Wer hat Angst vor Jugendsprache?

Brudis am Be-en: Jugendliche feiern mit Slang ihre Zugehörigkeit. Foto: Pexels.com

«I bims», «fly sein» und «Smombie» lauten die sogenannten Jugendworte der letzten drei Jahre. Wenn in Ihrem Haus Jugendliche wohnen, wissen Sie, dass die so was gar nicht sagen. Trotzdem, Jugendliche reden anders als wir. «Sprachverfall!» keift manch Erwachsener. Doch er irrt. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht zeugt der Gebrauch von Jugendsprache nämlich von hoher kommunikativer Kompetenz.

Jugendsprache festigt die Persönlichkeit

Jugendliche müssen ihre Identität konstruieren. Das tun sie auf kreative bis provokative Art durch Kleidung, Frisuren, Musik und Sprache. Indem Jugendliche miteinander kommunizieren, handeln sie ihre Persönlichkeit aus.

Die Forschung brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass es so viele Jugendsprachen wie Jugendgruppen gibt. Jede Gruppe ist anders geprägt. Sie kennen das vielleicht. Unter alten Freunden sagt jemand plötzlich: «Haha, wisst ihr noch ‹Fliege›?», und alle lachen. Für diese Gruppe hat das Wort eine ganz eigene Bedeutung, die auf ein gemeinsames Erlebnis und eine gemeinsame Bewertung dieses Erlebnisses zurückgeht.


Schellenursli in Jugendsprache. Quelle: Youtube/SRFVirus

So verhält es sich auch mit Jugendsprache. Im Unterschied zu Erwachsenen sind Jugendliche aber eher bereit, neue Wörter und grammatische Konstruktionen zu erfinden. Heute ist sich die Sprachwissenschaft einig, dass Jugendsprache stark vom Kontext abhängt. Man kann also die Bedeutung einzelner jugendsprachlicher Ausdrücke nicht einfach im Lexikon nachschlagen.

Jugendsprache grenzt ab und macht zugehörig

Jugendliche schaffen untereinander mit einer gemeinsamen Sprache Nähe. Es entsteht eine ungezwungene Situation und das Gefühl: Wer unsere Sprache spricht, gehört dazu. Das funktioniert sogar in Abwesenheit der Gruppe. Wenn Ihr Kind mit Ihnen streitet und Jugendsprache spricht, dann distanziert es sich von Ihnen und konstruiert sich seine Freunde herbei.

Es geht aber auch andersrum: Durch Jugendsprache kann Ihr Kind Nähe zu Ihnen aufbauen. Kommt es euphorisch nach Hause und beschreibt Ihnen den tollen Kinofilm in seiner Jugendsprache, möchte es Sie an seinen Emotionen teilhaben lassen. Es schenkt Ihnen Einblick in seine Welt.

Aber … der Sprachverfall!

Das Argument des drohenden Sprachverfalls lässt sich auf zwei Ängste runterbrechen:

1. «Jugendliche können nicht mehr richtig sprechen.»
Können sie wohl! Die allermeisten Jugendlichen lernen in der Schule und in ausserschulischen Situationen, wann welches sprachliche Verhalten angemessen ist. Wenn Sie sich selbst beobachten, werden Sie erkennen, dass auch Erwachsene verschiedene Sprachstile benutzen. Sie reden mit Ihrer Ärztin anders als mit Ihrer Mutter, und Sie schreiben die Whatsapp-Nachricht an Ihren Geliebten anders als Ihren Kommentar zu diesem Blog. Hoffentlich. In der Sprachwissenschaft spricht man von «kommunikativen Mustern». Jede Sprachgemeinschaft entwickelt sprachliche Muster, um unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen. Sie möchten jemanden zum Essen einladen? Dann werden bestimmte Formulierungen von Ihnen erwartet. Das klingt deshalb so simpel, weil wir das alles unbewusst machen. Erst wenn jemand davon abweicht, fallen die Muster auf. Jugendliche beherrschen die meisten unserer etablierten Muster auch. Anders könnten sie sich gar nicht durch Jugendsprache abgrenzen.

2. «Was richten Jugendliche mit unserer schönen Sprache an?»
Im Gegensatz zur Jugendsprache verändert sich die Standardsprache nur langsam. Aber sie verändert sich – seit es überhaupt Sprache gibt. Die meisten jugendsprachlichen Ausdrücke verschwinden wieder, ohne die Standardsprache zu beeinflussen. Hier ein paar Beispiele aus einem Jugendsprachlexikon (ja, ich weiss) von Claus Peter Müller-Thurau, das Anfang der 80er erschienen ist:

  • Hotten: tanzen
  • Käthe: aufreizendes Mädchen
  • Sumpfralle: Mädchen, das nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht

In unserer Standardsprache kommen diese Ausdrücke nicht vor, und in der Jugendsprache gibt es dafür längst neue Begriffe. Hier ein paar weitere Begriffe aus demselben Lexikon:

  • Info
  • Junkie
  • Kiffen

Diese Ausdrücke sind Teil unserer erwachsenen – wenn auch informellen – Alltagssprache geworden. Die meisten Menschen, die den Sprachverfall kritisieren, merken gar nicht, dass der Standard von heute teilweise die Jugendsprache von gestern ist.

Lesen Sie zum Thema ebenfalls:

«Du schwule Sau»

«Fick dich: Wenn das Kind flucht»

 

96 Kommentare zu «Wer hat Angst vor Jugendsprache?»

  • Anh Toàn sagt:

    Angst vor Jugendsprache ist nur ein Beispiel für die Angst davor, dass sich die Welt verändert, aber wir als einzelnes Individuum eben nicht mit ihr. Nur als Gesellschaft verändern wir uns mit der Welt, als einzelner Mensch bleiben wir, was wir sind. Und dann wird uns als Individuum die Welt, die Gesellschaft, die Sprache fremd, und Fremdes, Unbekanntes macht uns Angst.

    Sie Frau Tschannen sind als Wissenschaftlerin neugierig, Sie untersuchen diese Veränderungen der Sprache, und so werden die Ihnen vertraut und sind nicht mehr fremd, und somit haben Sie keine Angst mehr.

  • Paolo Martinoni sagt:

    Ich bin stets der Ansicht gewesen, dass man vor der eigenen Tür kehren, mit gutem Beispiel vorangehen sollte. Nun – wer klagt bzw. lästert über wen in Bezug auf die Sprache bzw. den vermeintlichen Sprachverfall? Die Jungen über die Älteren oder eher die Älteren über die Jungen? Meine Antwort gilt meinen Altergenossen, denen, die aus Altersgründen längst vorbildlich sein sollten im Umgang mit der Sprache: Kaum einer von euch schreibt fehlerfrei, einige nicht einmal verständlich, manche Sätze (man lese die bereits aufgeschalteten Kommentare) sind geradezu haarsträubend … verfasst worden sind sie aber eben nicht von Pubertierenden.

