Mama, total entschleunigt

Zwangspause mit Benefits. Oder: Wenn der Teenager nicht mehr anders kann, als Verantwortung zu übernehmen.

Vier Wochen schon tue ich: nichts. Ich hänge bloss herum. Derweil sich mein Sohn um die Wäsche der Familie kümmert und mein Mann um den Rest. Er kauft ein und kocht, sorgt für Ordnung und massiert mir abends die Schultern. Eine Frau der Spitex putzt einmal die Woche unsere Wohnung.

Ich schlafe viel, turne, humple, lese, höre Musik und wärme vorgekochtes Essen auf. Hin und wieder stöckle ich mit den Krücken nach draussen, um kalte Luft einzuatmen, mich bei der Physiotherapie abzumühen oder um Brot und noch mehr Verbandsmaterial zu kaufen. Solche Ausflüge gehören zum aufregenden Teil des Tages, seit zwei Wochen sind sie möglich. Daher der Übermut vor fünf Tagen vielleicht, als ich ein klein wenig mehr tun wollte und einen Schongang «Plus» einlegte. Die Folge ist, dass ich kaum die Krücken halten kann. Entzündete Daumengelenke. Also liege ich mehrheitlich flach und tue weniger von dem Wenigen, was ich überhaupt noch tat.

«Traumhaft!», würden meine Kolleginnen dazu sagen. Als ich sie vorgängig über meine Beinoperation und die mehrwöchige Absenz informierte, äusserten sich Mütter mit hohen Arbeitspensen auffallend oft in solcher Weise. «Entschuldige, es mag vielleicht unpassend klingen», sagten sie, «doch wie geil ist das denn, so lange nichts zu tun. Sich hinlegen, krank sein, mehrere Wochen lang, ohne dass irgendjemand etwas von einem will. Du musst nicht nur nichts, nein, du darfst nicht mal.»

Hilfe einfordern

Daran denke ich immer wieder, Zeit nachzudenken habe ich ja. Ausgebremst und ruhiggestellt wie ich bin, denke ich an die irrsinnigen Tagesabläufe und Tempi vieler Mütter und Väter da draussen. An den Stress, den Raubbau und den Druck, unter welchem sie oft stehen – deren Kinder mit eingeschlossen. Man will alles richtig machen, den eigenen Ansprüchen und jenen der anderen genügen. Dabei vergessen wir oft uns selbst; statt zu pausieren, powern wir weiter. Oder wie anders sind die vielen erschöpften Mütter zu erklären, die sich um Kinder, Job und Haushalt kümmern und um so viel mehr.

Dabei brauchen wir uns selbst auch mal an der Nase zu nehmen: indem wir etwa dafür sorgen, dass die Aufgaben rund um den Haushalt gerecht aufgeteilt sind. Dazu gehört, dass wir Hilfe im Haushalt einfordern, von unserem Lebenspartner – aber auch den Kindern, je älter diese werden. Denn ungeachtet ihrer Berufstätigkeit hängt ein Grossteil der häuslichen Pflichten noch immer an den Frauen. Der Artikel «Er muss zupacken, sie loslassen», erschienen am Sonntag in der 12-App, zitiert entsprechende Studien und bringt das Thema gut auf den Punkt.

Im Artikel steht, Frauen gäben die Arbeiten daheim zu selten aus der Hand – und Männer wiederum nähmen das allzu bereitwillig an und lehnten sich zurück. Dabei betonten gerade Paare mit einem egalitären Anspruch gerne, dass beide gleich viel arbeiteten und dass sie sich sämtliche Pflichten gerecht teilten. «Doch lügen Frauen sich dabei häufig in die Tasche. Aus Scham und weil nicht sein kann, was nicht sein darf.»

Was die Erfahrung des Nichtstuns ändert

Mein Liebster und ich haben dieses Thema zum Glück nicht. Wir arbeiten beide zu 80 Prozent, den Einkauf, das Putzen und Kochen teilen wir uns etwa hälftig. Das hat sich in den vielen Jahren eingependelt. Und dennoch hat sich bei mir durch die Erfahrung meines wochenlangen Nichtstuns etwas verändert. Zum einen ist es schön, zu sehen, wie selbstverständlich meine beiden Männer im Haus die Mehrarbeit übernehmen. Zum anderen wurde mir bewusst, dass wir von unserem Teenager künftig mehr einfordern können. Er hat viel Freizeit und ist schon 16 Jahre alt, er soll auch im Haushalt mehr Verantwortung übernehmen.

Ein positiver Effekt hat sein Wäschedienst jedenfalls schon: Statt seiner etwa 20 T-Shirts, die vorher wöchentlich in der Wäsche lagen, sind es nur mehr die Hälfte. Als ich ihm vor ein paar Tagen das Zusammenlegen der Kleider abnahm, bedankte er sich überschwänglich bei mir. Und er meinte es so, wie er es sagte, ohne auch nur einen Hauch Ironie.

Längere Ausfälle, so mühsam sie sein mögen, haben schon auch ihr Gutes.

Wie teilen Sie sich den Haushalt auf? Und wie viel helfen Ihre Kinder mit?

Lesen Sie zum Thema Haushalt auch: