Freitagsfrage

Was Eltern über Fieber wissen müssen

Wie soll ich mich verhalten, wenn der Kopf des Kindes glüht? Zwei Ärztinnen beantworten die zehn häufigsten Elternfragen zum Thema.

Kühlen Kopf bewahren: Hohes Fieber bedeutet nicht automatisch, dass das Kind ernsthaft krank ist. Illustration: Benjamin Hermann

Ich bin Mutter einer Tochter (3) und eines Sohnes (2 Monate). Auch wenn meine Grosse schon allerlei Krankheiten durchgemacht hat, bin ich noch immer verunsichert und ängstlich, wenn eines der Kinder Fieber hat. Was müssen wir als Eltern zum Thema wissen? Und stimmts, dass Corona bei Kleinkindern kaum Fieber auslöst? Maria

Liebe Maria, vielen Dank für Ihre Frage. Sie sind nicht alleine – viele Eltern sind unsicher, wenn ihr Kind Fieber hat. Dieser Leitfaden hilft.

1. Wie messe ich richtig Fieber?

Fühlt sich das Kind heiss an, müssen Sie auf jeden Fall zuerst Fieber messen, und zwar richtig: Am einfachsten, aber auch am unzuverlässigsten, ist das Fiebermessen unter der Achsel. Deshalb ist diese Methode nicht zu empfehlen.

Besser ist die Messung im Po (rektale Messung genannt) mit einem flexiblen digitalen Thermometer. Die Temperatur im After kommt der Körperkerntemperatur am nächsten, und die möchte man näherungsweise wissen. Man streicht etwas Vaseline auf die Thermometerspitze, legt das Baby zum Beispiel bäuchlings über die Oberschenkel eines Elternteils und schiebt die Thermometerspitze vorsichtig in den After. Bei grösseren Kindern geht das rektale Messen in Seitenlage am besten.

Im Mund ist die Temperatur rund ein halbes Grad tiefer als im Po. Das liegt am Atemstrom beim Atmen durch den Mund. Ausserdem können heisse oder kalte Getränke und Speisen die Messung dort verfälschen, deshalb sollte man mit 15 Minuten Abstand messen. Diese «orale» Messung unter der Zunge funktioniert gut bei Kindern, die schon kooperieren können und sicher nicht das Thermometer zerbeissen.  

Die Messung im Ohr eignet sich frühestens ab einem Alter von etwa sechs Monaten. Vorher ist der Gehörgang noch zu eng. Wird er von Ohrenschmalz verlegt, ist die Messung nicht verlässlich. (Das Ohrenschmalz bitte nicht herausgrübeln, dabei kann das Trommelfell verletzt werden!) 

2. Wie entsteht Fieber?

Zum Fieber kommt es, weil der «Sollwert» für die Körpertemperatur (normal etwa 37 Grad Celsius) in der Hirnanhangdrüse verstellt wird. Der Grund dafür sind Entzündungsbotenstoffe, die im Blut zirkulieren. Sie werden zum Beispiel bei Infektionen freigesetzt. 

3. Ab wann spricht man von Fieber?

Bei Säuglingen unter zwei Monaten wird ab einer Temperatur von 38 Grad Celsius von Fieber gesprochen. Ab dem Alter von drei Monaten gelten 38,5 Grad als Grenze. Hohes Fieber bedeutet nicht automatisch, dass das Kind ernsthaft krank ist, denn die Höhe des Fiebers sagt nicht unbedingt etwas über den Schweregrad der Krankheit aus. Kinder unter zwei Monaten können zum Beispiel sehr krank sein und nur leichtes Fieber oder sogar normale Temperatur haben, denn ihnen fehlt oft noch die Fähigkeit, richtiges Fieber zu entwickeln. Umgekehrt können Kleinkinder auch einmal 40 Grad Fieber haben und es ist nur das harmlose Dreitagefieber.

4. Was bewirkt Fieber?

Fieber kurbelt die Immunreaktion an und erschwert es vielen Bakterien und Viren, sich zu vermehren. Genau wie die normale Körpertemperatur schwankt meist auch die Fieberkurve im Tagesverlauf, Fieber ist deshalb meist morgens etwas tiefer und am späten Nachmittag oder abends höher. 

