Von wegen nervige Nachbarn

Suchaktionen mit Happy End und ein stetiges Grundvertrauen: Warum unsere Bloggerin die Dorfnachbarschaft einfach grossartig findet.

Trotz Tratsch halten Nachbarn zusammen: Szene aus «Desperate Housewives». Foto: ABC Productions

Im Dorf kennt man sich bekanntlich. Wenn ich unterwegs bin in den Strassen, in denen ich selber gross geworden bin, begegne ich selten einem unbekannten Gesicht. Seit ich Kinder habe, schätze ich das mehr als vorher. Dabei freut es mich nicht nur, dass ich immer mal wieder für einen Schwatz anhalte und mich über die Dinge unterhalte, die mich gerade beschäftigen (was auch schon Abwechslung in manch eintönigen Tag gebracht hat).

Für mich bringt das Leben im Dorf ein Grundvertrauen mit sich, ein allgemeines Sich-aufgehoben-Fühlen in einer Gemeinschaft, die über die eigene Familie und Freunde hinausgeht. Auch wenn alles gut läuft, weiss ich irgendwo tief in mir drin, dass da Menschen sind, die uns helfen würden, falls die Ordnung auseinanderfällt. Das kann ein Brand sein, eine Scheidung, eine Krankheit vielleicht. Es kann aber auch im kleineren Rahmen im ganz normalen Alltag passieren, dass die Hilfe von anderen plötzlich unabdingbar wird.

Schreckmoment an der Chilbi

An der letzten Chilbi hatten wir so einen Schreckmoment. Gewusel herrschte überall, die Kinder rannten um den Platz, während wir Erwachsenen ins Gespräch vertieft waren. Unsere ganze erweiterte Familie war da, die Kleinen irgendwie von allen gleichzeitig beaufsichtigt. Oder von niemandem so richtig. Als meine Schwiegermutter gerade abwesend war und unsere kleinste Tochter auch, ging ich automatisch davon aus, dass sie gemeinsam an einem Stand sind. Als die Grossmutter mit einer Portion Pommes – aber ohne ihre Enkelin – wiederkam, sank mir das Herz in die Hose.

Auf dem Dorf ist es noch stärker verankert, dass man sich auch links und rechts ein bisschen kümmert.

Innert Sekunden machten wir uns alle auf die Suche nach der knapp Zweijährigen, versuchten den blonden Wuschelkopf inmitten der dynamischen Menschenmenge auszumachen. Als ich vom Schulhausareal auf die Nebenstrasse heraustrat, sah ich sie gemütlich hochspazieren; sie war zielstrebig auf dem Weg nach Hause. Der Bahnübergang war nicht weit, ein paar hundert Meter fehlten bis zur stark befahrenen Hauptstrasse. Schon fast eingeholt hatte sie ein Bekannter, der sofort reagiert hatte. War ich erleichtert!

Ich glaube, fast alle Eltern haben schon einmal etwas Ähnliches erlebt. Ich erinnere mich jedenfalls noch gut daran, wie ich selbst damals im Tierpark am Kassenhaus abgegeben wurde… Und ich glaube auch, dass es überall nette Menschen gibt, die sofort zum Rechten sehen, wenn ein Kind seine Eltern verloren hat oder sonst etwas passiert ist.

Mamas zusätzliche Augen und Ohren

In dörflichen Strukturen, wo sich die meisten Leute untereinander kennen, ist es aber vermutlich noch stärker verankert, dass man sich auch links und rechts ein bisschen kümmert. Wir kennen gegenseitig die Familienverhältnisse, das ungefähre Alter der Kinder, mit wem sie normalerweise unterwegs sind. Und wo wir notfalls klingeln müssten.

Ich habe auch schon interveniert, als ich einen Jungen allein angetroffen habe, der mir noch etwas zu klein schien, um selbstständig auf Wanderschaft zu gehen. Prompt kam seine Mutter mit den Geschwistern um die Ecke gerannt. Bei einem mir unbekannten Kind hätte ich vielleicht weniger schnell eingegriffen.

Ein doppelter Boden: Wenn der Nachwuchs Blödsinn anstellt, klingelt die Nachbarin. Foto: Getty Images

Ich möchte meine Kinder nicht immer kontrollieren und überwachen – das auf keinen Fall. Im Gegenteil: Ich denke, ihre Freiheiten werden im Primarschulalter grösser sein, als wenn wir in der Stadt geblieben wären, wo wir als kinderloses Paar gewohnt hatten. Gut so, sie sollen ihre Abenteuer erleben und sich unbekümmert bewegen können!

Ich habe die Gewissheit: Bei einem Unfall wird mich jemand rufen; wenn der Nachwuchs einen Blödsinn anstellt, werde ich es vermutlich bald erfahren. Die Dorfgemeinschaft ist wie ein paar zusätzliche Augen und Ohren, zur Not auch zusätzliche Hände, die helfen. Wenn es wichtig ist, dann, wenn es drauf ankommt, kann ich auf die Nachbarschaft zählen. Das finde ich sehr beruhigend.

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9 Kommentare zu «Von wegen nervige Nachbarn»

  • Hans sagt:

    Die hier Beschriebene Situation mit dem Kind ist einfach nur gesunder Menschenverstand, wie er sich im Dorf und in der Stadt findet.

