Die Grosseltern erscheinen im Livestream

Plötzlich ist alles anders. Die Grosseltern sind weg und wirken wie entfernte Verwandte. Das bringt einige Herausforderungen mit sich.

Die einzige Lösung für den Kontakt: Die meisten Grosseltern sehen ihre Enkel momentan nur noch via Bildschirm. Foto: iStock

Beebers wirkt ganz zufrieden, so eingesperrt mit seiner Familie. Und mir geht es ähnlich. Dank einer leichten sozialen Phobie kommen mir Quarantänen jeweils ganz gelegen. Meine Frau und der Brecht leiden schon eher. Sie möchten mal was anderes sehen als immer nur mein Gesicht. Verstehe, wer will.

Dürfte der Brecht einen Lockdown-Joker ausspielen, er würde ihn wohl für seine Grosseltern einsetzen. Ah, die Grosseltern, welches Kind liebt sie nicht? Inbegriff der Grosszügigkeit, ihr Heim ein rechtsfreier Raum, in dem die strengen elterlichen Gesetze nicht einklagbar sind. Drei Viertel des Brecht’schen Glacekonsums finden rund um Grossvaters Kühltruhe statt. Bei jeder noch so blöden Spielidee macht Grossmutter mit. Sie ist des Kindes Hündchen, Pferd oder Klettergerüst. Von ihr lernt der Enkel auch Lügen: «Der Brecht hat viel Gemüse gegessen und danach nur ein winziges Dessert» *Zwinkizwonki zum Kind* Ja, ist klar, Mutter, deshalb sieht er auch aus, als hätte er vier Längen Kraul im Schokoladenbrunnen geschwommen. Doch plötzlich ist alles anders. Die Grosseltern sind weg. Entfernte Verwandte.

Es passen nicht alle durchs Internet

Der Brecht hat als Scheidungsenkel sechs Grosseltern, zählt man die gestiefelten mit. Vier von ihnen leben 700 Kilometer entfernt. Wir sehen sie alle paar Monate – zuletzt über Neujahr. Je ein Besuch der Grosseltern bei uns fiel bereits dem Coronavirus anheim. Über Ostern wären wir eine Woche zu ihnen gefahren. Nicht einmal Daniel Koch himself weiss, wann wir sie das nächste Mal treffen können.

Wir tun, was jetzt alle tun: videokonferenzeln – mit den üblichen technischen Problemen. Schlechte Bildqualität und absurde Kamerapositionen, die Opas Nasenhaare im Gegenlicht wie Tentakel eines Tiefseeungeheuers aussehen lassen. Diesseits wiederum ist der Kamerawinkel zu eng für unsere inzwischen recht breite Familie. Ausserdem darf das Baby doch noch gar keine Bildschirme. First World Problems – falls wir überhaupt noch First World sind. Am meisten tun mir die Grosseltern leid, weil sie ihr zweites Enkelbaby nicht durchschmusen dürfen.

Ein Choleriker steht am Elektrozaun

Ganz anders sehen die Herausforderungen bei meinen Eltern aus. Sie wohnen nebenan, in Hustdistanz. Spielt der Brecht draussen, kommen sie aus dem Haus und umgekehrt. Das ist schön, nicht zuletzt wegen der hervorragenden Bildqualität. Fünf von fünf Sternen. Grossvaters Nasenhaare wehen gleichmässig ausgeleuchtet im Frühlingswind. Dafür klappt das mit dem Abstand nur so mittel. In der Theorie wissen alle Bescheid, aber in der Praxis reisse ich ständig das Fenster meines Homeoffice auf und brülle: «DAS SIND NIEMALS ZWEI METER, HERGOTTNOCHMAL!»

Ich könnte es lockerer nehmen, aber meine Eltern sind beide über 70 und haben in ihrem Vorerkrankungs-Sammelheft schon fast alle Sticker eingeklebt: Diabetes, Bluthochdruck, Thrombosen. Manche haben sie sogar doppelt. Ausserdem erhalten sie immer noch Besuch von älteren Herrschaften, deren Medienkonsum komplett aus Schwyzerörgeli-Kassetten im Autoradio besteht. «Coro..was?» – «CORONA, HANSUELI! BITTE BLEIB ZU HAUSE!»

Vermutlich muss ich noch wochenlang den griesgrämigen Choleriker spielen und vielleicht sogar einen elektrischen Weidezaun installieren. So einen wie bei «Jurassic Parc». Ich bläue dem Brecht gerne zwanzigmal ein, dass das Grosi momentan kein Klettergerüst ist. Viel lieber, als dass ich ihm erklären muss, weshalb der Krankenwagen vor der Tür steht.