Normal ist es auch, wenn das Herz bei Fieber etwas schneller schlägt als sonst, denn Fieber fordert das Herz-Kreislaufsystem. Es steigert zudem den Kalorien- und den Sauerstoffverbrauch. Für ein sonst gesundes Kind ist das aber zu bewältigen. Fieber per se ist für die allermeisten Kinder deshalb nicht schädlich, solange es sich in Grenzen hält, der Allgemeinzustand des Kindes gut ist und es genügend trinkt. Fieber ist ein Symptom, das die Erkrankung aber nicht verschlimmert, ausser bei sehr hohen Temperaturen. 

5. Welche Ursachen hat Fieber bei Kindern?

Bei etwa der Hälfte der Kinder mit Fieber ist ein nicht näher bestimmter Virusinfekt der Grund. In den anderen Fällen findet man eine fassbare Infektion als Ursache für das Fieber: Oft sind es Harnwegsinfekte (häufig bei sehr kleinen Kindern), Atemwegsinfekte, Mittelohrentzündungen oder eine Darmgrippe. Schwerere Infektionen wie Lungen- oder Hirnhautentzündungen sind deutlich weniger häufig. Die neuen Coronaviren verursachen bei Kindern unter neun Jahren bisher fast nie Fieber.

Steigen kann die Körpertemperatur auch leicht, wenn Babys zahnen. Auch nach Impfungen kann es vorübergehend zu Fieber kommen sowie bei fehlender Flüssigkeit – gerade an heissen Tagen. Sehr selten ist das Fieber Zeichen einer ernsten Erkrankung.

6. Wann kann man abwarten?

Solange das Fieber nicht übermässig hoch ist (also unter 38 Grad bei ganz jungen Säuglingen, unter 39 Grad bei Dreikäsehochs und unter 39,5 Grad bei grösseren Kindern) sind das Verhalten und der Allgemeinzustand des Kindes entscheidend für die Beurteilung. Das Kind sollte eine normale Hautfarbe haben (auch Lippen und Zunge), die Mundschleimhaut sollte feucht sein und beim Atmen sollten sich der Brustkorb und der Bauch nach aussen bewegen (wie sonst auch). 

Einer Schätzung zufolge dosiert etwa die Hälfte der Eltern die Fiebersenker bei Kindern falsch.

Ist das gegeben und das Kind verhält sich auf Ansprache wie sonst auch, kann zum Lachen gebracht werden, kann (bei Säuglingen) kräftig schreien und wird nach dem Schlafen schnell wach, darf man maximal drei Tage abwarten. Hält das Fieber länger an als drei Tage, sollte das Kind zum Arzt gebracht werden.

Welche Werte sind normal?

Wie viele Atemzüge ein Kind pro Minute macht und wie schnell sein Herz schlägt, hängt mit dem Alter zusammen. Ein Kind sollte zum Arzt, wenn es (bei ruhigem Sitzen oder Liegen) schneller atmet als:

  • 60-mal pro Minute bei Säuglingen bis fünf Monate
  • 50-mal pro Minute bei Säuglingen im Alter von sechs bis zwölf Monaten
  • 40-mal pro Minute bei Kindern über einem Jahr

und / oder wenn das Herz schneller schlägt als:

  • 160-mal pro Minute bei Babys bis zum Alter von zwölf Monaten
  • 150-mal pro Minute bei ein- und zweijährigen Kindern 
  • 140-mal pro Minute bei zwei- bis fünfjährigen Kindern
  • 125-mal pro Minute bei grossen Kindern

 

7. Wann sollte man zum Arzt?

Erhöhte Vorsicht gilt für unter Zweijährige. Bei jungen Säuglingen sollte man immer einen Arzt konsultieren, denn bei ihnen kann selbst eine schwere Infektion nur geringe Anzeichen verursachen.  Zum Arzt sollte ein Kind auch, wenn das Fieber mindestens drei Tage dauert, das Kind auffallend blass ist, nicht mehr trinken mag oder kann, wenn die Augen eingesunken sind, wenn es deutlich weniger Wasser löst, wenn es hinkt oder eine Schwellung an Armen oder Beinen auftritt, bei Schüttelfrost, wenn es sehr unleidig wird oder auf Ansprache nicht mehr so reagiert wie sonst. 

