Eltern, geht an eure Handys!

Sie muss sich nicht schämen: Eine Mutter mit ihrem Smartphone auf dem Spielplatz. Foto: Getty Images

Eltern, die ständig an ihren Handys sind und sich gar nicht mehr richtig um ihre Kinder kümmern? Also die sind ja wohl das Allerletzte. Auf diese Idee könnte man zumindest kommen, wenn man sich die entsprechenden Artikel zu dem Thema durchliest: «Blick auf Smartphone statt aufs Kind» heisst es da, oder es wird moniert, dass Mama und Papa dauernd am Smartphone hängen. Manche ernennen es gar zum elektronischen Familienmitglied oder fordern ganz unverblümt: «Eltern, legt das Handy weg!» Und in Hamburg fand jüngst eine Kinderdemonstration mit 150 Teilnehmenden statt, die dagegen protestiert haben, dass sich ihre Eltern nur noch mit ihren technischen Geräten beschäftigen anstatt mit ihnen zu spielen. Den Initiator der Veranstaltung trug sein Vater übrigens auf den Schultern, damit dessen Forderungen besser zu verstehen waren.

Ich finde das alles auf eine Weise irritierend, die Sie mir womöglich gar nicht zutrauen. Denn auf die Gefahr hin, meinen Ruf als nerviger Hippiefeminist zu ruinieren: Ich sehe das anders. Selbstverständlich kann und sollte die übermässige Nutzung von Smartphones kritisiert werden.

Aber als jemand, dessen Texte Sie eine Zeit lang nur deshalb lesen konnten, weil man auf Smartphones mit einer Hand tippen kann, während man mit der anderen versucht, irgendwie ein schreiendes Baby zu beruhigen; als jemand, der an Wochenenden unfreiwillig um 6 Uhr morgens aufstehen muss und neben monotonen Gurkenschnitzdiensten, ständiger Getränkebereitstellung und gebrüllten Alleinunterhalteranforderungen einfach nur die Nachrichten lesen will, um nicht vollständig unter Übermüdung, Fremdbedürfnissen und – nennen wir die Dinge beim Namen – Langeweile begraben werden will. Und als jemand, der seine Sozialkontakte oft gerade mal noch virtuell pflegen kann und auch notwendige Hilfe von befreundeten Eltern eben mit besagtem Teufelsding organisiert, finde ich diese generelle Verdammung des Smartphones einseitig, verlogen und kontraproduktiv.

In der Kritik stehen vor allem Mütter

Darüber hinaus hat sie – womit wir wieder bei mir als nerviger Hippiefeminist wären – eine sexistische Komponente. Denn man kritisiert in diesem Zusammenhang vor allem gerne Mütter. Mütter, die sich erdreisten, auf Spielplätzen Mails zu checken, zu telefonieren, irgendwas zu spielen, zu lesen oder einfach ihren Alltag zu organisieren, anstatt ihre volle Aufmerksamkeit immer beim Kind zu belassen. Dass Frauen jene sind, die in Sachen Kinderbetreuung immer noch hauptverantwortlich sind und gemacht werden, fällt dabei schnell unter den Tisch. Wie ermüdend und belanglos Kinderbetreuung sein kann auch.

Und apropos Tisch: Wir reden hier nicht wirklich von Eltern, die während der gemeinsamen Mahlzeiten nicht mehr mit ihren Kindern sprechen, nur aufs Handy starren, um irgendwann doch aufzuschauen und festzustellen, dass dem Nachwuchs schon die ersten Barthaare wachsen. Wir reden von Eltern, die in der Rushhour des Lebens auch in ihrem Privatleben Multitasking praktizieren und nicht von denen, die  den Geburtstag ihres Kindes ignorieren, weil sie auf Youtube Affen dabei zuschauen wollen, wie sie sich mit Fäkalien bewerfen. Wir reden davon, dass es auch noch etwas zwischen absoluter Handyabstinenz und der totalen Smartphoneinvasion gibt.

Ich bin kein 24-Stunden-Zirkusclown

Praktisch alle Eltern, die ich kenne, befinden sich irgendwo in diesem riesigen Raum. Und zwar nicht nur zu Unterhaltungszwecken. Stattdessen lassen Freunde und Verwandte in einer eigens dafür eingerichteten virtuellen Gruppe am Familienleben teilnehmen. Nebenher checken sie, ob die hereinregnenden Nachrichten von Sportvereinen, Kindergärten und Schulen wirklich wichtig sind. XY bestellt bei der Trainerin ein Fussballtrikot in Grösse 164 mit der Nummer 11. Na ja. In der Krippengruppe gab es Fälle von Hand-Fuss-Mund-Krankheit? OHA!

Am seltsamsten ist allerdings, dass sich scheinbar die gleichen Leute über Handy-Eltern aufregen, die sich auch über Helikopter-Eltern aufregen. Ja was denn nun? Wo sie auch hinschauen, Elternblicke sind offenbar immer falsch. Und ein letzter Punkt in eigener Sache: Ich liebe es, mit meinen Kindern zu spielen, und ich halte es für wichtig, aktiv und zugewandt Zeit mit ihnen zu verbringen. Aber so nachvollziehbar der Appell «Spielt mit uns, nicht mit dem Handy!» sein mag, so dreist ist er auch. Ich bin kein 24-Stunden-Zirkusclown. Ihr habt Geschwister, ihr habt Freunde: Spielt gefälligst miteinander!

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