Liebe Eltern, seid mal unvernünftig!

Wir trinken stilles Wasser oder gehen früh schlafen. Gut so. Trotzdem folgt hier ein Plädoyer für mehr Masslosigkeit.

Zwischendurch können sich Erwachsene von Jugendlichen ruhig eine Scheibe abschneiden. Foto: Juan Mendez (Pexels)

Wann haben Sie das letzte Mal so richtig gefeiert, über die Stränge geschlagen oder etwas Verrücktes getan, sodass spürbar Leben durch Ihre Blutbahnen gerauscht ist? … Müssen Sie auch so lange überlegen wie ich? Eben. Willkommen im Club der braven, angepassten, korrekten, erfolgreichen, vorbildlichen Erwachsenen, Eltern, Grosseltern, Berufstätigen und Couch-Potatos.

Meine präpubertierende Tochter hat mich auf dieses Thema ufeglupft. Diesen unbekümmerten Teenie versuche ich in letzter Zeit des Öftern zur Vernunft anzuleiten: «Nei, kei Schoggi meh vor em Znacht!», «Leg doch die warm Jagge aa», «Salamibrötli mit Nutella isch doch gruusig». Solche Sätze spule ich in der Endlosschleife ab. Nützen tun sie bestenfalls im Moment, und genauso schnell ist die Predigt wieder vergessen.

Schliesslich sind Kinder, die sich zu Erwachsenen mausern, gegen neunmalkluge Sprüche der altmodischen Eltern immun. Sie möchten das Leben erfahren, nicht in der Theorie und nur vom Hörensagen her kennen. Nein, spüren möchten sie das eigene Sein, mit allen Sinnen, voller Neugier, voller seltsamer Ansichten, voller haarsträubender Ideen.

Die Dosis macht das Gift

Doch dann kommt Mutti wieder ins Spiel, die Lehrer und andere Spassbremsen und Prellböcke. Die stellen ätzende Regeln auf, fordern Disziplin und angepasstes Verhalten. Sie schieben einen Riegel. Endstation Unvernunft. Fertig luschtig. Aber vernünftiges Leben verträgt sich nicht mit «Larifari». Vernünftiges Leben scheint eine Allergie zu haben gegen Spass und Unsinn, eine Unverträglichkeit gegen jede Unsitte und jeden Regelverstoss. Dabei ist es wie bei allem: Die Dosis macht das Gift.

Ist es ein Privileg der Jugend, das Leben leicht zu nehmen, so zu leben, wie es einem gefällt, ganz nach Pippi Langstrumpf? Meiner eigenen Theorie nach ist es so, dass wir mit zunehmendem Alter automatisch vernünftiger werden. Spätestens dann, wenn einem der Nachwuchs rebellisch auf die Schulter tippt und die Unvernunft für sich in Anspruch nimmt. Will heissen: je unvernünftiger die Kinder, desto vernünftiger die Eltern. Oder so.

Doch wenn ich meinen Film zurückspule, erkenne ich, dass Begebenheiten und Erlebnisse, in denen ich so gar nicht kopfgesteuert und vernunftsorientiert handelte, mich beseelten. In solchen Momenten fühlte ich mich jeweils besonders lebendig. Sie sind die Farbtupfer in meinem Curriculum Vitae und bleiben unvergesslich – ganz egal, ob die Geschichte damals peinlich, lustig oder traurig ausging.

Sobald Dritte Schaden nehmen, hört der Spass auf

Aus diesem Grund wäre es doch sinnvoll, wieder einmal die Spur zu wechseln, die altbekannte Kleidung abzustreifen und ein bitzeli verrückt zu sein. Merke: Ein vernünftiger Mensch ist einer, der sich relativ wenige Lieblingsbedürfnisse angewöhnt hat und relativ wenig «Kellerkinderbedürfnisse», also Bedürfnisse, die er zwar hat, auf die er aber regelmässig nicht eingeht, sodass sie «in den Untergrund» rutschen.

Vernünftig ist, wenn wir uns so verhalten, dass wir unsere eigenen, verschiedenen Bedürfnisse in unserem Handeln würdigen. Unvernünftig ist demzufolge ein Verhalten, bei dem wir uns nur von EINEM Bedürfnis leiten lassen, während wir zugleich andere Bedürfnisse grob vernachlässigen. Also z.B. eine ganze Schoggi in fünf Minuten aufessen. Die Lust auf Süsses siegt – auf Gesundheit, Diätpläne und Kariesgefahr pfeifen wir in dem Moment.

Merke ausserdem: Dort, wo Unvernunft aufhört, fängt Verantwortungslosigkeit an. Wenn etwa ein Irrer innerorts mit 120 km/h durchs Dorf rast, ist das nicht mehr unvernünftig, sondern schlicht verantwortungslos. Sobald Dritte durch meine Unvernunft zu Schaden kommen, hört der Spass auf.

Teenies als Vorbild für Erwachsene

Der Frontalkortex – das Hirnareal, wo die Vernunft und Disziplin hockt – ist erst mit 18 Jahren ausgebaut und abgeschlossen. Folglich handeln Kinder und Jugendliche oft unvernünftig, weil sie gar nicht anders können. Und die Natur hat das geschickt vorausgedacht. Ich erkenne, dass all die durch Unvernunft ausgelösten Erfahrungen mich zu einem vernünftigen Menschen reifen liessen. Die Unvernunft ist also notwendig, und hey, raten Sie mal, welche Episoden aus meinem Leben ich immer und immer wieder gerne erzähle …

Ja, zwischendurch können wir uns von Teenagern und Jugendlichen ruhig eine Scheibe abschneiden. Sie machen uns nämlich vor, dass die Welt nicht untergeht, wenn man ab und zu die Normalität durchbricht. Sie leben uns eine Leichtigkeit vor, die wir Erwachsene vor lauter Angepasstheit zugeschüttet haben. Holen Sie die Schaufel hervor!

Warum nicht einen Tag lang kerngesund das Bett hüten, mit Stögelischuhen einkaufen gehen, nur mit Handgepäck verreisen oder einen sündhaft teuren Prosecco in der Sauna schlürfen? Worauf hätten Sie gerade Lust? Wobei möchten Sie einmal aus der Reihe tanzen? Absichtlich die falschen Tasten drücken und sich einmal so benehmen, wie man es nie und nimmer von Ihnen erwarten würde?

Sorgen Sie für unvergessliche, wahnwitzige Farbtupfer. Für kleine Herzhüpfer-Momente. Und ja – manchmal braucht Unvernunft auch den Mut, etwas zu wagen!

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