8. Was sind Alarmzeichen?

Ein Kind muss sofort zum Arzt, wenn eines dieser Zeichen auftritt: Blasse oder bläuliche Hautfarbe, apathisches Verhalten oder starke Schläfrigkeit, sodass es kaum zu wecken ist, hohes schrilles Schreien, komische Geräusche wie Grunzen, mehr als 60 Atemzüge pro Minute oder offensichtliche Mühe beim Atmen (wenn zum Beispiel unterhalb des Brustkorbs bei jedem Atemholen die Haut nach innen gezogen wird), oder wenn sich bei Säuglingen die Fontanelle vorwölbt.

9. Was kann man als Eltern tun?

Kleine Kinder bei Fieber nicht dick zudecken, weil sie dann die Hitze nicht abgeben können. Die Füsse mit Söckchen warm halten und den restlichen Körper nur leicht bedecken. Aber aufpassen: Wenn das Fieber wieder sinkt, soll das Kind nicht beginnen zu frieren. Nachts sollte man in Abständen nach dem Kind schauen. Wenn die Füsse warm sind, darf man grösseren Kindern auch Wadenwickel machen.

Fiebersenkende Medikamente sollten zurückhaltend eingesetzt werden.

Der erhöhte Flüssigkeitsbedarfs bei Fieber wird oft unterschätzt. Deshalb immer wieder Stillen oder das Kind zum Trinken auffordern, nicht einfach zuwarten, bis es wieder trinken möchte. Dem Kind zudem Ruhe bieten, Bücher vorlesen, einfache Spiele machen, CD hören, chillen und beim jetzigen Sommerwetter im Schatten bleiben. 

Fiebersenkende Medikamente sollten zurückhaltend eingesetzt werden. Sie können das Wohlbefinden verbessern, Kindern und Eltern eine ruhigere Nacht bescheren, möglicherweise aber auch die Immunantwort bremsen. Der gebräuchlichste Wirkstoff bei Kindern ab dem Alter von drei Monaten ist Paracetamol. Der Mindestabstand von einer Dosis bis zur nächsten muss mindestens sechs Stunden betragen.

10. Worauf muss ich achten?

Um für den Fieberfall gerüstet zu sein, ist es sinnvoll, sich vorsorglich beim Arzt oder Apotheker bezüglich der richtigen Dosis eines Fiebersenkers beraten zu lassen. Einer Schätzung zufolge gibt etwa die Hälfte der Eltern nicht die für das Kind passende Dosis. Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (bekannt zum Beispiel als Aspirin) ist für Kinder tabu, sie können davon schwer krank werden. 

Während des Fiebermessens sollte das Kind beaufsichtigt werden. Bevor das Kind wieder in die Kita oder zur Schule darf, muss es  einen Tag fieberfrei sein, bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 zudem auch mindestens 48 Stunden symptomfrei, wenn es zum Beispiel Schnupfen oder Husten hat.

Mitautorin: Dr. med. Brigitte Niederer Blatter, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in Olten

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10 Kommentare zu «Was Eltern über Fieber wissen müssen»

  • Othmar Riesen sagt:

    Bei unserem damals einjährigen Buben führte jeder neue Zahn zu 40°+ Fieber. Seine Schwester hatte hingegen null Probleme beim Zahnen.
    Beste Grüsse
    O.R.

  • Esther sagt:

    … ausser es handelt sich um „Saturday night fever“ …. aber da sind sie meisten schon ein bisschen grösser…

    Nicht wahr John ?

  • 13 sagt:

    „die Höhe des Fiebers sagt nicht unbedingt etwas über den Schweregrad der Krankheit aus“
    Was genau der Grund ist, warum das Fiebermessen aus meiner Sicht überbewertet wird. Ich wüsste bei uns zu Hause nicht einmal, ob und wo wir einen Fiebermesser haben. Wozu auch? Ich merke doch, wie es meinem Kind geht, ob es etwas warm, aber evtl. noch fit ist, oder glüht und schlapp daliegt und entscheide entsprechend. Geht es einem Baby/Kleinkind unter 2 Jahren nicht gut, sollte man ohnehin nicht zögern, sondern den Arzt anrufen. Bei älteren Kindern gibt es soviele andere Merkmale, die viel wichtiger sind. Mit etwas Bauchgefühl kann man dann gut entscheiden, ob allenfalls Hausmittelchen ausreichen (keine Zuckerkügelchen, sondern richtige Hausmittel) oder auf Medizin zurückzugreifen ist.

