Menopause? Endlich!

Unsere Autorin hat genug vom Theater um die Wechseljahre und sagt, warum sie sich darauf freut.

Weniger Wäsche, mehr Freiheit: Frauen sollten die wohlverdienten Wechseljahre geniessen. Foto: iStock

Ehrlich. Ich würd das Folgende eigentlich lieber ganz analog bei einem oder noch lieber vier oder fünf Glas Alkohol besprechen. Aber Achtung! Ab 45 wird Frau in unserer Gesellschaft rasch als griesgrämige, sexfrustrierte Alkoholikerin abgestraft, wenn sie ein bisschen Spass hat. Oder eben einfach mal Klartext redet, wenn auch unter Alkohol-Einfluss. Deshalb bleibe ich heute zu Hause und schreibe zum Thema, schliesslich betrifft es jede von uns.

Wenn Sie sich jetzt schon überlegen, dass Sie mich gleich in einem Kommentar mit dem Adjektiv «alternd» vor einem unfreundlichen Nomen fertigmachen, dann hier gleich vorweg: Ja, es gibt andere Probleme, grössere Themen, wie beispielsweise der Syrienkrieg oder die Flüchtlingskrise in Griechenland. Mir geht es um etwas anderes. Nämlich ganz profan darum, wie mich aus jedem Frauenmagazin mit Zielgruppe Ü-40 ein einziges Thema anschreit: die Wechseljahre! Das Tabuthema! Wobei ich ohne die Aufklärungsarbeit der Frauenheftli-Gilde nicht einmal wüsste, wie tabu das Thema ist. Da meine Mutter mir «Brigitte Woman» abonniert hatte, als das Magazin noch gut war, und ich vorgestern im Notfall die «Gala» gelesen habe, während ich fünf Stunden mit meinem erwachsenen Sohn auf gefühlte eine Million Testergebnisse zu einer vom Hausarzt leider falsch eingeschätzten Angina wartete, gehöre ich nun also zu den Aufgeklärten.

Scheinheiliges Gedönse

Und wie: In all diesen Zeitschriften stolpere ich über eine sagenhaft mutige Frau, die sich so was von getraut, über die Wechseljahre «ganz ehrlich und unverblümt» zu schreiben. Und noch sagenhafter machen diese Offenbarungen, dass es sich bei diesen wahnsinnig mutigen Frauen um Promis handelt. Zum Beispiel Katja (wer?) Burkard. Eine gertenschlanke, blondgelockte, enggejeanste und hochgehakte (autsch, ab 5 cm schmerzt mein grosser Zeh wegen Arthrose) gebotoxte RTL-Moderatorin (54).

Nun ja, scheint gewichtig zu sein, denn im Lead steht, wie sie das von allen anderen totgeschwiegene Tabuthema hemmungslos besprechen werde in ihrem unglaublich bahnbrechenden Buch («Wechseljahre? Keine Panik!»), in dem sie auch ganz mutig zugibt, dass sie gebotoxt ist und glücklicherweise ab 50 keine Wallungen und Schweissausbrüche hatte (denn das hätte sich am Fernsehen gar nicht gut gemacht!). Aber hey, die Wechseljahre hatten kein Pardon mit ihr als Moderatorin, Mutter und Ehefrau – denn die Wechseljahre hätten sie zum Monster werden lassen: Plötzlich habe sie ihre Kinder angeschrien und ihrem Gatten (uiii!) widersprochen! Und weiter steht ganz schonungslos: Sie hätte sich (unglaublich!) auch körperlich verändert, sei müder, kraftloser, vergesslicher geworden.

Ehrlich, mir geht dieses Gedöns «Hui, da kommen die Wechseljahre, die ganz schlimm sind. Doch ich verrate dir, wie du auch mit 60 noch derselbe heisse Käfer wie mit 30 sein kannst» grausam auf den Zeiger. Echt jetzt?

Danke, liebe Natur!

Ich frage mich: Warum sollte das ein Tabu sein? Ist doch super, diese chillige Zeit nach der aktiven Reproduktionsphase. Ich würd mich mal so freuen, zu lesen: Jupii! Ich bin nicht mehr fruchtbar! Ja, ich hatte ca. 35 Jahre wilden, viel und grossartigen Sex. Schöne Kinder gezeugt, geboren und grossgezogen. Karriere gemacht. Häuser besetzt, renoviert oder gebaut. Milliarden von frischen Vitaminen zubereitet und der Brut verabreicht, sehr viele Bastelstunden ab Kindergarten bis Ende Primarschule absolviert (und mir erst noch Mühe gegeben, damit sich das Kind nicht schämen muss, der Druck ist gross!), Tonnen von Unterhosen, Socken, Sportbekleidung, Hoodies usw. gewaschen, zusammengefaltet und versorgt. Hunderte von Pausenbroten gestrichen. Mindestens 25 Geburtstagstorten mit ebenso vielen Sujets gebacken. Und natürlich bin ich unendlich viel schöne Zeit einfach da gewesen für Momente, in denen man gebraucht wurde … manchmal aber auch nicht.

Jetzt lacht die holde Zukunft: Ein Kinderzimmer ist unter der Woche unbesetzt. Die angegammelten, leeren Joghurtbecher neben dem Kopfkissen minimieren sich. Die Wäsche nimmt deutlich ab. Und bald habe ich Pause! Ist Schluss: Toll, ich muss nicht mehr (darf aber) nächtelang durchvögeln, ich bin schneller k.o., Stress nervt mich. Aber: Das ist voll okay! Ich werde rasch aggressiv: Cool, endlich kann ich sagen, was ich denke, mir scheissegal, wenn nicht mehr alle finden, dass ich ein fröhliches Mädel bin. Echt: Ich bin saufroh, gibt es diese offiziellen Veränderungsjahre, die am Ende einen Schlusspunkt unter vieles setzen. Danke dir, liebe Natur! Lasst es uns geniessen. Lasst uns frech und mutig sein. Endlich nicht mehr eingezwängt in diese Konfektionsgrössen. Ich freue mich, auf ganz viel Raum und Lärm.

Auf Wunsch der Autorin wird der Beitrag unter dem Pseudonym Selma Blum veröffentlicht.

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