Gebären ist ein bisschen wie sterben

Beruhigende Aussicht: Das Leben beginnt und endet mit Ruhe und Zuversicht. (Foto: iStock)

Lange Zeit konnte ich nicht glauben, dass es wirklich Sterbende gibt, die friedlich einschlafen und einfach nicht mehr aufwachen. Kämpft man nicht bis zuletzt um dieses Leben? Mein Grossvater belehrte mich eines Besseren. Seit seinem Tod bin ich überzeugt: Wenn man sehr alt ist, ist man irgendwann bereit zum Sterben. Und seit meiner ersten Geburt weiss ich, dass es am Anfang des Kreislaufes genau gleich ist: Irgendwann ist eine Mutter bereit zum Gebären.

«Es geht nicht mehr lang»

Mein Grossvater hatte grosse Angst vor dem Sterben. Den Glauben an Gott hatte er im Laufe seines Lebens verloren, und deshalb war er der Meinung, nach dem Tod sei einfach nur: nichts. Das waren keine guten Aussichten für ihn.

Lange lebte er gut. Und als es langsam abwärtsging mit seiner Gesundheit, war er zäh. «Ich chumm scho dure», pflegte mein Grossvater zu sagen. Doch der Bluthochdruck machte ihm zu schaffen, er sah und hörte immer schlechter, das Gehen machte ihm Mühe. Irgendwann halfen die Tabletten nicht mehr richtig, das Hörgerät war an seine Grenzen gekommen, mit dem Rollator schaffte er es nicht über die Schwellen. Mein Grossvater konnte die Wohnung nicht mehr verlassen und war auf Hilfe angewiesen. Und er hatte Schmerzen. Dazu war er sehr einsam. Bei jedem Telefonat erzählte er mir, wer jetzt schon wieder gestorben war. Längst waren Kolleginnen und Freunde darunter, die zwanzig Jahre jünger waren als er.

Irgendwann war alles nur noch mühsam. Da war mein Grossvater bereit. Bereit, diese Welt zu verlassen. «Es geht nicht mehr lang», kündigte er mir ein paar Tage vor seinem Tod ganz ruhig an. Er habe sehr friedlich ausgesehen, sagte seine Haushaltshilfe, nachdem sie ihn eines Morgens tot im Bett vorgefunden hatte.

Das Baby musste raus

Auch ich war irgendwann bereit. Bereit, mein erstes Kind auf die Welt zu bringen. Obwohl ich grosse Angst hatte vor dem Gebären. Welche Schmerzen würden mich erwarten? Wie würde ich damit umgehen? Was, wenn das Kind einfach nicht rauskäme? Würde es gesund sein? Würde ich das alles schaffen? Obwohl ich mich mit dem medizinischen Ablauf von Geburten befasst hatte, konnte ich mir nicht recht vorstellen, wie das in der Realität klappen sollte.

Nach 40 Wochen Schwangerschaft war mein Bauch riesig. Die Haut darüber war so stark gespannt, dass ich fürchtete, sie würde aufreissen. Und sie juckte fürchterlich. Die leidigen Stützstrümpfe konnte ich kaum mehr ohne fremde Hilfe anziehen. Nachts wälzte ich mich schlaflos im Bett. Essen konnte ich nur noch Miniportionen, sonst bekam ich Sodbrennen. Beim Gehen wackelte ich wie ein Nilpferd von einer Seite zur anderen und kam rasch ausser Atem.

Irgendwann war alles nur noch mühsam. Und ich war bereit, auf der Stelle ins Spital zu fahren und dieses Kind zu gebären! Keine Stunde mochte ich mehr warten. Plötzlich war da diese Ruhe, diese Zuversicht.

Es gab keine Alternative: Das Baby musste raus. Irgendwann geht es nicht mehr anders. Am Anfang des Lebens. Und an seinem Ende.

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