Ach, diese Instagram-Muttis!

Warum unser Papablogger die Pauschalkritik an Kinderbilder-postenden Müttern scheinheilig und falsch findet.

Hat viele Follower und Kritiker: Influencerin Karo Kauer.

Was Fotos meiner Kinder in den sozialen Netzwerken angeht, bin ich ziemlich auf der sicheren Seite. Es existiert genau eines von mir und meinem Grossen. Das nämlich, als er im Kleid und ich im Rock durch die Fussgängerzone spaziert sind. Aber das sind erstens alte Geschichten, und zweitens zeigt ihn das nur von hinten.

Darüber hinaus allerdings gibt es nichts zu sehen und nur Dinge zu erfahren, die mir meine grossen Kinder gestatten und über die ich mir bei meinen kleinen Kindern viele Gedanken gemacht habe. Eine wie auch immer geartete Präsentation der eigenen Kinder in der Öffentlichkeit ist eine schwierige Sache.

Der Kollege Markus Tschannen hat an dieser Stelle schon einmal ehrlich und klug über den schwierigen Grad zwischen Privatsphäre und dem Recht der Kinder am eigenen Bild auf der einen Seite und dem Schreiben und Thematisieren von Familie und Kindern auf der anderen Seite geschrieben. Zusammenfassung: Er handhabt das ein wenig offener als ich, aber nicht viel. Und auch er überlegt sich jeden Schritt sehr genau.

Die bösesten aller Mütter

An dieser Stelle folgt bei ähnlich gelagerten Texten üblicherweise ein «Aber». Aber die Instagram-Muttis! Denn nachdem man mit ein paar Sätzen klargestellt hat, dass man selbst so krasse Sachen niemals tun würde, verbringt man
die restlichen Zeilen damit, ordentlich gegen die Mütter auszuteilen, die sich als Influencerinnen auf Instagram herumtreiben, ihr Kind bei jeder Gelegenheit in die Kamera halten und damit auch noch Geld verdienen.

Aber heute machen wir das mal anders. Denn bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an dem allzu sorglosen Umgang von Eltern mit Fotos von ihren Kindern und an dem gedankenlosen Blossstellen von Kindern in intimen Situationen: Dieser scheinheilige, selbstgefällige Umgang mit Instagram-Müttern kotzt mich an. Praktisch alles, was daran falsch ist, findet sich in einem jüngst erschienenen Artikel des Magazins «Focus».

Das geht mit der Überschrift «Mama. Money. Missbrauch» los und endet nicht dabei, Müttern vorzuwerfen, sie würden ihre Kinder quasi Pädophilen zum Frass vorwerfen. Dazwischen ist es nicht weniger unerfreulich, wenn unter anderem die Influencerin Karo Kauer oder die sehr bekannte Youtuberin Bianca Heinicke als abschreckende Beispiele herbeizitiert werden.

Wenn das Privatleben Teil des Jobs ist

Unerfreulich deshalb, weil man geflissentlich unter den Tisch fallen lässt, dass beide bereits vor ihren Schwangerschaften in ihren Geschäftsfeldern erfolgreich waren. So lud Heinicke die ersten Clips 2012 hoch – 6 Jahre vor der Geburt ihres Kindes. In dieser Zeit hat sie mit Schminkanleitungen, Modetipps und Produktvorstellungen über 5 Millionen Follower hinter sich versammelt und es mit ihrem Kanal BibisBeautyPalace auf knapp 2 Milliarden Aufrufe gebracht. Man kann also ohne Übertreibung sagen, dass das ihr Vollzeitjob ist, den sie sehr professionell betreibt und mit dem sie viel Geld verdient.

Reflektieren ihren Umgang mit ihrem Sohn in der Öffentlichkeit: Bibi und Julian. Video: Youtube

Ein Aspekt dieses Job war und ist es, Nähe zu den Zuschauerinnen und Zuschauern aufzubauen, indem man Persönliches preisgibt. Viel anders mache ich das auch nicht. Wenn ich hier in jedem Text nur allgemein über Erziehungsfragen dozieren würde, hätten Sie zu Recht sehr schnell die Schnauze voll. Das könnte und wollte ich auch gar nicht leisten. Aber zurück zur Webvideoproduzentin Bibi, die sich überlegen musste, was sie nun macht. Gibt sie ihr Geschäftsmodell ganz auf, produziert sie an ihrem Kind und der Tatsache, dass sie Mutter ist, vorbei oder integriert sie ihr Kind in die Monetarisierung ihres Alltags?

«Iiiih, guck mal, die zeigt ihre Kinder im Internet!»

Noch mal: Man kann das mit Fug und Recht hochproblematisch finden, aber man sollte schon bei der Wahrheit bleiben. Zur Wahrheit gehört auch, dass Heinicke mit einem anderen, ebenfalls sehr erfolgreichen Youtuber verheiratet ist, den man für die Zurschaustellung des gemeinsamen Kindes ebenfalls kritisieren könnte. Aber da es wie so oft um Mütter-Bashing geht, lässt man das natürlich.

Und dann die Pädophilen-Keule: Mir ist klar, dass der Unterschied zwischen pädosexuellen Menschen und Sexualstraftätern nicht leicht zu fassen ist, aber in der Presse sollte man dazu schon in der Lage sein. Für eine auf Kinder ausgerichtete sexuelle Präferenz kann man nichts. Dafür, Kinder sexuell zu missbrauchen oder Bilder des Missbrauchs zu konsumieren, allerdings schon.

Also bitte: Lassen Sie uns gerne in aller Aufrichtigkeit darüber sprechen, wie wir unsere Kinder schützen können, ohne dass wir dabei alles, was sie betrifft, komplett aus dem öffentlichen Raum und den sozialen Netzwerken entfernen. Aber «Iiiih, guck mal, die zeigt ihre Kinder im Internet!» bringt uns dabei keinen Schritt weiter. Es wirft uns stattdessen eher zurück.

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