  • Roman Meier sagt:

    Die sogenannte Jugendsprache von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (z.B. Balkan-Slang) hat nichts mit Kreativität zu tun, sondern mit einem mangelhaften Wortschatz von der deutschen Sprache. Wenn sowas auf unsere künftige Sprache abfärbt, dann „Gute Nacht“!

    • Christoph Bögli sagt:

      „..von der deutschen Sprache“? Autsch, der Dativ ist dem Genetiv sein Tod. Oder: Wenn man im Glashaus sitzt..

      Im übrigen gehören natürlich auch simplifizierte und/oder hybridisierte Slangs zur Sprachkultur und haben eine so lange Tradition wie wohl die menschliche Sprache als solches existiert. Stichwort Pidgin. Woraus sich z.T. sogar eigene Sprachen entwickelt haben, z.B. Kreol.

      Schlecht per se ist das darum nicht, im Gegenteil, das dient letztlich der kulturellen Verständigung und Integration. Problematisch wird es höchstens, wenn Menschen langfristig auf diesem Sprachniveau hängen bleiben bzw. keine Sprache mehr ordentlich beherrschen. Das dürfte aber nur auf eine kleine Minderheit zutreffen. Viele Secondos und Terzos nutzen solchen Slang, wenn überhaupt, eher ironisch..

  • Martin Maletinsky sagt:

    Solange Jugendsprache Jugendsprache bleibt und mit dem Eintritt der Betroffenen ins Erwachsenalter auch wieder verschwindet (um der Sprache einer neuen Jugend Platz zu machen) ist es OK.
    Peinlich wird es, wenn Erwachsene oder Medien meinen sich bei Jugendlichen anbiedern zu müssen indem sie deren Sprache übernehmen – dann wird auch der Vorwurf des Sprachverfalls zutreffend.

  • Mira sagt:

    Eigene Wörter und Ausdrücke kreieren, das haben wir früher auch gemacht. Und wie im Artikel beschrieben, verschwinden sie in der Regel genauso schnell wie sie aufgetaucht sind. Aber die absolut schlechte Grammatik von vielen Jugendlichen finde ich erschreckend. Ich glaube nicht, dass man dies durch die Argumente dieses Artikels schön reden kann.

  • Maria Gerber sagt:

    Tragisch ist, dass auch durchaus renommierte Zeitungen die Ausdrucksweise von Kinden mimen, was mitunter nur peinlich anmutet: viral gehen, Shitstorm, Deal, Mega-; dies alles Beispiele von der Tagi-Website.

    • Frau Tschannen sagt:

      Liebe Frau Gerber,
      bis auf „Mega-“ glaube ich nicht, dass es sich um jugendsprachliche Ausdrücke handelt. Oft vermischen sich ja mehrere Sprachbereiche: Jugend und Internet, das hängt eben zusammen. Trotzdem hat sich „im Internet“ (und das ist ja auch ein sehr weites Feld) eine eigene Sprache entwickelt, zu der ich jetzt die ersten beiden Ausdrücke, die Sie genannt haben, zählen würde. Ob man sie als Zeitung nun aufgreifen sollte oder nicht, hängt wahrscheinlich vom Kontext ab.

      • Maria Gerber sagt:

        Dass man sich im „Internet“ anders ausdrückt als bei seriöser Korrespondenz ist ja klar. Das Problem ist nicht Jugendsprache oder Kiezdeutsch per se, also die Herkunft dieser oftmals schlecht eingedeutschten Anglizismen. Der Anspruch an ein Presseorgan von landesweiter Ausstrahlung wäre schlicht und einfach eine gepflegte Sprache. Man assoziiert diese ja oftmals mit gewissen geistigen Fähigkeiten, so altmodisch dies klingen mag.

    • Vreni Heimer sagt:

      MG : habe ich auch gemerkt und ich nehme an die zeitungen möchten dass die jungen eben zeitungen lesen ! Man weiss dass sie sich immer weniger informieren, nur die haupttitel im 20.Minuten.

      • k. miller sagt:

        Falls das überhaupt Ausdrücke aus der Jugendsprache sind, dann eher solche, die in die allgemeine Alltagssprache übernommen wurden. Wie im letzten Abschnitt im Kapitel beschrieben. Alles Ausdrücke, die ich mit Ü50 selbstverständlich verwende, ohne dass ich besonders jugendlich wirken will.
        Allerdings ist Alltagssprache wirklich nicht in jedem Fall für eine seriöse (?) Zeitung passend…

      • Rolf sagt:

        Gibt’s im 20 Minuten mehr als Haupttitel?

  • gabi sagt:

    Ich entsinne mich durchaus einigen spezifischen Ausdrücken, die für meinen Kreis eine spezifische, manchmal witzige, aber durchaus auch mal abwertende, Bedeutung hatte, die sich Anderen nicht sogleich erschloss.

    Natürlich sind einige der Ausdrücke, an die wir uns einst selbst erst gewöhnen mussten („Geil!“) heute beinahe Alltags- oder Umgangssprache.

    Dennoch meine ich schon, dass sich dadurch keineswegs vorauseilenden Absolution für jeden Mist ableiten lässt.

    Grad in einer Gesellschaft, wo doch nun jahrzehntelang z.Th. Gendersprache – und was die alles bewirke! – missioniert wird, will ich nicht annehmen, dass bis in 15 Jahren die Bezeichnung „Opfer“ als gänig hingenommen werden muss, für alle Mitmenschen, die dem Äussernden nicht passen.

    • Frau Tschannen sagt:

      Liebe gabi,
      das stimmt natürlich glücklicherweise: nicht alle jugendsprachlichen Ausdrücke gehen in die Alltagssprache ein. Und dass Jugendliche oft beleidigende Sprache nutzen, stimmt auch. Jugendliche „lästern“ mehr als der durchschnittliche Erwachsene, weil sie das für ihre eigene Entwicklung und Abgrenzung brauchen. Es ist wichtig, ihnen nicht alles durchgehen zu lassen und ihnen immer wieder zu sagen, dass Wörter wie „behindert“ und „schwul“ keine Beleidigungen sein dürfen.

      • Niklas Meier sagt:

        Sie sind doch immer für Sprache Frau Tschannen, oder irre ich mich da?
        Dann ist es nämlich falsch, „behindert“ nicht als Beleidigung zu sehen. Das Wort „Behinderte“ für Menschen mit einer Beeinträchtigung ist heute nicht mehr angemessen…

      • Lala sagt:

        Ich bezweifle, dass verbieten solcher „Beleidigungen“ irgend etwas bewirkt bzw. je etwas bewirkt haben soll.
        In meinem Umfeld wurde das früher zumindest ständig verwendet… Jetzt weniger, aber das dürfte eher Altersbedingt sein.

