Best of: Dumm, dümmer, Kita-Kind?

Während der Ferienzeit publizieren wir Texte, die besonders zu reden gaben. Dieser Beitrag erschien erstmals am 23. Januar 2019.

Krippen-Verteufelung statt Unterstützung: Arbeitende Mütter werden stets kritisiert. (Foto: iStock)

Noch bevor ich mein Kind geboren hatte, fühlte ich mich schuldig. Just in der Zeit, als ich ein paar Monate schwanger war, machte der Zürcher Psychologe Guy Bodenmann Schlagzeilen, die mein schlechtes Gewissen aufkeimen liessen. Ich informierte mich über verschiedene Kinderbetreuungsstätten, weil ich vorhatte, nach der Geburt wieder arbeiten zu gehen. Doch verdammte ich mein Kind damit dazu, womöglich ein bindungsgestörtes und emotional verstümmeltes Wesen zu werden? Das zumindest könnte man meinen, glaubt man dem zitierten Psychologen und entsprechenden Kommentaren.

Ja, ich war verunsichert! Als mein Kind in die Krippe kam, versuchte ich mich an den beiden Tagen so zu organisieren, dass mein Sohn so früh wie möglich abgeholt wurde. Immerhin war er damals erst sieben Monate alt! So brauchte er sich an diesem vermeintlich schädlichen Ort nicht zu lange aufzuhalten. Doch mein Sohn machte in der Krippe wahnsinnige Entwicklungssprünge. Ich bemerkte, wie sehr er von diesem Ort profitierte. Wie er offen, sozial und für sein Alter sehr selbstständig wurde.

Kitas vermindern den IQ?

Dann aber lässt dieser konservative Opa und Ex-SVPler Bortoluzzi Flyer in Haushalte verteilen, die vor den Folgen früher Fremdbetreuung warnen: Der IQ von Kindern würde sich aufgrund der Kita reduzieren, steht da. Denn: Mit jedem zusätzlichen Monat, den Kinder in der Kita verbringen, reduziere sich ihr später gemessener IQ um durchschnittlich 0,5 Prozent. Laut Bortoluzzi hat sich der IQ meines Kindes also bereits um fünf Prozent gemindert – und das nach nicht einmal einem Jahr in der Kita.

Weshalb mich diese Aussage dennoch nicht verunsichert? Nun, ich habe gesehen, wie gut es meinem Sohn in der Kita geht und wie er die Kita vermisste, als wir im Urlaub waren. Mein schlechtes Gewissen bleibt aus. Stattdessen werde ich wütend. Ich frage mich: Wieso wird die Mutterschaft noch immer derart idealisiert, dass eine gute Mutter zu Hause sein und ihre Glückseligkeit beim Babywickeln, Liedersingen und Breiverfüttern finden muss? Und weshalb müssen sich Frauen, die sich gegen Kinder entscheiden, dafür rechtfertigen – und werden als abnorm und egoistisch verurteilt?

Zeit, unsere Familienpolitik zu optimieren!

Immer wieder wird Müttern signalisiert, dass sie sich entscheiden müssten: Kind oder Beruf. Sogar im Bundeshaus wurde vergangenes Jahr die Basler Grossrätin Lea Steinle des Saales verwiesen, weil sie mit ihrem Baby im Tragetuch zur Abstimmung kam. Und auf der Aargauer Nationalrätin Irène Kälin wurde herumgehackt, weil sie ihr Kind im Bundeshaus stillte. Gerade im Bundeshaus ist ein solcher Umgang mit Müttern fatal und hat Signalwirkung. Männliche Politiker implizieren, dass gute Mamas zu Hause bleiben, anstatt dass sie etwas an der kinderfeindlichen Situation ändern, die mitunter daran schuld ist, dass man Kinder sehr früh in die Kita abgibt. Ein irrwitzig kurzer Mutterschaftsurlaub verunmöglicht es vielen Frauen, länger beim Kind zu Hause zu sein. Unterstützung vom Vater ist nur begrenzt da, dank eines nicht existierenden Vaterschaftsurlaubs. Und auf eine Elternzeit zu hoffen, ist in diesem Land derzeit utopisch oder naiv.

Es ist an der Zeit, die Debattenhoheit über Krippen nicht mehr Männern zu überlassen, die aus der Theorie kommen oder sich Frauen wieder an den Herd wünschen. Vielleicht wäre es Zeit – mit jedem Flyer, den man in den Briefkasten geworfen kriegt, mit jeder Studie, die Müttern ihr Depot des schlechten Gewissens wieder neu auffüllt, und mit jeder Politikerin, der es erschwert wird, als Mama ihrer Arbeit nachzukommen –, eine gescheitere Familienpolitik zu fordern. Denn nur hier kann man wirklich etwas von Grund auf für Mütter tun, die ihre Kinder gerne länger zu Hause betreuen. Ein schlechtes Gewissen zu machen, reicht nicht.

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