du arbeitest zu viel und setzt dich damit zu sehr unter Druck, das tut dir nicht gut und wird sich irgendwann gesundheitlich auswirken. Ausserdem spürt dein Kind deinen Stress.

Worin bin ich als Mama besser als du – natürlich in nichts!
Ich glaube, du bist analytischer im Umgang mit deinem Kind und deinem Partner. Ich bin eher pragmatisch an die Gesamtsituation herangegangen. Viele Situationen waren mir in ihren Auswirkungen nicht so bewusst wie dir heute, das machst du sicher besser.

Was glaubst du, werden meine Tochter und ich einmal für ein Verhältnis haben?
Ein sehr offenes, so wie wir zwei.

Welche Phase als Mutter wird wohl die schwerste für mich sein?
Der Abschied, wenn deine Kleine so richtig selbstständig wird. Ich erinnere mich ganz genau an das Gefühl. Ich war so stolz, aber gleichzeitig unendlich traurig.

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