      • k. miller sagt:

        @Niklas: Sogar der Bund redet noch vom ‚Behindertengleichstellungsgesetz‘. Auch wenn man immer mehr von ‚Menschen mit Beeinträchtigung‘ spricht, so ist das Wort Behinderte immer noch in Ordnung. Aber natürlich nicht, wenn es als Beleidigung verwendet wird.
        Man wird sehen, wie sich die Sprache diesbezüglich weiterentwickelt…

      • Frau Tschannen sagt:

        Lieber Herr Meier,
        wie kann man gegen Sprache sein? Sprache und wie sie funktioniert ist mein Beruf. Ich verstehe, was sie meinen: „behindert“ ist ein Schimpfwort (geworden), weil es als solches benutzt wird. Wahrscheinlich ähnlich wie „Dirne“, was früher einfach „Mädchen“ hiess. Aber weil ich Ihrer Ansicht nach „für Sprache“ bin, kann ich doch trotzdem gegen Diskriminierung sein? Für mich steht das in keinem Widerspruch.

      • Niklas Meier sagt:

        Da hat sich wohl das „gerechte“ aus der Sprache verdrückt. Freund lässt grüssen.
        „Man“ sagt heute einfach nicht mehr „behindert“, sondernd „tangiert“ oder „hilfebedürftig“. Dies kann sich aber auch ändern (vielleicht gibt es auch schon wieder eine neue Bezeichnung)

    • gabi sagt:

      Gerade diejenigen, die sich nicht einfach nur aus Nachahmerei dem Balkanslang verschreiben, werden nach meiner Wahrnehmung von nichts und niemandem auf irgend etwas hingewiesen. Geschweige denn, dass es ihnen nicht durchgelassen würde.
      Denn da haben diejenigen, die das tun sollten, schlicht Schiss. Die Erwachsenen vor deren Eltern (oder grossen Brüder) und die Kinder wie mein Sohn vor den unmittelbaren Konsequenzen:
      Also tatsächlich auch zum physisch angegriffenen „Opfer“ derjenigen zu werden, welche diesen Begriff in derselben Selbstverständlichkeit verwenden, mit der sie in diesen Begriffen eben auch – es fällt schwer mit diesem Wort abzuschliessen, deshalb lieber nur in Klammern – „denken“.
      Diese Verrohung hat Folgen. Sie zu verharmlosen bringt gar nichts.

    • gabi sagt:

      Ah… Apropos Sprache, Frau Tschanen:

      Nur, da mir das – seit Jahren mit erschütternder Regelmässigkeit – wieder und wieder vorgeworfen wird, möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich ein Er bin und keine Sie.

      Da ich mir aber, vor meinem allerersten Beitrag im Mamablog, nie darüber Gedanken gemacht habe, dass Gedanken zu einem Thema, das nichts mit dem zu tun hat, was mir zwischen den Beinen baumelt, je nach Geschlechtszugehörigkeit anders gelesen werden müssten, hatte ich mir damals ganz gutgläubig diesen, meinen Kosenamen als ID genommen.

      Alles andere als Fake, also.

      Grad im Zusammenhang mit Sprache habe ich mich seither über Jahre wundern dürfen, was mir dazu alles vorgeworfen wurde. … Und von wem!

      • Frau Tschannen sagt:

        Lieber Gabi,
        mein Fehler tut mir Leid!
        Ich verstehe auch, was Sie in Ihrem Beitrag von 15:24 Uhr meinen: Verharmlosen von Sprache ist gefährlich, wenn Sprache Gewalt ist. Sprache kann sehr oft Gewalt sein, allerdings ist das nicht auf Jugendsprache beschränkt.

  • gabi sagt:

    Klingt irgendwie nach einem weiteren Kapitel des Endloswälzers „Man muss einfach nur erklären, wie falsch die manifestierten Ängste sind!“

    Selbstredend grenzt sich jede Generation durch Sprache, aber auch durch viele andere Codes von den Erwachsenen ab. Vergessen wir aber nicht, dass diese jugendlichen keine homogene Gruppe sind und es einem – übrigens auch noch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter – so oder so Freude bereitet, mit „Seinesgleichen“ ein paar Insider zu teilen, die niemand Anderes versteht.

    Auf welcher gesellschaftlichen Stufe heute die „Voll-krass-Mann-he-Alte-Bitch-Typen“ stehen, oder auch nur schon, wie zufrieden sie sich heute mit ihrer Existenz fühlen, wäre schon mal eine hochinteressante Frage.

  • Niklas Meier sagt:

    Grundsätzlich würde ich empfehlen zwischen „Jugendsprache“ und „Ghettosprache“ (mir fällt kein besserer Ausdruck dafür ein, sorry) unterscheiden. Die Jugend grenzt sich von den Eltern ab und benutzt dabei dafür auch die Sprache der Eltern. Aber: basierend auf deren Regeln. Es werden gewisse Wörter neu eingeführt, anderen neue Bedeutungen zugeordnet usw. Bei der „Ghettosprache“ kommt der Unterschied zur „normalen Sprache“ dadurch zustande, dass die Sprechenden nicht dazu imstande sind, diese zu sprechen. Und gewisse die dazu in der Lage wären übernehmen diese aus unterschiedlichen Gründen.
    Das führt dann dazu, dass Jugendliche keinen geraden Satz mehr schreiben und Texte nur schwer verstehen können.
    Ich erlebe das jeden Tag bei der Arbeit.

    • Frau Tschannen sagt:

      Lieber Herr Meier,
      diese Meinung habe ich jetzt schon mehrmals hier gelesen. Das, was Sie „Ghettosprache“ nennen, wird in der Forschung als „Kiezdeutsch“ bzw. „Kiezsprache“ bezeichnet. Die Professorin Heike Wiese hat in Wohnvierteln in Berlin mit hohem Migrationsanteil Forschungen zu dem Thema durchgeführt. Sie konnte zeigen, dass Kiezdeutsch immernoch Deutsch ist und mit den Regeln der deutschen Sprache spielt. Zwar gibt es Beeinflussungen aus anderen Sprachen („Lan“ und „Wallah“ z.B.), aber z.B. ist „cool“ auch aus einer anderen Sprache entlehnt. Sie hat ausserdem zeigen können, dass Jugendliche, die Kiezdeutsch sprechen, trotzdem noch „normal“ sprechen und schreiben können. Und zwar unabhängig davon, welche Sprache(n) ihre Eltern sprechen.

      • Niklas Meier sagt:

        Dass es diese Studie gibt mag stimmen. Und wenn es sich bei dem „Kiezdeutsch“ um Deutsch mit aus anderen Sprachen adaptierten Wörtern handelt, die gewisse Begriffe ersetzen oder spezifizieren, dann ist das sicher nicht falsch.
        Wenn aber grundlegende Grammatik ignoriert wird (teilweise einfach deshalb, weil in der Muttersprache andere Regeln gelten), dann fällt es diesen Kindern sehr schwer, das „normale“ Deutsch zu sprechen.

