Ein Hoch auf mich!

Eine Dosis gesunder Egoismus ist lebenswichtig, denn nur wer sich selber Sorge trägt, kann anderen eine Stütze sein.

Einfach mal stehen bleiben – das sollte man im Alltag viel öfter tun. Foto: iStock

Es ist mittlerweile en vogue, sich bis an seine Grenzen zu erschöpfen. Das Aufopferungs-Burn-out wird von den Medien gefeiert. Ausgebrannt zu sein, ist fast schon gleichbedeutend mit einem Gütesiegel für leistungsfähig und belastbar. Wer am längsten mit einem hochroten Akku und einem Lächeln kann, hat gewonnen. «Gring abe u seckle» ist als Lebensmotto auch unter Eltern weitverbreitet! Gut zu sich selbst zu sein, hat in dieser Weltsicht schon eher etwas mit Wellness denn mit Fürsorge zu tun. Mit Luxus.

Selbstfürsorge – wer braucht die schon so dringend? Jede und jeder. Und zwar am besten täglich. Ist wie Zähneputzen. Viele psychologische Störungen entwickeln sich mitunter auch aus zu wenig Selbstfürsorge – oder zumindest ist das Fehlen ebendieser ein auslösender oder aufrechterhaltender Faktor mancher Anliegen meiner Klienten. Zu wenig Selbstfürsorge macht krank. Früher oder später. Und nicht nur einen selbst, sondern auch die Beziehungen, in denen wir leben. Wir können langfristig nur für andere da sein, wenn wir uns zuerst selbst versorgen. Ist wie mit der Sauerstoffmaske im Flugzeug.

Kampf der inneren Stimmen

«Es ist doch schwach, wenn man Nein sagen muss, weil es einem zu viel wird, wenn man eine bereits fix gemachte Verabredung absagt, weil man zu erschöpft ist, oder wenn man einfach mal nur seine Ruhe haben will! Wenn man wirklich will, dann geht das doch? Solange man noch stehen kann, können die Kräfte ja nicht wirklich erschöpft sein, oder? Und sowieso: Irgendwie ist es doch egoistisch, sich so in den Mittelpunkt zu stellen. Stark sein! Nicht versagen! Nicht aufgeben! Das sind die Werte, die zählen. Alles andere ist für Schwächlinge!», sagt die autoritäre Aufopferungsstimme.

Die Zeit der Selbstfürsorge-Stimme ist gekommen! Und zwar mit dem Megafon! Das wird allerdings die Aufopferungsstimme gar nicht gerne hören, denn sie verliert dadurch an Macht und Einfluss. Echte Selbstfürsorge lässt nicht mehr zu, dass uns die Aufopferungsstimme dominiert.

Selbstfürsorge gehört zum guten Elternsein dazu

Selbstfürsorge nützt nicht nur dem eigenen Wohlergehen und macht uns widerstandfähiger in unseren Beziehungen, es ist auch eine Haltung, die wir unseren Kindern weitergeben sollten. Kinder lernen vor allem durch Vorbilder. Sie beobachten. Sie ahmen nach. Und wenn sie sehen, dass ihre Eltern ihre Grenzen nicht wahren und sich bis zur Erschöpfung abrackern, werden sie es ihnen später gleichtun. Denn warum fällt es uns so schwer, selbstfürsorglich zu sein? Meist, weil wir es eben auch nicht vorgelebt bekamen. Und unsere Eltern auch nicht. Und deren Eltern ebenso wenig. Die Schuldfrage können wir also gleich sein lassen.

Darum fordere ich hier auch für unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen, dass wir alle, nicht nur die Mütter, Selbstfürsorge ernst nehmen! Als Lebenshaltung. Weil echte Wertschätzung für unsere Kinder auch bedeutet, dass wir gut zu uns selbst sind! Damit unterbrechen wir das Generationen alte Muster von psychologischem Raubbau und setzen neue, gesündere, liebevollere und fürsorglichere Leitlinien!

Selbstfürsorge können alle lernen

Zum Schluss eine gute Nachricht: Selbstfürsorge können alle lernen! Selbstfürsorge ist eine Haltung sich selbst gegenüber und zeigt sich in bestimmten Denk- und Verhaltensweisen. Und wie wir wissen, können wir solche sehr wohl verändern und anpassen. Wichtig ist jedoch, dass man die geeigneten Strategien kennt und in der Folge verbindlich selbstfürsorglich handelt. Selber genau so, wie es unsere Kinder tun sollten und wie wir es von guten Eltern wünschten. By the way, Selbstfürsorge macht nicht immer Spass und ist mehr als ein bisschen «Wellness für die Seele».

Die eigenen Bedürfnisse zu achten, kann zwar sehr wohltuend und entlastend sein, aber es kann auch ein schlechtes Gewissen machen (wenn die autoritäre Stimme in uns wieder laut wird) oder sich anfühlen, als ob man sich selbst ausbremst.

