Kita-Start: Eingewöhnung für Fortgeschrittene

Kitas sind eine tolle Sache für berufstätige Eltern. Damit den Kindern der Übergang leichtfällt, muss man sie aber am Anfang richtig begleiten.

Der Vater gibt Halt: So lässt sich die neue Umgebung sicher erkunden. Foto: iStock

Ich mache das jetzt zum sechsten Mal. Zum sechsten Mal sitze ich in irgendeinem Kitagebäude rum, versuche, auf dem Handy nebenbei ein paar E-Mails zu beantworten, rede mit Kindern, die bei mir vorbeikommen und wissen wollen, wer ich bin, und signalisiere meinem eigenen Nachwuchs durch meine Präsenz, dass alles in bester Ordnung ist.

Eingewöhnung nennt sich das. Und auch wenn es streckenweise ausgesprochen zäh ist und ich so wenig zu tun habe, dass ich nach einem Tag die Namen von 30 Kindern draufhabe, ist es eine wichtige Phase, die ich nicht einfach übergehen will. Auch wenn meine Kleinen den Anschein machen, dass sie mich überhaupt nicht brauchen. Und das tun sie tatsächlich kaum bis gar nicht, weil Eingewöhnung eben nicht gleich Eingewöhnung ist.

Als meine grosse Tochter mit einem Jahr in die Kinderkrippe kam, sass sie tagelang auf dem Schoss ihrer Bezugserzieherin oder patschte in meinem Gesicht herum, um sich zu vergewissern, dass ich noch da war. Nach drei Tagen ging ich für ein paar Minuten um den Block, dann für ein halbes Stündchen nach Hause, und nach zwei Wochen fühlte sie sich so wohl, dass wir die Eingewöhnung für erfolgreich beendet erklären konnten. Es wäre aber auch möglich gewesen, sie um mehrere Wochen zu strecken. Kinder sind nun mal verschiedenen.

Kitawechsel ohne Probleme

Geschwisterkinder zum Beispiel. Mein grosser Sohn brauchte mich kaum einen Tag. Er kannte das Personal und alle Kinder vor seinem ersten Tag in der Kita, weil er beim Bringen und Abholen ja immer dabei gewesen war. Seine Schwester war da. Bei ihm war es eher schwierig, ihm zu vermitteln, warum er dort nicht schon früher hingehen durfte. Nach dem Umzug dann eine neue Kita. Zwei Tage leichte Verunsicherungen. Aber sie hatten einander.

Mit den neuen Spielkameraden lässt sich manches Abenteuer erleben. Foto: Nathalie Guinand

Ähnlich lief es bei meinen Kleinen. Söhnchen hat sich Zeit gelassen. Die Anstrengung war ihm anzumerken, die Bezugserzieherin musste mittendrin leider wechseln, also dauerte der Prozess. Seine jüngere Schwester war hingegen kaum zu halten.

Und jetzt also wieder Umzug und neue Kita. Beide Kinder haben sie schon vor ihrem eigentlichen «ersten Tag» mehrmals besucht. Die Räumlichkeiten sind toll, Erzieherinnen und Erzieher nett, und auf dem Weg zur Einrichtung kann mein Sohn einem seiner liebsten Hobbys nachgehen und mir 1,6 Millionen Mal erzählen, ich möge ihn und seine Schwester doch bitte nicht mit dem Lastenrad in den Fluss fahren. Wenn ich zurückfrage, wie oft ich sie denn schon mit Fahrrad oder Auto in einen Fluss gefahren habe, stupst er seine Schwester an, lacht schallend, wartet zwei Minuten und erkundigt sich dann, ob ich auch ja aufpasse, nicht in den Fluss zu fahren.

Jede Stunde lohnt sich

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich rasch in der neuen Kita wohlfühlen, ist also ziemlich gross. Und tatsächlich: Innerhalb von fünf Stunden kommen sie nur drei-, viermal angeschlumpft, schauen nach mir, erzählen mir etwas, umarmen mich und ziehen dann wieder ab. Zum Basteln, Bauen, Essen, Vorlesen, Quatsch machen. Ich sitze derweil auf einem winzigen Stuhl an einem winzigen Tisch und schaue mir die Fotos auf den Schränken der Kinder an.

Interessante Namen. Ab und an kommt ein Kind vorbei, fragt mich, wer ich bin, erzählt etwas von Schwimmbädern, Nudeln, Paw Patrol, seinen Eltern oder Apfelstücken. Einer möchte, dass ich auf seine Beule an der Stirn puste. Eine andere fechtet mit mir einen Grimassenschneidewettbewerb aus, den ich nur knapp gewinne.

Man könnte das alles für ganz unterhaltsam, aber überflüssig halten. Immerhin wäre meine Zeit auch gut in das Halten von Deadlines, Möbelaufbau und Bürokram erledigen investiert. Gibt schliesslich mehr als genug zu tun. Es ist aber eben keine vertane Zeit. Egal, wie wenig meine Kinder mich zu brauchen scheinen. Zur eigenen Anwesenheit und zum sichtbaren Ankersein gibt es in meinen Augen keine Alternative.

Gerade weil ich die Möglichkeit, meine Kinder fremdbetreuen zu lassen, sehr wertschätze, sollen sie wissen, dass ich ihre Anstrengung, sich auf neue Menschen einzulassen, nicht für selbstverständlich halte. Denn wie anstrengend das Ganze war, merkt man spätestens am Nachmittag, wenn sie völlig fertig auf dem Sofa rumlümmeln und möglichst jeden Quadratzentimeter ihres Körpers mit Eltern bedeckt haben wollen.

Also ja, es ist anstrengend. Und ja, es kann sich sehr überflüssig anfühlen. Ist es aber nicht. Selbst wenn die Kinder einen nach einer Stunde schon rausschmeissen wollen, hätte es sich für diese eine Stunde gelohnt.

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