      • Vreni Heimer sagt:

        ja, man will alles entschuldigen und zu jedem Thema eine rechtfertigung finden leider.

      • Martin Frey sagt:

        Was diese These nicht unbedingt stützt:
        https://www.blick.ch/news/schweiz/basel/weil-eltern-nur-bahnhof-verstehen-schule-schreibt-briefe-nur-noch-in-einfacher-sprache-id7663617.html
        Eine integrative Bankrotterklärung, meines Erachtens.

      • Frau Tschannen sagt:

        Liebe Frau Heimer, lieber Herr Meier,
        zu „Kiezdeutsch“ gehören auch grammatische Abweichungen vom Standard: „Isch geh Kino“ oder „Und dann, isch hab so gesagt….“ sind Beispiele aus Heike Wieses Studien. Sie zeigt an sehr vielen Beispielen, wie grammatische Regeln, die im Deutschen existieren, innovativ eingesetzt werden. Artikelwegfall oder Nebensätze mit Verbzweitstellung sind im Standarddeutschen möglich, ebenso die Partikel „so“. Diese Regeln sind Regeln der deutschen Sprache und sie auf einen anderen Bereich anzuwenden, zeugt von Kenntnis dieser Regeln. Diese Studien und auch mein Blogbeitrag sind keine Entschuldigungen oder Rechtfertigungen, sondern Beschreibungen und Erklärungen.

  • 13 sagt:

    Jugendliche sprechen in Jugendsprache? Sehr gut! Wir alle sollten an unserer Sprache arbeiten, immer wieder. Wir sollten Wörter, die wir brauchen, überdenken und gegebenenfalls anpassen, an den Zeitgeist und neue Überzeugungen. Überall, gerade im akademischen Milieu, aber nicht nur, wird das immer wieder getan, auch oder gerade um Diskriminierungen und unnötige Angriffe auf Personengruppen zu umgehen oder je nach politischer Ausrichtung, um gerade mal „die Dinge mal wieder beim Namen zu nennen“. Und wenn Jugendliche diese sprachlich Flexibilität üben, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie sie auch beibehalten und auf andere Dinge projizieren. Da nehme ich mal ein „Chill mal, Mutti“ in Kauf 😉

    • Sportpapi sagt:

      Vieles, was unsere Kinder von sich geben, ist allerdings hochgradig diskriminierend und abwertend. Sie merken es teilweise nur nicht.

      • 13 sagt:

        Ja, das ist so. Es ist auch ein Thema, welches wir auch immer mal wieder haben, da ich das überhaupt nicht akzeptiere und mir der Umgangston sehr wichtig ist. Damit findet aber eben gleichzeitig gerade eine Auseinandersetzung mit der Sprache statt, welche auch ermöglicht, zu reflektieren. Ich finde dies, selbst wenn es mal in die Hose geht, eine bessere Lektion als ein einfaches „Das sagt man nicht!“ oder „Das gehört sich nicht“.

    • tina sagt:

      mutti finde ich völlig inakzeptabel

      • 13 sagt:

        @ tina
        Ich auch. Meine Tochter sagt das jeweils extra so überzogen, um mich zu necken und ist nicht böse gemeint. Ich antworte dann mit „Du freches Gör“, was ich natürlich auch nicht ernst meine. Im Alltag nennt sie mich Mami.

      • tina sagt:

        es war auch nur so halbernst gemeint 🙂 aber weil witze erklären wirklich wirklich blöd ist, lassen wir es dabei 🙂

  • filosof sagt:

    Mir fällt auf, dass das meistgesprochene Wort in Spielfilmen, Krimis und Soaps „Scheisse“ lautet. Von Erwachsenen gesprochen. Das müsste auch nicht sein.

  • maia sagt:

    „Die Forschung brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass es so viele Jugendsprachen wie Jugendgruppen gibt“ – im Ernst jetzt. Jeder der etwas über den eigenen Tellerrand hinausschaut weiss das. Ich hoffe, dass dafür keine Forschungsgelder verbraucht wurden.

    • Frau Tschannen sagt:

      Ja, rückblickend ist vieles immer sehr einleuchtend. Man hat lange versucht, einen gemeinsamen Nenner zu finden, nur wurde dieser irgendwann zu abstrakt. Dazu kommt, dass das Interesse an Jugendsprache erst so seit den 80ern wirklich wertfrei(er) geworden ist. Ich bin eigentlich froh, dass Forschungsgelder dafür investiert wurden.

      • maia sagt:

        Ja, natürlich – von etwas müssen die Sprachforscher ja auch leben. Es gäbe da noch weiter Felder: ich kann Ihnen z.B. versichern, dasss es nicht nur verschiedene Jugendsprachen gibt. Es gibt überhaupt soviele Sprachen, wie es Gruppen gibt. Schon bei den Nachbarn wird anders gesprochen, in jeder Familie gibt es eine „Sprache“. Das faszniert mich schon mehr oder weniger seit ich in die Schule ging. Es können also noch ganz viele Forschungsgelder „verbraten“ werden.

  • Cybot sagt:

    Die Leute, die so etwas kritisieren, leiden einfach nur unter Gedächtnisschwund. Wir alle haben als Jugendliche genau das gleiche gemacht, Wörter erfunden, verändert und manchmal auch einfach nur rumgeblödelt. Und trotzdem können wir heute ganz normal sprechen. Wenn ich Jugendlichen zuhöre, erinnere ich mich immer wieder gern daran, was wir früher so alles gesagt haben. Und besonders lustig ist es, wenn Jugendliche mit vermeintlich neuen Ausdrücken kommen, die wir schon in den 80ern genau gleich verwendet haben.

  • Martin Frey sagt:

    Zwei Dinge sollten noch Ergänzung finden, zu Punkt 1:
    „Die allermeisten Jugendlichen lernen in der Schule und in ausserschulischen Situationen, wann welches sprachliche Verhalten angemessen ist.“
    Das sehe ich nicht unbedingt so. Leider gibt es nicht selten Jugendliche, gerade solche die teils „Balkandeutsch“ reden (um das Kind beim Namen zu nennen), denen es zur zweiten Haut wird. Das verrückte ist, selbst Gian Rüdisühli beginnt irgendwann mal so zu reden, wenn er in einer Klasse mit entsprechendem Gruppendruck aufwächst.
    Spätestens bei der Bewerbung um eine Lehrstelle merken sie dann, dass das da draussen nicht gefragt ist, und sie es eben je nachdem nicht einfach an der Garderobe ablegen können.
    Das zweite, damit verbunden, ist oft ein sehr schlechter Wortschatz. Woher auch?

