Wie viel Eigenverantwortung soll das Kind übernehmen?

Mama hat alles im Griff! Dabei sollten Kinder schon früh lernen, Verantwortung zu übernehmen. Foto: iStock

Jugendliche sollen eigenverantwortlich handeln. Das wünschen sich die meisten Eltern. Aber wie erreichen wir dieses Ziel? Es gilt, schon kleineren Kindern Stück für Stück Eigenverantwortung zu überlassen und ihnen so Gelegenheit zu bieten, sich darin zu üben.

Die Initiative hierfür kann sowohl vom Kind als auch von den Eltern ausgehen.

Wenn ich zum Beispiel nicht mehr dafür verantwortlich sein will, dass mein 7-jähriger Sohn seine Turnsachen mit in die Schule nimmt, kann ich die Initiative ergreifen und mit meinem Sohn das Gespräch suchen. Dann kann ich zu ihm sagen: «Lieber Luca, ich will gerne, dass du ab jetzt selber daran denkst, deine Turnsachen zu packen und in die Schule mitzunehmen. Wenn du Hilfe brauchst, kannst du diese jederzeit von mir bekommen, du brauchst mich nur zu fragen.»

Fehler gehören zum Lernprozess

Kinder können vieles bereits selbstständig machen, sind jedoch noch oft auf Begleitung angewiesen. Vielleicht will Luca durchaus alleine seine Turnsachen packen. Trotzdem kann es sein, dass er es nicht jedes Mal schafft, alles am richtigen Tag dabei zu haben. Das macht nichts. Dabei lernt er, mit Fehlern und mit Frustration umzugehen.

So kann es zum Beispiel durchaus geschehen, dass er mal die Turnschuhe vergisst und deshalb nicht mitturnen darf. Sollte es so sein, dass Luca seine Sachen öfter vergisst, wünscht er sich vielleicht als Hilfe, jeweils am Abend vor dem Turntag einmal daran erinnert zu werden.

Es kann auch sein, dass er ein Schild «Turnsack mitnehmen» gestalten will, welches er sich selber hinlegt oder das zu Beginn sogar die Eltern für ihn hinlegen können. Das Übernehmen von Eigenverantwortung stärkt das Selbstwertgefühl unserer Kinder. Wenn die Eltern Verantwortung abgeben und die Kinder Eigenverantwortung übernehmen, löst das einen Lernprozess auf beiden Seiten aus, der den Horizont für beide erweitert.

Geht die Initiative vom Kind aus, kann es sein, dass das Kind sagt: «Ich will jetzt alleine in den Kindergarten laufen.» Oder: «Mischt euch nicht mehr in meine Hausaufgaben ein, das ist meine Sache.»

Da viele Kinder sich nicht so klar und konkret ausdrücken können, wenn es an der Zeit ist, ihnen Verantwortung zu überlassen, kann auch ein Dauerkonflikt, wie zum Beispiel beim Erledigen der Hausaufgaben, ein Anzeichen dafür sein, dass das Kind bereit ist, Eigenverantwortung hierfür zu übernehmen.

Weniger Konflikte dank Eigenverantwortung

Mein Sohn war im 2. Kindergartenjahr, als ein solcher Dauerkonflikt mich sehr viel Energie kostete. Jeder Morgen endete im Streit. Ich gab dauernd Anweisungen, sagte gefühlte Hundertmal: «Mach vorwärts. Zieh dich an etc.»

Ich redete viel, ohne etwas zu bewirken, im Gegenteil. Mir kam es so vor, als würde mein Sohn langsamer und bockiger, je mehr ich redete. Ich las damals zufällig, dass es in Situationen, die zu einem Dauerkonflikt führen, hilfreich sein kann, dem Kind mehr Eigenverantwortung zu überlassen. Für mich hiess das, ihm die Verantwortung zu überlassen, sich für den Kindergarten selbstständig bereit zu machen.

Das wollte ich sehr gern ausprobieren, deshalb sagte ich zu ihm: «Hör mal, ich rede jeden Morgen soo viel und sage dir soo oft immer dasselbe und merke, dass das gar nichts nützt und wir jedes Mal Streit bekommen. Das gefällt mir nicht, lass uns etwas anderes ausprobieren.» Dann fragte ich ihn: «Kannst du dir vorstellen, dich ab jetzt selbstständig bereit zu machen und rechtzeitig loszugehen – mit all deinen Sachen? Ich wecke dich rechtzeitig, mache Frühstück und rede nicht mehr so viel. Was meinst du dazu?»

Mamas Aufgabe ist schwieriger als gedacht …

Als er sofort sagte: «Ja, das will ich», war ich sehr überrascht. Die nächsten zehn Tage waren für mich dann aber sehr anstrengend und keine wahre Freude. Ich musste lernen, dass es alles andere als einfach war, meinem Sohn diese Eigenverantwortung auch tatsächlich zu überlassen.

Verantwortung übertragen bedeutet in diesem Zusammenhang nämlich, dass das Kind selber bestimmt, wann es sich anzieht, wann es frühstückt und wann es die Jacke anzieht. Und es beinhaltet auch, dass das Kind die Folgen fürs Zuspätkommen trägt.

Das lief bei uns dann so ab: Mein Sohn spazierte jeweils bis 8.10 Uhr noch im Pyjama herum, obwohl er um 8.15 Uhr losgehen musste. Das war für mich kaum auszuhalten, und ich musste mir eine Ablenkung suchen, um ihn nicht dauernd zu ermahnen, vorwärtszumachen.

Offenbar musste er sich zuerst vergewissern, dass ich es ernst meine und ihm die Verantwortung wirklich überlasse. Nach ca. zehn Tagen begann er, sich früher bereit zu machen, und die Situation pendelte sich ein.

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Meine Aufgabe: dem Kind vertrauen. Ich musste lernen, zu akzeptieren, dass mein Sohn sich in seinem Rhythmus auf seine Art bereit macht – und nicht so, wie ich es als sinnvoll erachte. Genau das ist meine Aufgabe, wenn ich will, dass mein Kind Eigenverantwortung übernimmt: Dem Kind vertrauen, aushalten, dass es seinen eigenen Weg geht und dass es damit seine Erfahrungen macht.

Zum Glück ist mir das in diesem Beispiel mit einiger Anstrengung gelungen, und mein Sohn hat gelernt, ein Stück Eigenverantwortung zu übernehmen. Unsere gehässigen Morgen waren Geschichte. Und: Zu meiner grossen Überraschung kam er nie zu spät in den Kindergarten!

Wenn Sie sich nun fragen, wann Sie Ihrem Kind welches Stück Eigenverantwortung übertragen können, finden Sie unten eine Übersicht mit Anhaltspunkten und Ideen dazu:

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Wofür das Kind schon Eigenverantwortung übernehmen kann

0–2 Jahre:

  • Nähe und Distanz
  • Wann es satt ist
  • Wann es Hunger/Durst hat

2–4 Jahre:

  • Wann es aufs WC muss
  • Eigene Frisur

4–7 Jahre:

  • Sich selber anziehen, bereit machen
  • Wann brauche ich eine Jacke und wann nicht?
  • Mit welchen Kindern es gerne spielt – erste Freundschaften
  • Schulweg, Turn- und Schwimmsachen ein- und auspacken

Ab 7 Jahre:

  • Hausaufgaben
  • Taschengeld

Später:

  • Ordnung im Zimmer
  • Eigene Kleider
  • Freizeitbeschäftigung
  • Transport (zu Fuss, Velo, Zug, Bus)
  • Liebesbeziehungen

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