Von Paar zu Paar

Lust auf ein Sexdate, Schatz?

In unserer neuen Serie berichten unsere Paarcoaches aus dem Therapiealltag und verraten, wie man auch als Eltern ein Paar bleibt. Heute mit dem Thema: Kann Sex nach Plan für gestresste Eltern wirklich die Lösung sein?
Illustration: Benjamin Hermann

Der Anspruch, guter Sex müsse spontan sein, ist überhöht: Auch terminierte Lust kann funktionieren. Illustration: Benjamin Hermann

Die meisten Paare in meiner Beratung wünschen sich, dass Sex einfach so passiert. Dabei gehen sie davon aus, Lust verhalte sich zu Sex in etwa so wie Hunger zu Spaghetti: Man isst halt einfach, wenn man Appetit hat! Nur hält sich der Alltag leider selten an die Lustkurve der Beteiligten. Wenn Zeit da wäre, ist die Energie am Nullpunkt; hätte die eine Lust, mag der andere gerade nicht. Dies alles darf ruhig auch mal vorkommen. Wird das Ungleichgewicht jedoch zum Standard, kuschelt sich bald eine ungemütliche Unzufriedenheit mit aufs Sofa. Und allzu oft fällt der Sex dann in der Prioritätenliste immer weiter nach hinten. Anderes ist schliesslich dringender. Das mag sein. Aber ist es auch wichtiger? Und da setzt die Idee des Sexdates an: Man verschafft dem Sex Priorität, indem man sich den passenden Zeitpunkt für die Lust sucht.

Eine aktuelle Umfrage auf meinem Instagram-Account ergab, dass 60 Prozent der über 100 Teilnehmenden noch nie den Sex mit dem Partner im Kalender eingetragen haben. 40 Prozent aber schon – und diese schwärmten. Von Vorfreude! Von Kreativität! Von erotischen Textnachrichten! Von Sushi und Prosecco!

Die Gegnerinnen und Gegner der Sexdates (oder die, die es noch nie ausprobiert haben) sagen: «Bei uns klappt es zum Glück immer noch spontan!», «Sex zu planen, ist ein Armutszeugnis für die Partnerschaft!» oder: «Ich muss sonst schon so viel planen, das jetzt auch noch?!»

Was also ist dran an der terminierten Lust? Und ist sie therapeutisch sinnvoll?

Sex muss doch spontan passieren!

Der eigene Anspruch, Sex müsse spontan sein, damit er gut ist, ist nicht nur überhöht, er ist auch unfair seinem Partner oder seiner Partnerin gegenüber. Eine Frage, die ich in der Psychotherapie dann gerne stelle, lautet: «War der Sex am Anfang denn wirklich so spontan, wie Sie es jetzt in Erinnerung haben?» Ich unterstelle niemandem mangelnde Spontaneität, aber ich unterstelle, dass wir schon früher oft sehr genau wussten, an welchen Tagen, zu welchen Zeiten und an welchen Orten Sex passieren würde. Oder wie oft haben Sie jeweils gedacht: «Uff, damit hab ich jetzt ja so gar nicht gerechnet?!» Fragt man also genauer nach, können die meisten Paare ziemlich exakt sagen, wann sich ihre «Sexdates» etabliert haben. Nämlich oft zur selben Zeit, am selben Ort und am selben Tag der Woche (und oft auch in der gleichen Stellung). Ist er also vielleicht doch nicht so spontan?

Offenheit ist Pflicht

Gerade für Paare mit einer sehr vollen Agenda, wenig gemeinsamer Zeit und kleinen Kindern kann das Sexdate durchaus wertvoll sein. Auch Paare, die zu unterschiedlichen Zeiten spontan Lust verspüren, profitieren vom Eintrag in der Agenda. Sind beide grundsätzlich für mehr Sex, schlage ich das Sexdate in der Beratung vor. Geht es allerdings darum, ob überhaupt noch Sex stattfinden soll, ist diese Intervention nicht unbedingt die beste Lösung. Vom Sexdate rate ich auch streng ab, wenn nicht alle Beteiligten mit Neugierde und Offenheit auf den Vorschlag reagieren. Niemand soll sich zu Sex drängen lassen!

Viele berichten, dass ihnen das Date hilft, Vorfreude auf den Liebesakt zu entwickeln.

Beschliesst ein Paar jedoch, dieses Experiment zu starten, empfiehlt es sich, einen Zeitraum zu reservieren, in dem Lust möglichst leicht entstehen kann. Heisst zum Beispiel: Beide sollten nicht zu müde sein und die Kinder gut versorgt. Dann kann die Lust kommen – oder auch nicht. Es geht bei diesem Date nämlich nicht darum, unbedingt Sex zu haben, sondern darum, die Wahrscheinlichkeit dafür zu erhöhen. Viele Paare brauchen übrigens mehr als einen Versuch, um auf den Geschmack der Sexdates zu kommen. Es lohnt sich also, dem Vorhaben ein wenig Zeit einzuräumen.

Welche Vorteile sehen Paare im terminierten Sex? Viele berichten, dass ihnen das Date hilft, Vorfreude auf den Liebesakt zu entwickeln, dass sich die Erregung bereits im Vorfeld aufbaut, da Bilder im Kopf entstehen, die Lust erzeugen. Viele mögen die Vorstellung, dass es sehr wahrscheinlich zu Sex kommt. Einige sind auch erleichtert, weil die Gefahr sinkt, bei einem Annäherungsversuch einen Korb zu bekommen. Andere sagen, es nehme ihnen Druck weg, weil es auf Termin ist. Zudem erleben es viele als wertschätzend, wenn sie merken, dass sich der Partner oder die Partnerin Mühe gibt. Dies alles kann helfen, das Lusterleben zu steigern und die Beziehung zu beleben.

Kreative Umsetzungen

Schlage ich meinen Klienten zum ersten Mal solche Sexdates vor, ernte ich zumeist zwar leuchtende Augen, aber ratlose Mienen. Denn wo im Alltag soll man diese Slots denn finden? Nun, die Paare sind da mitunter sehr kreativ: Sie nehmen sich für einen Abend ein Hotelzimmer – anstatt ins Restaurant zu gehen, wie man es dem Babysitter gesagt hat. Sie bringen das Kind zur Grossmutter und gehen wieder nach Hause ins Bett. Oder sie treffen sich ganz einfach in der Mittagspause daheim, anstatt mit den Kolleginnen essen zu gehen.

Viele Paare berichten nach der Probephase, dass sie den Sex nach Plan als wertvolle Ergänzung zum spontanen Sex erleben. Als eine Spielart, die nicht bedeutet, dass etwas mit der Beziehung nicht mehr stimmt oder dass Sex nicht mehr von alleine passiert. Im Gegenteil: Sie empfinden den Sex nach Plan als eine Wertschätzung an den eigenen Partner und an die Beziehung. Als ein gemeinsames Projekt, das die Liebe nicht ab-, sondern das Sexualleben aufwertet.