    • Astrid Meier sagt:

      So läuft das doch mit dem Erwachsenen werden und der Jugendsprache. Das war schon zu meiner Zeit nicht anders. Was sich hingegen verändert hat, ist das Erwachsene in Film und Realität als Dauerpubertierende daherkommen, sowohl in Sprache als auch in Kleidung. Das macht es für die Jugendlichen nicht einfacher.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Natürlich gibt es solche Leute und das einzige was mir dazu einfällt: was haben ihm die Eltern nur beigebracht.
      Hätten die Eltern Stil, hätten die Kinder das auch.
      Sorry, ich weiss dass hören viele nicht gern, ist aber so.
      Kann man täglich beobachten:
      Kluge Kinder können zwar auch doofe Eltern haben, denn Vernunft schlägt Dummheit.
      Aber doofe und stillose Kinder, können keine vernünftige Eltern mit Stil haben.

      Also, wenn es breitflächig ein Problem mit der Jugend gibt, ist es nur ein Spiegel des breitflächigen Problems der Elterngeneration.

      • Reincarnation of XY sagt:

        Vor 10-15 Jahren fiel mir dieser Slang vielmehr auf. Heute höre ich das seltener. Ok, wir wohnen auf dem Land… andererseits habe ich beruflich mit unzähligen Leuten aus dem Raum Zürich zu tun, deren Namen auf Balkan schliessen lassen, die aber akzentfrei schweizerdeutsch sprechen, gut gebildet sind, einen guten Job machen.

        Ich vermute auch hier, dass man sich wieder (dankbar) an den Extrembeispielen hochschaukelt und die so oft widerholt, als wäre es flächendeckender Standard mit zunehmender Abwärtstendenz.
        Das ist definitiv falsch.

    • 13 sagt:

      „Das verrückte ist, selbst Gian Rüdisühli beginnt irgendwann mal so zu reden, wenn er in einer Klasse mit entsprechendem Gruppendruck aufwächst.“
      Das Verrückte daran ist, dass das auch im Umfeld passiert, wo es gar keine oder nur wenige „Balkanjungs“ gibt, zumal die heutigen Jugendlichen aus diesen Staaten ohnehin meistens hier geboren sind und akzentfrei sprechen können. Meine Schwester hatte mal so einen Freund. Der Akzent war furchtbar, der Stammbaum rein schweizerisch, wie auch der seiner Freunde, die auch so sprachen. Erst als wir ihm die Folgen aufzeigten, die diejenigen, die aus der Region stammen, wie wir, durch solche „lustige Nachahmer“ tragen müssen, gab er sich Mühe, ihn abzulegen. Es war ein ziemlicher Prozess.

      • Sportpapi sagt:

        @13: Ich wundere mich ja vielfach, dass selbst in der Schweiz geborene Jugendliche, keineswegs Ghetto-Kinder, eben nicht akzentfrei sprechen.

      • 13 sagt:

        @ SP
        Zweite oder dritte Generation? Das macht einen grossen Unterschied. Die grosse Einwanderungswelle aus den Balkanstaaten war ja Ende 80er, anfangs 90er-Jahre, Kosovo etwas später. D.h. ein grosser Teil der Kinder haben Eltern, die bereits hier zur Schule gegangen sind. Wenn diese, die ja fliessend deutsch inkl. Dialekt sprechen, das den Kindern nicht beibringen oder zumindest die Möglichkeit eröffnen, es zu lernen, dann ist das aus meiner Sicht unverzeihbar und doch, da habe ich das Gefühl, dass das v.a. in tieferen Bevölkerungsschichten vorkommt. Bei der 2. Generation, also wo die Eltern vielleicht nicht fliessend deutsch können, ist es natürlich einiges schwieriger. Aber auch sollte es in bildungsnahen Familien möglich sein, leider nicht in allen.

      • Martin Frey sagt:

        Wie Du richtig sagst, 13, es kommt wohl sehr auf die Schicht und das Milieu darau an, nicht nur auf die Generation. Aber bei vielen 2. Generatiönlern hört man iaR ansatzweise den Akzent heraus selbst wenn sie hier aufgewachsen sind, auch bei Italienern z. B, nur anders. Was sie oft gemeinsam haben: einen etwas mageren Wortschatz in beiden Muttersprachen. Bei den 3. Generatiönlern hörst Du iaR kaum mehr einen Akzent heraus, ausser man „pflegt“ den gezielt. Darum hat der stereotype „Ghettoslang“ bei den Leuten vom Balkan, zumindest in den bildungsnahen Schichten, massiv abgenommen, da hast Du recht.
        Und dann gibt es natürlich die, die ihre Kinder gezielt von anderen Einflüssen abschotten, aber die sind ja glücklicherweise nicht die Regel.

      • 13 sagt:

        @ MF
        Das Umfeld kann man noch weiter differenzieren. Im reinen Akademikerumfeld hörst Du bei der 2. Generation meistens keinen Akzent. Diese Erfahrung machte ich sowohl bei den Kindern der Kollegen meiner Eltern (allesamt Ingenieure, von der Schweiz aufgrund Fachkräftemangel der 80er Jahre abgeworben) wie auch bei meinen eigenen Unikollegen. Eine Freundin kam sogar erst Mitte Gymnasium in die Schweiz und spricht heute akzentfrei Mundart, aber sie ist auch Ärztin. Auch bei mir hörst Du nur ein breites Bääärndütsch. Und über den Wortschatz kann ich mich auch nicht beklagen, gilt jedoch zugegeben nur für deutsch. Im anderen Umfeld sieht es je nachdem anders aus. Das ist sicher richtig, wie auch dass die 3. Generation nochmals anders ist.

    • Martin Frey sagt:

      @Roxy
      Das stimmt, andererseits muss man den Leuten zugute halten, dass sie oft in einem sehr bildungsfernen Milieu aufwachsen, und diese Eltern häufig auch anderes zu tun haben als ihren Kindern Stil und Sprachfertigkeit beizubringen.
      Ob „doofe und stillose Kinder“ keine vernünftigen Eltern mit Stil haben können, weiss ich nun nicht, dünkt mich als Aussage etwas gewagt. Denn wie gesagt, der Einfluss der Peergroups ist je nachdem gewaltig.
      Apropos, Niklas Meier hat das Phänomen um 11:04 Uhr sehr viel besser und korrekter mit dem Begriff „Ghettosprache“ umschrieben als ich.

      • Reincarnation of XY sagt:

        Selbstverständlich MF. Ich drücke mich oftmals absichtlich gewagt aus, um Dinge zu verdeutlichen. Zusammenfassend sagte ich: „Also, wenn es breitflächig ein Problem mit der Jugend gibt, ist es nur ein Spiegel des breitflächigen Problems der Elterngeneration.“
        Stichwort: breitflächig
        Das ist der Punkt. Wer über die Jugend(sprache) ausruft, sollte erst mal unser Vorbild hinterfragen.

