Schon wieder schlechte Laune?

Unser Autor übt sich darin, die Stimmungsschwankungen seiner Kinder nicht persönlich zu nehmen – denn das wäre ziemlich unfair.

Wieder einer dieser Tage? Die schlechte Laune unserer Kinder kann ziemlich ansteckend sein. Foto: iStock

Oha, das sieht nicht gut aus. 8 Uhr morgens, die Lebenskomplizin ist gerade aus dem Haus, und meine beiden kleinen Kinder betrachten mich wie zwei hungrige Wölfe im Zoo, denen jemand seit einer halben Stunde ständig mit einem langen Stock in die Seite pikst. Sie sind gereizt, sie sind genervt, sie wollen irgendwas, wissen aber selbst nicht so genau, was eigentlich. Unmotiviert fangen sie an, testweise Bedürfnisse in meine Richtung zu nölen. Vielleicht passiert ja was. Als ich routiniert eines nach dem anderen abarbeite, ohne mich dabei vom Kaffeetrinken abhalten zu lassen, reicht es ihnen: In der Folge suchen sie miteinander und mit mir immer wieder Streit, weinen herzzerreissend über das Wetter, einen unfairen Bauklotz und den Wochentag, drohen einander und beschimpfen sich. Wie kleine Hexen stehen sie an einem grossen Kessel voller schlechter Laune, kochen und rühren ihn auf, bis es blubbert und spritzt und alles um sie herum in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich auch. Dabei hatte ich eigentlich gerade gar keine schlechte Laune. Aber das ist hier gar nicht das Thema. Meine Kinder haben welche, und darum muss ich da jetzt durch.

Eigentlich auch nachvollziehbar. Seit über 3 Monaten sitzen sie mittlerweile – von kleineren Ausflügen unterbrochen – zu Hause herum. Sie hören, dass sie dieses oder jenes wegen Corona nicht dürfen, und die Langeweile steht ihnen allmählich bis zum Hals. Die Tatsache, dass viele andere inzwischen mehrheitlich so tun, als wäre nie etwas gewesen, macht es auch nicht gerade besser. Ich nehme sie trotzdem nicht mit zum Einkaufen oder in eine Eisdiele. Und ob ich sie in dieser chaotischen Situation wieder in die Kita schicke, ist auch noch nicht ausgemacht. Ehrlich gesagt gruselt mir gerade vor diesem Betreuungs-Live-Experiment. Ich hatte sie gerade in die neue Kita eingewöhnt, sie haben sich über ein paar Wochen neue Freundinnen und Freunde gesucht und gefunden – mit ersten Spielverabredungen und Geburtstagseinladungen. Und dann kam Corona.

Papa ist mal wieder beleidigt

Inzwischen ist die neue Kita sehr weit weg und viele Routinen, die wir angelegt hatten, längst eingerostet oder verschüttet. Was bleibt, sind neben guten und wirklich schönen Momenten auch immer wiederkehrende schlechte Laune, die zwar zunächst träge und irgendwie gelangweilt daherkommt, dann aber superschnell explodiert, anfaucht, schreit, wütet und zertrümmert. Erwachsene, und das schliesst mich mit ein, scheinen die schlechte Laune von Kindern sehr schwer auszuhalten. Sie verhalten sich, als wären sie davon persönlich beleidigt und immer gemeint. Das liegt an ihrer Betroffenheit. Ich zum Beispiel kann meinen Kindern nicht ausweichen.

Ich muss hier moderieren, trösten, mich kümmern, Streitanlässe bewerten (mach ich nicht gerne), versöhnen (mach ich gerne) und sowieso und überhaupt irgendwie zuständig sein. Dabei erwische ich mich ab und zu dabei, meinen Kindern ihre schlechte Laune ausreden zu wollen. Weil sie mich nervt, ich sie anstrengend und überflüssig finde. Dabei ist es doch zunächst einfach so, wie es ist. Meine Kinder haben schlechte Laune und fertig. Müssen wir halt mit klarkommen. Trotzdem versuche ich es hier und da mit Ablenkungen, Beschwichtigungen oder Situationsaneignung. Das heisst, dass ich mich und meine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stelle, meinen Unwillen, meine Gereiztheit, die von dieser für mich grundlosen schlechten Laune getriggert wird. Dabei ging es doch eigentlich gerade um meine Kinder, oder nicht?

Der richtige Moment für miese Stimmung?

Einmal tief ein- und auszuatmen und sich dabei zu fragen, was eigentlich legitime Gründe für mich wären, dass meine Kinder schlechte Laune haben dürfen, reicht. Wann wäre denn der richtige Moment für miese Stimmung? Das hilft mir zwar nicht aus der Situation oder meiner genervten Überforderung, aber es zeigt mir, dass es im Grunde nie die richtige Zeit für kindliche schlechte Laune gibt. Ist das nicht seltsam? Erwachsenen gestehen wir das viel eher zu. Ich gestehe mir das eher zu. Weil mir Dutzende Gründe einfallen, wegen diesem oder jenem grantelig zu werden oder gar auszurasten.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich nicht ständig herumbrülle und Sachen anzünde. Wieso sollte das bei Kindern anders sein? Warum müssen die ihre Wut und ihre Gereiztheiten vor uns dauernd rechtfertigen und begründen? Obwohl genau das etwas ist, was nicht gerade zu ihren Stärken gehört. Schlechte Laune haben hingegen schon. Zumindest jetzt gerade. Ich übe mich also darin, sie nicht persönlich zu nehmen und besser auszuhalten. Das haben sie verdient. Auch wenn mir das schlechte Laune macht.

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