Tagebuchschreiben hilft, Gedanken und Gefühle zu ordnen. Foto: iStock

Und wie lernt man es nun? Indem man seine psychologischen Muster erkennt, hinterfragt und verändert. Indem man seinen Gefühlen und Bedürfnissen lauscht, sie ernst nimmt und danach handelt. Beispielsweise könnte man jeden Abend ein paar Notizen zum Tag machen:

Was war mein Highlight? – «Mittagessen mit Caroline, meiner besten Freundin»
Wo habe ich gut zu mir geschaut? – «Power-Nap nach dem Mittag, obwohl ich noch viel zu tun gehabt hätte!» / «Absage Geburtstagsfest einer Arbeitskollegin, weil ich Halsweh hatte»
Welche Bedürfnisse habe ich heute befriedigt? – «Ruhe und Erholung», «Bindung»
Welche Gefühle erlebte ich heute? – «Dankbarkeit für die Freundschaft mit Caro», «Ärger, dass ich das Fest absagen musste, weil ich schlecht geplant habe»
Was möchte ich noch anders/besser machen? – «Agenda umstrukturieren, da die Erschöpfung vor allem durch ungünstige Planung zustande kam»

Aufruf zur Revolution

Das Erkennen seiner psychologischen Muster ist etwas schwieriger, weil diese uns oft unbewusst leiten. Ich habe meine erst in der Ausbildung zur Psychotherapeutin in der Selbsterfahrung (wir müssen selbst 100 Stunden in die Therapie, um die Anerkennung zu erhalten) kennen gelernt und konnte sie daraufhin verändern. Es ist eine intensive und anstrengende Arbeit, aber sie lohnt sich!

Letztlich sind wir verantwortlich, unsere Grenzen zu schützen und gut für uns zu sorgen, damit wir weiterhin gut funktionieren und zufrieden leben können. Damit wir gesund bleiben!

Ich rufe deshalb zur Selbstfürsorge-Revolution auf! Zu einer gesunden Form des Egoismus. Sich auszubrennen, bis nichts mehr von einem übrig ist, darf nicht länger positiv besetzt und erstrebenswert sein!

Darum meine Lieben, Take Self-Care!

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14 Kommentare zu «Ein Hoch auf mich!»

  • Claudia sagt:

    Ich schätze den Mamablog, weil er normalerweise wertvolle Inputs bietet. Dieser Artikel ist jedoch sehr enttäuschend, weil er ein eigentlich wichtiges Thema sehr oberflächlich abhandalt, ja fast schon auf Küchentischpsychologie-Niveau.

    Was macht man denn, wenn es mit dem bisschen umdisponieren der Agenda nicht getan ist? Wenn man wie ich 3 Kinder und einen Job hat und ich es mir nicht leisten kann, mich ständig um mich selbst zu drehen wie es die Autorin scheinbar kann?

    Und was will mir der Absatz mit den 100 Stunden sagen? Geht es draum dem Leser zu beweisen, dass die Autorin eine Ahnung hat von dem was sie schreibt? Aus dem Text ist es ja nicht ersichtlich. Oder will sie ihre eigene Dienstleistung als Psychologin verkaufen? Ist das lauwarm verpackte Werbung?

  • Maike sagt:

    Wow, da frage ich mich doch, wie meine Mutter es geschafft hat, meine Schwester und mich so gänzlich ohne Therapeuten, ohne Psycologen, ohne eine körperliche Macke wie BurnOut, Lactoseintoleranz etc. gross bekommen hat. Und sie hat sogar, als wir beide die 12 Jahre erreicht hatten, wieder angefangen, einen Halbtagsjob im Büro zu bekommen.
    Mein Vater und meine Mutter habe ich immer als sehr relaxed wahrgenommen. Da Blicke in die Vergangenheit meist etwas verfälscht sind, habe ich mit meiner Schwester darüber gesprochen und sie hat den gleichen Eindruck.
    Das lag summa summarum wohl auch daran, das unser Leben einfacher war, das viele Dinge wesentlich haltbarer waren und das es weit aus weniger Prestigeobjekte gab.

    • Leonora sagt:

      Liebe Maike
      Wie viele Kinder hast du?

    • Anna Moos sagt:

      Nach 12 Jahren „sogar“ ein paar Stunden Büroarbeit geschafft, wer sollte da nicht entspannt sein :))).

    • Tamar von Siebenthal sagt:

      @ Maike

      Logisch, dass eine Hausfrau, welche den ganzen Tag für jene Arbeit Zeit hat, welche berufstätige Eltern nebst ihrer Erwerbstätigkeit leisten, kein Burnout bekommt.

      Es ist auch keine Leistung, wenn die Kinder 12 sind, 50% erwerbstätig zu sein. Ihr Vergleich ist lachhaft. Hätte ich bis meine Kinder 12 gewesen wären, mit dem in Ordnung halten einer Mietwohnung und Käfele verbringen können, hätte ich kein chronisches Burnout

  • Tofa Tula sagt:

    Guter Artikel. Das Telefon mal laeuten lassen, die Mail mal mit etwas Verzoegerung beantworten und viele weitere solche Kleinigkeiten wirken Wunder. Was fuer welche zeigt auch die Qualitaet oder eben das Gegenteil davon von sogenannten Freunden.

    • tststs sagt:

      Au contraire… Aufschiebung macht uns unglücklich, erledigte Tasks schütten Glückshormone aus.