        Natürlich gibt es stets Extrembeispiele, natürlich ist vieles nicht gut. Das gilt aber ausnahmslos für jede Generation. Ich wüsste nicht eine Generation, die sich rühmen könnte, dass ihr moralisches und geistiges Niveau herausragend war.

      • Simone sagt:

        M. Frey : wenn sie mal erwachsen sind, haben sie doch zeit sich zu verbessern ? Aber eben : was hänschen nicht lernt, lernt hans meistens nimmermehr.

  • Muttis Liebling sagt:

    Die Jugendsprache ist so wie Jugendsprache eben ist. Sorgen muss man sich um die Sprache im öffentlichen Raum machen, in der Politik und den Medien. Da wird konstruiert, was das Duden hergibt. Irgendwer hat den Journalisten und Politikern mal gesagt, sie müssen die Menschen, nicht nur die Leser oder Bürger ansprechen. Nun werden wir pausenlos als Menschen und nicht mehr als Leser und Bürger angesprochen.

    Staaten werden Länder, oder gar Nationen genannt, weil man mit Ländern und Nationen mehr verbunden, als mit Staaten ist. Alles im öffentlichen Raum wird vermenschlicht, emotionalisiert und gleichzeitig wundert man sich, wenn die Emotionalisierung immer mehr in Tätlichkeiten ausartet.

    Jugendsprache ist wie sie ist, aber die Verwahrlosung der Erwachsenensprache ist schrecklich.

  • Maike sagt:

    Nicht nur die Jugendlichen grenzen sich durch eine eigene Sprache ab. Tun es nicht die Jäger auch ? Mit ihren besonderen Ausdrücken wollen sie sich von der Masse des einfachen Volkes abheben und sich einen elitären Hauch geben. ? Oder warum z.B. sagen sie zum Häuten – aus der Decke schlagen ? Hat das irgendeinen Mehrwert gegenüber dem Begriff Häuten ?

    • Marcus Ballmer sagt:

      Sie verwechseln Jugendsprache mit Fachbegriffen. Der Begriff „aus der Decke schlagen“ hat tatsächlich einen Mehrwert, bzw. präzisiert einen Vorgang. Er beschreibt das Lösen des Fells durch Ziehen und Nachdrücken (schlagen) mit der Faust. Merke: nicht alles, was Sie sich nicht erklären können, ist elitär. Bin übrigens nicht Jäger, habe aber die Erklärung mit 2 Klicks im Internet gefunden. Wieso kommen Sie nicht auf diese Idee…?

    • Niklas Meier sagt:

      Das sind Fachbegriffe die eine Profession definieren.
      Ein Arzt schreibt dem anderen auch nicht „der Patient hat den linken Finger am Grundgelenk gebrochen.“ und ein Jurist wird auch nicht schreiben „Wer etwas kauft muss es auch bezahlen.“

  • Muttis Liebling sagt:

    Mit 300 Wörtern Sprachschatz kann man in einem Sprachraum zurecht kommen. Man kann seinen Lebensunterhalt verdienen und seine Angelegenheiten regeln. Fernsehserien kommen mit 1000 Wörtern, Spielfilme und preisträchtige Romane mit 3000 Wörtern aus. Goethe soll 30’000 Wörter zur Hand gehabt haben. Im ‚Faust‘ hat er fast alle benutzt.

    Im aktuellen Duden stehen über 120’000 Wörter. Man hat den Eindruck, es wird bewusst auf Masse gesetzt. Man hätte sich auf 30’000 beschränken können und es hätte der Sprache eher genutzt, als geschadet.

    • Niklas Meier sagt:

      Nein, hätte es nicht. Je einfacher die Sprache wird, um so schwieriger wird eine präzise Kommunikation.
      „Kommst Du um 20.00 Uhr mit ins Kino? Wir gehen Film XY schauen. Anna, Ali und Claudine kommen auch mit.“ ist etwas Anderes als „Kommst Kino?8i“, dazu einen Standort schicken. Und das an eine ganze Gruppe im Chat.
      Oder Sie beschreiben einen Sonnenuntergang mit unterschiedlichen Farben, der herrschenden Stimmung, umschreiben Ihre Stimmung dabei usw. Oder Sie schicken ein Foto oder einen kurzen Film #sunneuntergangwiegeilistdasdenn.
      Aber jeder wie er lustig ist.

      • gabi sagt:

        Ich fürchte, das geht noch weiter, Herr Meier:

        Nicht nur die präzise Kommunikation wird schwieriger, sondern auch jede Reflexion.

        Wenn ich mich nur noch einer knappen Handvoll Adjektive bediene, um meine Freude oder meinen Unwillen kund zu tun, so sackt die Welt in simples schwarz / weiss ab.

        Hab ich nur noch „Voll Scheisse Mann“ und „Voll geil, Alter“ als Skalabegrenzungen zur Verfügung, so gibt´s auch in der Denke keine Graustufen mehr, geschweige denn Farbe!

        Wie „differenziert“ ich mir mit diesem Definitionswerkzeug dann noch Gedanken über komplexe Themen und Zusammenhänge machen kann, sollte sich in diesem Blog hoffentlich noch jeder vorstellen können.

  • Röschu sagt:

    Der Sprachverfall zeigt sich nicht unbedingt im Gesprochenen, dafür umso mehr im Geschriebenen. „Viele Jugendliche können nicht mehr richtig schreiben“, wäre daher die These, die es zu entkräften gäbe.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Auch hier möchte ich entgegenhalten, dass auch viele Erwachsenen nicht gut schreiben können.

      Das Problem ist also eher, dass die Über-die-Jungen-Nörgelgeneration sich masslos selbst überschätzt. Sie kann selbst nicht gut schreiben, liest selbst wenig und wenn, dann meist nonsense. Auch bevorzugt sie regelmässig anspruchslose Fernsehprogramme. Das sieht man daran, dass Programme und Serien mit Gehalt in Randzeiten ausgelagert werden (und der typische TV-Gucker ist ja zwischen 40-80).

      • k. miller sagt:

        Ich kann das was RoXY schreibt nur bestätigen. Ich bin bereits vor 30 Jahren erschrocken, als ich im Berufsleben mit Texten von Kadermitarbeitenden (also Erwachsene meiner Generation und älter) konfrontiert wurde. Fehlerfrei schreiben konnten/können viele nicht. Hat sich bis heute nicht gebessert.
        Was ich aber interessant finde, ist der Einwurf mit der Selbstüberschätzung. Da könnte etwas dran sein. Denn wenn ich redigierte Texte zurückgebe, kommt von den älteren Erwachsenen ein ‚Danke‘, während die Jüngeren eher verständnislos reagieren im Sinne von ‚Ist doch egal, wie man schreibt.‘

  • Sportpapi sagt:

    „Wenn Sie sich selbst beobachten, werden Sie erkennen, dass auch Erwachsene verschiedene Sprachstile benutzen. Sie reden mit Ihrer Ärztin anders als mit Ihrer Mutter, und Sie schreiben die Whatsapp-Nachricht an Ihren Geliebten anders als Ihren Kommentar zu diesem Blog. Hoffentlich.“
    Hoffentlich. Ich erlebe das aber auch anders.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    mit der „jugendsprache“ müssen wir alle leben. untolerierbar wirds erst wenns die schweizer aus irgendeinem grund cool finden den balkan-slang zu imitieren.
    dems mues uhörr, gans schnäll!