    Gerade in Krisensituationen ist aber die Enge der Dorfgemeinschaften ein Problem.

    Wenn sich die Dorfgemeinschaft Z. B. bei einer Scheidung entscheiden muss, ob sie es mit dem Bauer hält, der seine Frau geprügelt hat, oder mit der Frau, die das Haus verlassen musste, dann zeigt sich die tückische Seite der Nähe. In der Stadt muss sich niemand entscheiden. Auf dem Land muss jeder, der der Ex-Frau auch nur schon ein nettes Grusswort zukommen lässt, mit der Rache des Ex-Mannes rechnen.

    Ausgrenzung und Mobbing, bis hin zur Sachbeschädigung funktionieren in einer Dörflichen Gemeinschaft einfach viel besser als in einer Stadt.

  • Coco sagt:

    Muss mich anschließen. Wirklich schlimm, wenn man ein fremdes Kind quf die Zuggleise oder die Strasse laufen lässt, weil man es halt nicht kennt. So was passiert wohl nur auf dem Land, da sind die Fremden wohl nicht sehr willkommen 😉 Nun jedenfalls rückt es die Verfasserin des Textes nicht unbedingt in ein gutes Licht. Ich bin im großen Dorf aufgewachsen und hab es nicht immer geschätzt, dass man überall erkannt wird. Sozusagen nichts machen konnte, ohne dass alle Bescheid wussten. Später hat es mich angeödet, dass viele Nachbarn nichts spannender fanden als über andere, nicht anwesende Nachbarn zu reden… nun, das gibt es wohl auch in der Stadt. Hier hab ich’s bisher einfach noch nicht so heftig erlebt. Evtl liegt’s auch am Umfeld, das ich mir hier einfacher selbst aussuchen kann.

  • Lisa sagt:

    Bin ganz klar ein Stadtkind. Als mir im Quartier zweimal ein Velo-Unfall passiert ist, war meine Familie schneller vor Ort als ich gucken konnte. Beim ersten Mal war ich ca. 9. Beim zweiten Mal war ich ca. 30 und wohnte schon 10 Jahre nicht mehr in der Stadt, war nur zu Besuch da. Noch bevor Polizei und Sanität mit Blaulicht kamen, standen schon meine älteren Brüder da, die von wem auch immer informiert wurden. War schon fast peinlich 😉 Jetzt lebe ich in Zürich, kenne kaum jemand mit Namen, nur im Quartier einige vom Sehen. Und habe mich auch schon um kleine Kinder, entlaufene Katzen, herrenlose Einkaufstaschen und verwirrte Demente gekümmert. Das ist doch keine Frage von Stadt oder Land, sondern von – ja, von was eigentlich? Normalität?

  • Anna Schärer sagt:

    Liebe Frau Lüönd

    Ich muss das jetzt einfach mal loswerden.

    Etwas verwundert habe ich diesen Text über „Kinder im Dorf“ gelesen und frage mich: Ist das jetzt wirklich so wichtig, dass Sie, als gute Journalistin, darüber schreiben müssen?

    Als „kinderlose“ Frau erstaunen mich diese Kolumnen immer wieder, die sich explizit mit solchen Themen beschäftigen.

    Werden evt. junge Journalistinnen, die kleine Kinder haben, sogar dazu gedrängt, sich (ausschliesslich) mit solchen Inhalten zu beschäftigen?

    Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sowas auf die Länge spannend sein soll. Schreiben junge Journalisten, die kleine Kinder haben, auch (ausschliesslich) über das Vatersein und seine Auswirkungen?

    Dies ist als Denkanstoss gedacht.

    Freundliche Grüsse

    Anna Schäfer

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Ich habe mit diesem Beitrag Mühe. Hier wird pauschalisiert, dass es schon peinlich ist. Ich wohne auf dem Land. Nein, nicht im Dorf, sondern ausserhalb in der Landwirtschaftszone. Selbstverständlich halte ich mein kleines Nachbarskind auf, wenn dieses alleine unterwegs wäre, obwohl weit und breit kein Bahnübergang oder eine stark befahrene Hauptstrasse eine Gefahr darstellen. Aber jeder normaldenkende Mensch hindert auch am HB, in der Badi, oder an der Autobahnraststätte ein Kind daran, welches offensichtlich ohne Begleitung unterwegs ist, sich alleine zu entfernen, vor einen Zug zu geraten, ins Wasser zu fallen, oder in ein Auto zu rennen.

  • 13 sagt:

    Schön geschrieben, jedoch muss ich sagen, dass das in der Stadt genauso der Fall sein kann. Man lebt ja oft in den Quartieren. Auch eine Hochhaussiedlung kann so betrachtet ein Dorf sein. Manchmal sogar mehr, weil die Menschen enger aufeinander leben und nicht jeder hinter seinem Gartenhaag verschwinden kann.

    • tststs sagt:

      Ganz genau.

      Und ich muss die Autorin ein wenig kritisieren (und in die Klischee-Kiste greifen):
      „Bei einem mir unbekannten Kind hätte ich vielleicht weniger schnell eingegriffen.“
      DAS ist Dorf-Denken!

      • tststs sagt:

        Nei ehrli, ich ärgere mich gerade ein wenig.
        Heisst das, die Autorin würde an der Dorf-Chilbi ein verlorenes Kind einsammeln, im Züri Zoo aber nicht?

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