Papas unsichtbare Telefonnummer

Oder: Warum werden bei Notfällen immer und ausschliesslich die Mütter informiert?

Keine Schule oder Klinik ruft mich an…: Nur wenn Mama unerreichbar ist, klingelts bei Papa. Foto: iStock

Hiermit möchte ich Nils Pickert auf Knien um Entschuldigung bitten. Nils, ich war jung und naiv, bitte verzeih mir!

Es geht um meinen ersten Papablog, werte Leserschaft. Mit einer Replik an den Kollegen Pickert gab ich hier vor fünf Jahren mein Debüt. Er hatte berichtet, wie er als Vater mit Kind im Wartezimmer der Orthopädie angeraunt wurde: «Wo ist denn die Mutter?» Ich sah das Problem damals nicht. Väter sind in Wartezimmern doch so selbstverständlich wie klebrige Motorikschleifen.

Zur Hälfte stehe ich heute noch zum damals Geschriebenen. Ich fühle mich als Vater ernst genommen, wenn ich alleine mit dem Kind unterwegs bin. Nur zusammen mit meiner Frau erlebte ich einmal die klassische Autowerkstatt-Situation in umgekehrten Geschlechterrollen: Ich versuchte einer Ärztin die Motoren … äh Atemgeräusche zu erklären, die der Brecht nachts von sich gab. Die Ärztin schaute abwechselnd skeptisch zu mir und fragend zur Frau, als wollte sie ihre Bestätigung einholen. Meine Frau zuckte mit den Schultern. Sie wusste nicht Bescheid, denn wir haben getrennte Schlafzimmer. Das Kind schläft bei mir. Aber wer weiss, vielleicht hatte die Ärztin an dem Tag auch einfach einseitige Kopfschmerzen.

Ein Blick aufs Formular – alles klar

Institutionen und ihre Angestellten behandeln mich als Vater normalerweise fair und gleichberechtigt. Nicht aber meine Telefonnummer. Gebe ich sie im Zusammenhang mit dem Brecht als Kontaktmöglichkeit an, wird sie benutzt. Allerdings nur, solange sie alleine im System abgespeichert ist.

Bestimmt gibt es Formulare und Eingabemasken, auf denen man Telefonnummern nach Priorität angeben kann. In fünf Jahren mit Kind, ist mir diese Variante leider nie begegnet. Die Felder fragen immer nach der Nummer der Mutter und der Nummer des Vaters. Da weiss ich schon: Eigentlich brauche ich meine gar nicht hinzuschreiben. Sie würde nur dann gewählt, wenn Brechts Mutter nach 30 Anrufversuchen unerreichbar bliebe: «Grüessech Herr Tschannen, können Sie bitte Ihrer Frau sagen, sie soll das Telefon einschalten?»

Vor wenigen Wochen besuchte ich mit dem Brecht eine Spezialklinik. Die Ärztin erklärte mir die Resultate der Untersuchung und erläuterte das weitere Vorgehen: Jemand werde sich für eine zusätzliche Abklärung bei mir melden. Danach verschickte die Klinik einen Bericht an alle beteiligten Stellen. Obwohl ich beide Telefonnummern angegeben hatte, stand auf dem Dokument nur die Nummer meiner Frau. Kurz darauf erhielt sie einen Anruf: «Frau Tschannen, Sie wissen ja, worums geht …»

♪ Nähm si doch wenigstens d Vorwahl ♫

Auch Brechts Schule sagt offen, dass die Lehrpersonen in Notfällen immer zuerst die Mütter kontaktieren. Das entspreche der Realität, und in der Software liessen sich gar keine anderen Priorisierungen abbilden.

Was soll ich künftig tun? Im Feld für meine Nummer die 144 angeben? Wenn mich jemand anruft, dann ist es schliesslich so dringend, dass besser gleich der Krankenwagen kommt.

Oder muss ich meine Telefonnummer einfach interessanter gestalten? Vielleicht mit einer dieser Vanity-Nummern aus Buchstaben:

076 RUFEN SIE DOCH AUCH MAL MICH AN

079 ICH BIN SCHNELLER DA ALS DIE MUTTER

078 SITZE AUF DEM SOFA UND LANGWEILE MICH

Ach, ich bleibe einfach geduldig. Die Mutter von Maximilian-Jason hat nämlich fast die gleiche Handynummer wie ich. Nur zwei Ziffern sind vertauscht. Irgendwann wird sich jemand verwählen. Dann hole ich Maximilian-Jason ab, koche ihm sein Lieblingsessen und pflege ihn gesund.

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