  • asouka sagt:

    100 Wörter? Ich habe mal angefangen zu zählen, wieviele Wörter mein Kind für sein Hobby am Wochenende braucht, beim Tasche packen angefangen. Ich war bei 20 noch bevor wir gedanklich aus dem Haus waren und habe dann aufgehört zu zählen. Ich nehme an, da kommen nur schon an besagtem Tag einige Wörter zusammen. Wieso nur wird die Jugend von teils Leuten so schlecht bewertet?

  • Paolo Martinoni sagt:

    „Die meisten Menschen, die den Sprachverfall kritisieren, merken gar nicht, dass der Standard von heute teilweise die Jugendsprache von gestern ist“ – mit Ihrem Fazit, Frau Tschannen, bin ich nicht ganz einverstanden. Es fasst nicht wirklich Ihre in Ihrem Beitrag geäusserten Gedanken zum Thema, finde ich. Man könnte vielmehr sagen, dass das Gros der Termini und Ausdrücke, die Jugendliche erfinden und verwenden, kurzlebig ist, einige wenige davon hingegen sich derart gut behaupten, dass sie früher oder später auch bei Erwachsenen Gefallen finden. Wie dem auch sei: Auch ich bin der Ansicht, dass die Sprache etwas Lebendiges ist, daher – zum Glück – stets im Wandel. Und da die lebendigsten unter uns meist sehr jung sind, verdanken wir es ihnen, dass die Sprache nicht erstarrt …

    • Simone sagt:

      keinen wortschatz ! Die lesen nicht, sind ständig auf dem handy oder PC. Und die „neuen“ wörter sind wirklich meistens vulgär.

      • Marcus Ballmer sagt:

        Alles nur Vorurteile, liebe Simone. So wie Sie wird schon seit Tausenden von Jahren argumentiert, bzw kritisiert. Richtiger ist’s deswegen nicht geworden. Nur ein paar Beispiele: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe“ (Keilschrifttext, Chaldäa, um 2000 v. Chr.). Oder: „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten“ (Babylonische Tontafel, ca. 1000 v. Chr.).

      • Lala sagt:

        Wird aber schwierig Handy und PC zu bedienen ohne zu lesen.
        Untereinander wird viel Mundart/Slang geschrieben, aber alles andere ist nach wie vor Hochdeutsch…

        Wenn ich unsere Lehrlinge im Betrieb ansehe, habe ich auch überhaupt nicht das Gefühl, dass es diesen irgendwie an Wortschatz fehlen würde.

      • Röschu sagt:

        @Marcus Balmer
        „… und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten“ (Babylonische Tontafel, ca. 1000 v. Chr.).“
        Und siehe da: rund 500 Jahre später war das babylonische Reich tatsächlich dem Ende geweiht…

    • Frau Tschannen sagt:

      Lieber Herr Martinoni,
      Danke für Ihre Kritik. Sie haben Recht: Meine letzte Aussage im Text fasst nicht meinen kompletten Artikel zusammen, sondern nur den letzten Abschnitt. Es ist quasi ein Argument gegen die, die immer und überall „Sprachverfall“ wittern. Aber ansonsten sind wir ja einer Meinung 🙂

  • Roxy sagt:

    Chills Alter. Besten Dank für den Text. So ist es.

  • sophie sagt:

    So schade dass das vokabular sich so verkleinert. Junge kommen mit ca. 100 wörter aus. Dekadenz wenn die sprache so vereinfacht wird „super“ „geil“ „horror“ usw. Die jungen welche noch wirklich lesen werden seltener und man merkt es an der sprache.

    • Andreas sagt:

      In Sachen Interpunktion interpretieren Sie die Regeln auch eher liberal. Mangelt es Ihnen nun an Liebe zur Sprache oder ist es Ihnen vielleicht einfach nicht sonderlich wichtig?

      Jungen, die mit ca. 100 Wörter auskommen, sollte man übrigens Orden verleihen, denn wer kann sich sonst mit einem solch begrenzten Vokabular erfolgreich durchs Leben schlagen.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Ha, ha, ha, ein echter Schenkelklopfer. Wer sind denn für Sie „die Jungen“? Die 50 jährigen?
      Die reden in etwa so.
      Die Jungen kreieren wieder neue Worte.

      Die Anzahl der Leser ist allgemein gering, in jeder Generation. Und von denen lesen dann die meisten Bücher und Heftli, welche nicht unbedingt den Wortschatz, geschweige denn den Intellekt anheben….

    • Frau Tschannen sagt:

      Liebe sophie,
      Danke für Ihren Eindruck. Ich teile den allerdings nicht, denn Jugendliche haben einen deutlich höheren Wortschatz und mehr Sprachkompetenz, als Sie ihnen vielleicht zugestehen. Klar, wenn man als unbeteiligter Erwachsene Jugendliche miteinander reden hört, kann schon mal der Eindruch entstehen, aber es gibt mittlerweile viele wissenschaftliche Studien zu dem Thema, die das Gegenteil belegen.
      Ob Jugendliche, die „wirklich lesen“ seltener werden, weiss ich nicht. Ich glaube, das ist eine Interessens- und Angebotsfrage. Und längst lesen nicht mehr alle nur herkömmliche gedruckte Bücher.

      • Martin Frey sagt:

        „Ich teile den allerdings nicht, denn Jugendliche haben einen deutlich höheren Wortschatz und mehr Sprachkompetenz, als Sie ihnen vielleicht zugestehen.“
        Diesen Eindruck teile ich nicht unbedingt, liebe Frau Tschannen. Aber für mich ist das weitgehend auch ein Schichtproblem, welches letztendlich zur Interessens- und Angebotsfrage führt. Dort schliesst sich der Kreis.
        Aber wahrscheinlich war das früher auch nicht unbedingt anders. Schichten haben sich immer auch in ihrer Sprachkompetenz unterschieden, in anderen Ländern wohl noch viel krasser als bei uns.

    • Leo Schmidli sagt:

      Sie haben den Artikel offenbar nicht verstanden.

    • dres sagt:

      Alles eine Frage der Ausbildung und des Elternhauses. Die Voll-krass-Mann-he-Alte-Bitch-Typen gab es in irgendeiner Form schon früher. Dass die Kids heute nicht besonders gut lesen und schreiben können, das hat dagegen eher mit Schulreformen zu tun…

      • Sportpapi sagt:

        Welche Schulreform führte dazu, dass „die Kids“ (!) heute schlechter lesen und schreiben können?

