Baby-Kater: Als Mama ist eben doch alles anders!

Hartnäckige Gewissensbisse und ernüchternde Hangovers: eine Neu-Mama im Reality-Check.

Irgendwie gehts immer? Eben nicht! Ein Baby stellt das Leben ganz schön auf den Kopf. Foto: «Let down»/Netflix

Ich bin gut ausgebildet. Ich bin karrieretechnisch gesehen im sogenannten goldenen Alter. Ich bin Chefin. Ich bin Mutter. Ich bin Perfektionistin. Mottos sind ja total Neunziger, aber wenn ich mich auf eins festlegen müsste, das mich und mein Leben beschreibt, dann wohl dieses: «Irgendwie geht es immer». Aber in den letzten Wochen musste ich schmerzlich merken: Das tut es eben nicht.

Als ich wieder einmal nach der Arbeit zum Tram gerannt bin, fiel ich der Länge nach hin und schürfte mir meine Knie auf. Gerannt bin ich, damit ich meine Tochter noch sehe und ins Bett bringen kann. Ich habe es geschafft. («Irgendwie geht es ja immer!») Aber ich muss an dieser Stelle auch gestehen, dass ich, als ich neben ihrem Bettchen wartete, bis sie eingeschlafen war, unter der Bettdecke Büromails gecheckt habe. Das mache ich nicht immer so, aber es kommt eben vor. Und ich fühle mich deswegen schuldig. Schliesslich ist das doch unser Moment. Sollte ich sie also nicht andächtig beim Einschlafen beobachten und dankbar sein, für die Gluckslaute, die sie im Halbschlaf macht? Sollte ich. Leider bin ich aber zu sehr damit beschäftigt, mich schuldig zu fühlen, dass ich nicht mehr im Büro bin.

Trinkt für mich weiter!

Neulich war ich auf einer Party einer sehr guten Freundin. Ich wusste: Am nächsten Morgen um sechs Uhr wird das Baby wach werden. Ich wollte tanzen und sinnlose betrunkene Gespräche führen. Jede Minute, die ich länger blieb, würde aber eine Minute weniger Schlaf bedeuten. Und damit auch eine neue Woche, die mit einem Energielevel von unter null beginnen würde. Dabei ist doch das Wochenende meine einzige Gelegenheit, den Energiehaushalt ein wenig aufzutanken. Um ein Uhr verliess ich also die Party. Früh für meine Verhältnisse – jedenfalls bevor ich Mutter wurde. Meine Freunde versuchten, es nicht persönlich zu nehmen, aber ich glaubte in so manchem Gesicht das Bedauern zu sehen, dass es nun nicht mehr wie früher war. In solchen Momenten mache ich gern ironische Bemerkungen wie: «Trinkt für mich weiter, ich muss Windeln wechseln.»  

Um sechs Uhr morgens, man kann wirklich die Uhr danach stellen, war das Baby hellwach. Dieses Wesen mit dem zuckersüssen Grübchen-Lächeln, den strampelnden Beinchen und Ärmchen. Sie patschte mir ins Gesicht, und ich hätte heulen können. Aber nicht vor Glück. Mein Mann hatte die Nachtschicht zuvor geschoben, es war also nichts zu machen – ich war dran. Nach einem erfolglosen Versuch, die Kleine wieder in den Schlaf zu wiegen, schleppte ich mich aus dem Bett, zog etwas, das wohl mal ein Kleid gewesen war, an, setzte eine sehr grosse, sehr dunkle Sonnenbrille auf und lief verkatert und planlos mit meinem Baby und meinen düsteren Gedanken durch den Wald: «Muss ich jetzt akzeptieren, dass ich in keiner Situation jemals wieder voll im Moment sein werde? Ich liebe mein Kind, aber manchmal soll bitte einfach alles so sein wie früher.» Nur ist eben nichts so wie früher. Und ich weiss manchmal (noch?) nicht, wie ich damit umgehen soll.

Weil ein Teil von dir stirbt…

Lernt man das mit der Zeit? Andere Mütter scheinen diese Probleme jedenfalls nicht zu haben. Ich höre sie immer nur flöten, dass sie ja jetzt die besseren Arbeitnehmerinnen seien, weil sie endlich wüssten, wie man priorisiert. Ich kann den Satz: «Alles eine Frage der Organisation!» nicht mehr hören. Und mal ehrlich: Um Priorisierung geht es gar nicht in erster Linie. Es geht als Neu-Eltern vielmehr darum, zu akzeptieren, dass ein Teil von dir gestorben ist und du ihn vorerst beerdigen musst. Allein schon der eigenen Gesundheit zuliebe. Das zu akzeptieren, ist wahnsinnig schwer. Wie oft verfolge ich auf Instagram die Leben meiner Freunde und werde wehmütig. Passiert das mit den Prioritäten bei anderen wirklich einfach von heute auf morgen, ganz selbstverständlich? Kind da, und schon ist glasklar, was priorisiert werden muss? Beziehung, Kind, Job? Ganz klar: natürlich das Kind! Ganz klar: natürlich der Job? Und was ist mit den Freunden?

Fassen wir mal zusammen: Wenn ich nicht zu Hause bin, fühle ich mich meinem Kind gegenüber schuldig. Wenn ich zu Hause bin, fühle ich mich schlecht, weil ich nicht im Büro bin. Weil ich nichts für unsere Gesellschaft tue, denn eigentlich sollte eine Frau in einer Führungsposition aus feministischer Sicht doch möglichst viel tun, um das altmodische System umzustossen, damit Teilzeitpensen, Jahresarbeitszeit und Remote Work zur Selbstverständlichkeit werden. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt noch etwas anderes tue, als mich schuldig zu fühlen; das schlechte Gewissen schwebt über mir wie eine dunkle Wolke. Und das Schlimmste: Es ist hausgemacht! Man kann das System, den Partner, den Job oder die Gesellschaft verantwortlich machen. Fakt ist allerdings leider: Die perfekte Situation, um Kinder grosszuziehen, wird es hier wohl für die wenigsten von uns in nächster Zeit geben. 

Scheiss auf das schlechte Gewissen!

Das Einzige, was wir tun können, ist also, unserem ständigen schlechten Gewissen die Freundschaft zu kündigen. Keine Angst, ich schlage jetzt auch nicht ganz viele tolle Achtsamkeits-Apps vor. Ich plädiere einfach nur dafür, jeden Tag ein kleines bisschen mehr im Moment zu sein. Mir scheint, dass die wahren Gewinnerinnen unter den Müttern nicht entweder die Erwerbstätigen oder die Hausfrauen sind – es sind die, die es schaffen, ihrem schlechten Gewissen den Stinkefinger zu zeigen. 

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