      Sorry, ich weiss, ich bin heute gar nicht nett unterwegs.
      Dieses oberflächliche Achtsamkeitsgetue, das schlussendlich nur Egoismus ist (und zwar IMHO über das gesunde Mass hinaus)!
      Fragt mal glückliche Menschen, wie oft sie am Tag über sich selber und ihre Probleme nachdenken… Es gibt einen Unterschied zwischen Probleme angehen und Probleme bewirtschaften.

      • Martin Frey sagt:

        Schliesse mich an, tststs.
        „Dieses oberflächliche Achtsamkeitsgetue, das schlussendlich nur Egoismus ist…“ 😉
        Und dann noch die aufgeführten Bsp. meine Güte. Eine Agenda besser zu strukturieren weil man die eigene Planung versemmelt hat, nenne ich einfach „seine Hausaufgaben machen“.
        Natürlich schadet es nie, seine psychologischen Muster zu erkennen und zu hinterfragen, aber das ist eine Binsenwahrheit. Genauso wie der Appell, unsere Grenzen zu schützen und gut für uns zu sorgen.
        Aber Egozentrik und Hedonismus haben wir im SM-Zeitalter weiss Gott schon genug, meine ich. Eine Revolution ist ein solcher Aufruf ja nicht gerade, eher das Gegenteil wäre es.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @tststs

        nicht „nicht nett“, aber mMn nicht adäquat.
        Wirklich glückliche Menschen haben dies entweder in ihrer Kindheit gelernt, und/oder durch schmerzvolle Erfahrung.
        Es gibt einen Unterschied zwischen Aufruf zu einem gesunden Umgang mit sich Selbst, und einem Aufruf zu ungesunder Selbstzentrierung.

        @MF
        sogenannte „Binsenwahrheiten“ werden schon länger nicht mehr flächendeckend vermittelt, und ich denke nicht dass Ihnen das entgangen ist…

      • tststs sagt:

        „Natürlich schadet es nie, seine psychologischen Muster zu erkennen und zu hinterfragen,“
        Nicht nur „schadet nie“ ist sogar Voraussetzung für „Verbesserung“.
        Nehmen wir dieses Agenda/Planungsbeispiel. Entweder es war ein einmalige/seltene Fehlplanung; dann muss man sich aber auch keine Gedanken darüber machen; ist es hingegen ein Muster, so ist der Ratschlag (auch an sich selber) „Agenda besser führen“ aber so was von Habakuk. Mach das, was du vorher nicht gemacht hast, dann gibt es keine Probleme. Das läuft nicht mehr unter Binsenwahrheit, das läuft fast schon unter Tautologie.
        Eine ehrliche Auseinandersetzung mit sich selber wäre dann wohl eher: ich bin ein Chaot, eine papierne Agenda ist noch nicht ausreichend, ich brauche strengere Kontrollen.

  • tststs sagt:

    Was war mein Highlight? «Absage Geburtstagsfest einer Arbeitskollegin, weil ich Halsweh hatte»

    Was möchte ich noch anders/besser machen? – «Agenda umstrukturieren, da die Erschöpfung vor allem durch ungünstige Planung zustande kam

    Ich hoffe ernsthaft, dass dies ein Negativbeispiel ist und aufzeigen soll, wie wir uns selber (zb durch Selbstverleugnung) in Unzufriedenheit halten!!!!
    Ausser natürlich, das Halsweh war geplant. Dann ziehe ich mein Votum zurück.

  • tststs sagt:

    Puh… wer glaubt, ein besserer und glücklicherer Mensch zu werden, indem man sich selbst und das eigene Spiegelbild als Referenz/Richtgrösse verwendet…ich weiss ja nicht… ist das „die Aufopferungsstimme verstummen lassen“ oder doch nicht eher „dem Narzismus freien Lauf lassen“?
    Bitte nicht falsch verstehen, das Glück beginnt bei einem selbst, aber wenn IMHO diese Welt etwas sicher nicht braucht, dann noch mehr Selbstkümmerungs/Optimierungswahn! Ein bisschen (ein grosses bisschen) weniger an sich selber rumstudieren (und sich um andere/s kümmern) würde manchem guttun.

    • Brunhild Steiner sagt:

      „ein bisschen weniger an sich selbst rumstudieren (und sich um andere kümmern“…,

      die grosse Mehrheit der sich-um-die-Anderen-Kümmernden, die in Erschöpfung landen und nicht mehr funktionsfähig sind, haben nicht ZUVIEL sondern ZUWENIG an sich selbst rumstudiert…

  • Susan sagt:

    Selbstfürsorge ist enorm wichtig insbesondere als Eltern. Dazu gehört auch Selbstmitgefühl, das ist sozusagen die Voraussetzung. Kompliziert wird es allerdings recht oft, und zwar immer dann, wenn die eigenen Bedürfnisse denen der Kinder diametral entgegen laufen. Da ist dann sehr viel Kreativität oder Überzeugung gefragt. Ich hätte es begrüsst, wenn die Autorin noch mehr auf dieses typische elterliche Dilemma eingegangen wäre.

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