      • dres sagt:

        Vermutlich gar keine. Aber über die aktuelle Nummer 21 rege ich mich gerade auf. Mehr Präsenz in der Schule, kaum Aufgaben, kaum Kontrolle durch die Eltern. Und wenn ich dann mal etwas Geschriebenes unserer Drittklässlers zu Gesicht bekomme, dann verschlägt es mir den Atem. Dito wenn ich mit ihm lese. Aber das wird schon noch, irgendwann…

      • asouka sagt:

        @Sportpapi. Dass die Jungen heute weniger gut schreiben können, hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass in der Unterstufe weniger Fehler korrigiert werden, manchmal gar keine. Die Kinder könnten ja die Lust am Lesen verlieren. Man hat hier meiner Meinung nach das Mass etwas verloren. Es gibt ja nicht 100% Kritik und gar keine Kritik. Etwas dazwischen könnte auch zum Ziel führen. Wird einem Kind nie gesagt, dass etwas falsch geschrieben ist, kann es das auch nicht ändern. Vielleicht wäre es ja motiviert das zu tun. Irgendwann ist es falsch eingeübt. Oder das Bewusstsein für Rechtschreibung fehlt, was vielleicht sogar noch das grössere Problem ist. Nur intrinsisch motivierte Kinder kommen mit der Methode ans Ziel (der plus/minus fehlerfreien Rechtschreibung).

      • Sportpapi sagt:

        @Dres: „Mehr Präsenz in der Schule, kaum Aufgaben, kaum Kontrolle durch die Eltern.“ Auch das hat aber mit dem LP 21 wohl nichts zu tun, der ja auch erst gerade eingeführt wird und zu diesen Themen nichts vorgibt. Die ich zudem auch nicht nachvollziehen kann. Unsere Jungs haben angemessen Hausaufgaben (orientiert an den 10min pro Schuljahr und Tag) und bringen ab der 1. Klasse immer wieder Lernkontrollen zur Unterschrift nach Hause – ganz anders als zu meiner Zeit.
        Und mein Erstklässler liest fliessend, während der Drittklässler noch etwas holpert. An der Schule liegt es bei ihnen nicht…

      • Sportpapi sagt:

        @asouka: Das ist ja eine von vielen möglichen Methoden, nach meinem Wissen nicht breit eingeführt, in der Wirkung durchaus plausibel, aber zumindest bei den Eltern sehr umstritten. Die Diskussion gab es bei uns im Schulhaus auch schon. Aber letztlich zählt, was dabei herauskommt, und da erlaube ich mir kein schnelles Urteil.
        Wenn ich heute glaube, dass zum Ende der Schulzeit schlechter geschrieben wird, dann vor allem wegen der Unsitte von quasi regelfreien Kommunikationsräumen, Chats, usw., vielfach gar nicht in Schriftsprache.
        Und lesen kommt mit dem lesen. Da haben schon früher viele nie ein Buch in die Hand genommen. Die Förderung heute scheint mir aber sehr viel intensiver und umfassender (Lesenacht, Antolin, usw.)

    • asouka sagt:

      @sophie. 100 Wörter? Ich habe mal angefangen zu zählen, wieviele Wörter mein Kind für sein Hobby am Wochenende braucht, beim Tasche packen angefangen. Ich war bei 20 noch bevor wir gedanklich aus dem Haus waren und habe dann aufgehört zu zählen. Ich nehme an, da kommen nur schon an besagtem Tag einige Wörter zusammen. Wieso nur wird die Jugend von teils Leuten so schlecht bewertet?

      • Martin Frey sagt:

        @Sophie
        Da kann die Autorin sicher mehr dazu sagen, aber ich schätze mal, dass auch einfach gestrickte, wenig gebildete Gemüter einen Wortschatz von zumindest 1000-2000 Begriffen im Alltag zu verwenden wissen. Schüler, und davon reden wir hier schliesslich, dürften einen Wortschatz im fünfstelligen Bereich beherrschen. So habe ich mal gelesen.
        Vieles ist halt Wahrnehmungssache.

      • sophie sagt:

        asouka : das habe ich von einem Lehrer und er soll’s wissen. Sie kenne die deutsche sprache nicht mehr. Wenn ihr kind ein hobby hat ist er schon motiviert es besser zu machen.

      • asouka sagt:

        @sophie. Ich finde das ein bisschen allgemein ausgedrückt. Dieser Lehrer ist ja nicht das Mass aller Dinge und wenn er 100 Wörter gesagt hat, neigt er wohl zur Untertreibung oder hat eine ganz spezifische Schicht gemeint. Aber auch dann hat er wohl untertrieben. Das Hobby meines Kindes hat nichts mit Sprache zu tun, es kann also nicht daran liegen, dass sein Wortschatz grösser ist. PS. Ich kenne auch eine Lehrerin, die Ihnen widersprechen würde und die wird’s wohl wissen… 😉

      • asouka sagt:

        @sportpapi.Ich habe eigentlich den Eindruck, dass das heute so gemacht wird.Dass es noch andere Methoden gäbe,finde ich ja auch,nur höre ich nicht davon.Nur von der irgendwie-schreib-Methode.Wenn es an der Schule liegt,dann haben ja die anderen Glück.Letztlich zählt,was dabei herauskommt-das stimmt.Aber das ist es ja,was ich feststelle.Das Kind,welches sich für die Rechtschreibung interessiert,fragt,wie man etwas schreibt,obwohl keiner von ihm verlangt,dass er es richtig schreibt. Das Kind,dem es egal ist,weiss nach drei Jahren Schule nicht mal,dass diese Regeln bedeutend sind,sondern nimmt sie ziemlich fakultativ war.Entweder fährt da der Zug ab oder die Eltern hängen sich rein und gehen mit dem Kind eine Grammatik systematisch durch.Womit wir bei Thema Chancenungleichheit sind…

    • k. miller sagt:

      Also Wörter wie ’super‘ und ‚horror‘ gehören eher zum Sprachschatz meiner Generation (Ü50). Bei den Wörtern, die ich von Jugendlichen höre, wenn sie untereinander reden (z. B. im Tram), komme ich nicht mehr mit… Aber genau das ist es ja: Sie reden UNTEREINANDER so! Sobald ich mich mit genau diesen Jugendlichen unterhalte, stellen sie sich um und auf mich ein, und alles ist verständlich. Nur manchmal – und das sehe ich auch bei den Lernenden in unserem Betrieb – erkennen sie nicht die Grenzen, wann welche Ausdrücke angebracht sind oder eben nicht. Dies kann als respekts- oder distanzlos erscheinen. Aber auch hier: sobald man es ihnen erklärt, warum und wieso ihre Sprache jetzt nicht ok ist, dann funktioniert es wieder. Ob wir früher anders waren? Ich glaube nicht 🙂

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