Kein Bock auf euren Club!

Und plötzlich hat man nur noch verschworene Mütter um sich: Szene aus «The Letdown». Foto: Netflix

«Na, endlich vernünftig geworden?» Mich, zu der Zeit im neunten Monat schwanger, erwischt dieser Satz an einem Brunch mit Bekannten ziemlich unvorbereitet. Und noch bevor ich Luft holen kann, wird er gleich von weiteren Klischees ergänzt: «Zum Glück hast du nicht noch länger gewartet, Menschen ohne Kinder sind ja so unglaublich kompliziert und können keine Kompromisse eingehen!» Kinderlose Freunde hingegen bedauern mit den Worten «Du wirst ja dann wohl ständig stillen müssen!», dass ich bald keinen Spass mehr haben könne und man mich nun auf unbestimmte Zeit von sämtlichen Party-Gästelisten streichen müsse. In welchen Schützengraben waren mein Babybauch und ich da geraten?

Ich würde mein Umfeld als eher fortschrittlich denkend bezeichnen: Frauen und Männer haben sich längst dem Feminismus verschrieben, man geht schon mal auf LGBTQ-Demos und die Kindererziehung teilt man sich selbstverständlich zu gleichen Teilen. Doch wenn es ums Kinderkriegen geht, prasseln plötzlich aus diesen ach so emanzipierten Mündern die haarsträubendsten Klischees auf mich ein. Zusammenfassen lassen sie sich ungefähr so:

Kinderlose über die Mutter: eine Babysprache brabbelnde Frau, die abseits des Wickeltischs kein Leben hat, unflexibel, überängstlich und kontrolliert ist und nie Spass mit Erwachsenen hat.

Mütter über die Nichtmutter: eine narzisstische Egomanin, die den ganzen Tag ausschliesslich mit sich selbst beschäftigt, tief im Innern aber sehr leer, weil unvollständig, ist und eigentlich bedauert werden muss.

Krieg der Nichtmütter und Mütter

Sie merken, die Fronten sind verhärtet. Ich selbst war sehr lange unsicher, ob ich Mutter werden wollte oder nicht, und erinnere mich an diverse Situationen, in denen ich von Müttern ganz genau wissen wollte, worauf ich mich da potenziell einlassen würde. «Woher wusstest du, dass Mutterschaft die richtige Entscheidung war?» Auf diese Frage bekam ich nie eine befriedigende Antwort. Es war meistens ein schwammiges: «Das weisst du dann schon, wenn du dein Kind zum ersten Mal ansiehst!» Den Vorwurf, dass sie das ja jetzt wohl sagen müssten, weil sie ihr Kind schliesslich nicht mehr zurückgeben könnten, wiesen alle energisch von sich. Klar, sind Gefühle des Bedauerns zum Glück die Ausnahme, aber sich einzugestehen, dass man lieber nicht Mutter geworden wäre, ist auch eines der letzten gesellschaftlichen Tabus. Aber selbst über gemischte Gefühle mit der Entscheidung sprach kaum jemand.

Als unser Baby schliesslich da war, wusste ich jedenfalls nicht in den ersten Sekunden, dass es die absolut richtige und beste Entscheidung meines Lebens war, Mutter zu werden. Das halte ich für überromantisierten Liebe-auf-den-ersten-Blick-Quatsch. Schliesslich musste ich dieses kleine Wesen, das ich heute natürlich nie wieder oder nur ganz ganz selten, wieder zurückgeben würde, erst einmal kennenlernen.

Der Club, den es nicht geben sollte

Ich habe (noch?) nicht vergessen, wie ich als Nicht-Mutter war und ich habe beschlossen, mich auf keine Seite zu schlagen, weil es keine Seiten geben sollte. Mich befremdet dieser Krieg zwischen Müttern und Nichtmüttern und ich verstehe nicht, warum wir Frauen uns gegenseitig zerfleischen müssen. Ein klassischer Fall von «the grass is always greener on the other side?» Oder hat es damit zu tun, dass beide Seiten mit ihren Entscheidungen manchmal unsicher sind und es leichter ist, mit dem Finger auf andere zu zeigen statt seine eigenen Gefühle zu reflektieren? Dabei würde doch genau in dieser Offenheit die Chance auf einen ehrlicheren, ungeschönten Umgang mit diesem wichtigen Thema liegen. Nur weil man aufrichtig zu sich selbst und zu anderen ist, stellt man doch nicht gleich seine gesamte Identität infrage!

Fast jede Frau hadert irgendwann in ihrem Leben mit dem Thema Mutterschaft, ob sie sich dazu entscheidet ein Kind zu bekommen oder nicht. Wenn mir also noch einmal jemand ein «Willkommen im Club!» zuruft, muss ich leider zur Spielverderberin werden. In einem Club, den es nicht geben sollte, will ich kein Mitglied sein.

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