    • Martin Frey sagt:

      @13
      Ich würde vielleicht nicht gerade von „überbewertet“ reden, aber Fiebermessen ist nur ein Tool von mehreren um das Befinden des Kindes abzuschätzen, wie Du in Deinen guten Ausführen völlig korrekt anmerkst. Wenn etwas überbewertet ist, dann ist es sicherlich das Zahnen, manchmal unglaublich was dem alles in die Schuhe geschoben wird. 😉
      Ich glaube, eine mehrerer Take-Home Messages ist die, dass Kinder (insbesondere auch Neugeborene, Säuglinge) nicht Fieber entwickeln müssen um relevant krank zu sein. Und dass die Höhe des Fiebers nicht mit der Ernsthaftigkeit einer Krankheit korreliert.
      Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene.

      • 13 sagt:

        @ Martin
        Eben. Wenn medizinische Fachpersonen Fieber messen zur vollständigen Diagnose, ist das selbstverständlich völlig ok. Aber ich würde jetzt nicht sagen: Ab 38.5 gebe ich ein Zäpfchen, mit 38.4 nicht, auch wenn das Kind apathisch da liegt. Das macht überhaupt keinen Sinn. Darum reichen mir als Laiin drei Unterscheidungen: Kind hat kein Fieber, Kind ist etwas warm und Kind glüht! Und wenn ich verunsichert bin und nicht mehr weiterweiss, rufe ich eben eine Fachperson (und damit meine ich nicht FB 😉 ).

      • Muttis Liebling sagt:

        Was soll eine ‚medizinische Fachperson‘ sein? Diesen Nonsensausdruck gibt es in keiner Sprache und in keiner Berufsordnung. Es gibt nur einen medizinischen Beruf, der heisst Arzt und Angehörige diesen Berufes messen i.A. nicht Fieber.

        Fieber messen Pfleger oder die Praxisassistenten und das beides sind Gesundheits-, keine medizinische Berufe.

      • 13 sagt:

        Ach, ML, schon wieder? Ich hatte keine Lust alle aufzuzählen und fasste zusammen. Für meine Aussage ist es ziemlich unerheblich, ob die Chefärztin, der Assistenzarzt, die Pflegefachfrau, der Pflegehelfer oder wer auch immer von den in einer Praxis oder einer Klinik angestellten Personen das Fieber misst. Ich als Mutter tue es nicht, sofern nicht ausdrücklich von einer der genannten Personen es wünscht.
        Und bevor es kommt: ja, ich brauche abwechslungsweise die weibliche und die männliche Form oder spreche von Personen. Nein, das ist in der deutschen Sprache nicht falsch. Und ja, wir haben 2020.

      • Martin Frey sagt:

        @ML
        Ich messe regelmässig selber Fieber, und meinen Beruf kennen sie ja.
        @13
        Was du ansprichst ist eine gewisse Fixierung auf die Stelle nach dem Komma. Das ist Unsinn weil die meisten Messmethoden abgesehen von rektal (wie es auch im Artikel steht) sowieso nicht allzu präzise sind.
        Wo ich hinaus wollte, dass man auf das eigene Bauchgefühl hört und dem Kind mehr Beachtung schenkt als dem Thermometer. Eltern fehlt vielleicht die klinische Erfahrung aber sie haben oft ein gutes Bauchgefühl. Mit ein bisschen mehr Info wie es der Text liefert können sie meist ein Kind nicht so schlecht einschätzen. Und in allen anderen Fällen sollen sie zu einem Arzt gehen unabhängig von der Temperatur, und zwar je kleiner desto schneller.
        Apropos, was ist FB?

      • Muttis Liebling sagt:

        @Martin Frey, was Sie tun ist Einzelfall, muss nicht den in Tätigkeitsbeschreibungen für Berufsgruppen entsprechen.

        Im Spital und in Arztpraxen werden Pflichten über Berufsgruppen verteilt, nicht über Personen. Eine Berufsgruppe heilt, die andere beschäftigt sich mit Gesundheit, zu der auch die präklinische Diagnostik gehört. Pflegeberufe heilen nicht und Ärzte beschäftigen sich i.A. nicht mit Gesundheit in Form der Pflege.

        Immer handeln Berufe, nicht Personen. ‚Zum Arzt gehen‘ bedeutet nicht, einem physischen Arzt zu begegnen, sondern die Struktur Praxis aufzusuchen. Es gibt ausserhalb privat immer nur Rollen und Strukturen, keine Personen. ‚Fachperson‘ ist kein Begriff für Beschreibung professioneller Verhältnisse.

      • 13 sagt:

        @ Martin
        Facebook 😉

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