Vorgeburtliche Tests testen auch die Eltern

Die Entscheidung für oder gegen pränatale Diagnostik öffnet ein Tor zu grossen Fragen.

Was machen wir mit diesen Informationen? Messung von Nackentransparenz, Gesichtswinkel und Nasenbein in der 13. Schwangerschaftswoche. Foto: Wolfgang Moroder (Wikimedia)

Wir waren in jener Phase der ersten Schwangerschaft, in welcher der Mann-Kopf verzückt «Kuckuck-Hallo, hier spricht dein Papa!» in den Frau-Bauch ruft, als uns die Realität einholte. Die Entscheidung für oder gegen pränatale Tests stand an.

Keine grosse Sache, sollte man meinen. Für mich als Spätgebärende sogar unabdingbar, da das Risiko für Downsyndrom und anderes doch mit jedem Lebensjahr steigt. Doch in meinem Kopf öffnete die so kleine Sache ein Tor zu grossen Fragen, die mich ganz durcheinanderbrachten.

Rückblickend hätte ich diese Gedanken nicht so lange mit mir selbst herumtragen sollen, meinen Mann früher Teil davon werden lassen. Doch da sie mich so verwirrten, schob ich das Gespräch darüber immer wieder hinaus, bis wir in einem kleinen, französischen Hotel sassen. Bestimmt liesse ES sich in romantischer Verbundenheit besser diskutieren als zu Hause zwischen Steuerrechnung und schmutzigem Geschirr, dachte ich mir.

Was, wenn die Nackenfalte auffällig ist?

Wir sassen also in Frankreich, assen ein Fondue, und als ich gerade ein Stück Brot im Käse drehte, sagte ich zu meinem Mann:

«Du, wir müssen uns noch entscheiden wegen der Tests.»
«Was für Tests?», brummte er und wickelte extra viel Käse ums Brot.
«Na ja, der Nackenfaltentest und so. Wir müssen der Ärztin beim nächsten Mal Bescheid sagen, ob und welche Tests wir machen wollen.»
«Ach so. Ja klar. Ich bin für alle Tests. Ist doch gut, Sicherheit zu haben.»

Vielleicht lag es an meinen Hormonen und dem neu erwachten Muttertier in mir. Wahrscheinlich aber eher an all meinen bisher unausgesprochenen Gedanken, dass ich mit plötzlich auftretender Wut ein Brotstück im Käse ertränkte und meinen Mann anblitzte:

«Und wenn der Nackenfaltentest auffällig ist, willst du es dann abtreiben?»
«Hä?»
«Ja, warum sollte man sonst im Voraus wissen wollen, ob ein Kind behindert ist? Für mich ist klar, dass ich es auch behalten will, wenn es das wäre. Und für dich?»
«Na ja, wenn nicht abtreiben, dann zumindest vorbereitet sein.»
«Aber wird uns das wirklich helfen bei einem Leben mit einem behinderten Kind oder uns einzig eine von Ängsten geplagte Schwangerschaft bereiten? Der Nackenfalten- und alle anderen Tests können übrigens auch Auffälligkeiten anzeigen, die es gar nicht gibt.»

Und so führten wir unser erstes – wenn auch längst nicht letztes – Gespräch, das zeigte, wie viel Verantwortung ein Kind mit sich bringt. Unser Kompromiss war schliesslich, den Nackenfaltentest zu machen, aber keine weiteren Tests. Ein ziemlich fauler Kompromiss, der nur deshalb aufging, weil das Testresultat unauffällig war.

Nur auf Eventualitäten vorbereitet sein?

Was wäre gewesen, wenn die Nackenfalte mehr als 2,55 mm angezeigt und damit auf eine Entwicklungs-, Chromosomenstörung oder eine Organfehlbildung hingewiesen hätte? Hätten wir dann wirklich den Nerv gehabt, der Ärztin zu sagen: «Ach, lassen Sie mal, mehr wollen wir gar nicht wissen, wir wollten nur auf Eventualitäten eingestellt sein.» Wohl kaum.

Wahrscheinlicher ist, dass wir ängstlich weiteren Untersuchungen zugestimmt und uns damit mitten ins Labyrinth der Pränataldiagnostik begeben hätten. Zu jener Zeit wäre also der nächste Schritt die Fruchtwasserpunktur gewesen, die mit kleiner Wahrscheinlichkeit auch eine Fehlgeburt hätte auslösen können.

Wie absurd, ein Kind zu verlieren, um herauszufinden, ob mit ihm alles in Ordnung ist. Und was heisst überhaupt «in Ordnung»? Hätte ich wirklich entscheiden wollen, welches Kind richtig und welches falsch ist?

Rückblickend bin ich froh, lief alles so problemlos, sodass wir uns all diesen Fragen nicht stellen mussten. Und auch froh, vor dem erneuten Durchbruch in der Pränataldiagnostik schwanger gewesen zu sein. Die neuen Testverfahren wurden zwar um einiges vereinfacht und sind risikofreier geworden, nehmen aber auch noch ganz andere Auffälligkeitskriterien ins Visier.

Es gibt kein Richtig oder Falsch bei der Frage nach pränatalen Tests, dafür ist sie viel zu persönlich. Doch eines ist mir klar geworden: Sowohl bei der Meinungsfindung als auch bei der Diagnostik selbst gilt: Je mehr Fragen man sich stellt, umso mehr neue tauchen auf.

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