Ich will kein Familienvater sein

Rund um die Elternschaft gibt es absurde Wörter. Doch ein Begriff stört unseren Papablogger ganz besonders.

Er geht wohl als Familienvater durch: Al Bundy, das Oberhaupt der «schrecklich netten Familie». Foto: Filmstill

Ist eine dreifache Mutter dreimal mehr Mutter als eine einfache Mutter? Und ein Teilzeitvater? Geht er kinderlos durch die Hälfte seiner Woche?

Rund um die Elternschaft denken sich Menschen absurde Wörter aus: Kugelzeit, Bauchzwerg oder Göttergatte zum Beispiel. Begriffe wie aus einem Fantasy-Film. Lord of the Beissrings.

Manche Wörter haben ihren Zweck, selbst wenn sie auf den ersten Blick wie Pleonasmen klingen. Der «Kindsvater» und die «Kindsmutter» sind solche Fälle. Wenn eine Mutter sagt, sie habe keinen Kontakt zum Vater mehr, weiss man eben nicht, ob zum eigenen Vater, dem Vater des Kindes oder dem Vater des Golden Retrievers. Übrigens hätte ich erwartet, dass «Kindsvater» ein typisch juristischer Begriff ist. In der systematischen Rechtssammlung des Bundes kommt er allerdings nicht vor.

Ein Wort wie von Albert Anker gemalt

Doch etwas habe ich nie verstanden: Was genau ist ein «Familienvater»? Der Vater einer ganzen Familie – also auch der Mutter? Das klingt mindestens verboten. Es fällt auf, dass die Familienmutter kaum existiert. Zumindest kam sie mir bisher nie unter die Lesebrille. Dient der Familienvater vielleicht zur begrifflichen Abgrenzung vom Weglaufvater, der sich nach der Geburt verabschiedet und zwar technisch noch Vater ist, aber ohne Familie dasteht? Nicht zu verwechseln mit dem Marathonvater in der Midlife-Crisis, der nach 42 Kilometern wieder zurückkehrt.

Wikipedia und der Duden legen eine romantisch patriarchal-historische Bedeutung nahe. Der Familienvater sei ein Vater (AHA!) «besonders im Hinblick auf die Fürsorge für seine Familie». Bin ich Journalist, möchte ich das Wort «Familienvater» natürlich korrekt anwenden können. Der Duden schlägt als Beispiel diesen Satzbaustein vor: «ein treu sorgender, ordentlicher Familienvater». Wie schön. Der Familienvater ist also einer von den Guten. Er möchte, dass es seinen Liebsten an nichts mangelt, und er wirft seine getragene Kleidung farbsortiert in den Wäschekorb. Man gerät ins Schwelgen: Hach, die Familie als «kleinste Zelle der Gesellschaft». Darauf einen Schluck Demeter-Kamillentee.

Blut, Sperma und Reifenabrieb

Doch die Praxis sieht anders aus – das zeigt ein Blick in die Presse. Ist Ihnen aufgefallen, wann ein Mensch medial zum Familienvater wird? Er muss dem Tode mindestens nahe sein, dafür gesorgt haben, dass jemand anderes dem Tode nahe ist, oder als ehrloser Lump durchs Leben gehen. Kurz: An Familienvätern klebt Blut. Entweder das eigene, fremdes oder beiderlei.

Ich habe mehrmals «Familienvater» in die News-Suche von Google getippt. Mit immer ähnlichen Resultaten. Familienväter werden von Covid-19 dahingerafft, sie vergewaltigen, missbrauchen, betrügen, werden im Sturm von Tannen erschlagen, und überfahren sich gegenseitig. Auch im Nachbarschaftsgeschwätz kommt der Familienvater nie gut weg. «Hast du gehört? Vorgestern hat unten bei der Autobahnausfahrt das Puff ‹Zur flotten Peitsche› gebrannt. Die Feuerwehr musste den Gemeindepräsidenten, den Pfarrer und vier Familienväter retten.»

Der Familienvater ist ein Begriff, der immer dann hervorgeklaubt wird, wenn es etwas zu dramatisieren gibt. Wenn der Schlagzeile oder dem Klatsch noch ein paar Umdrehungen aus der Skandalmühle guttun. Als Familienvater wird ein Opfer noch bedauernswerter und ein Täter noch mehr zum Sauhund.

Nennt mich zweifacher Vater, meinetwegen auch Götterkugelzwerg – ich will einfach nie ein Familienvater sein.

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