«Fick dich!»: Wenn das Kind flucht

«Leck mich am Arsch»: Nonverbal gehts auch. Foto: Getty Images

Gerade noch kann ich mich einbremsen. Fast hätte ich zu meinem 12–Jährigen in einem Anflug von Resignation «Ach, fick dich doch» gesagt. Was ist mit mir geschehen? Was ist mit dem Wort geschehen? Als knapp 20-Jährige hätte ich niemals gewagt, das F*-Wort auszusprechen. Heute bin ich 45 und permanent höre oder lese ich «Fick dich» oder «Fuck».

Diese Fluchwörter kommen den heutigen Jugendlichen genauso leicht über die Lippen wie meiner Generation damals «Leck mich am Arsch». Ich kann mir das nur damit erklären, dass das Wort seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Es steht nicht mehr (nur) für Sex. Es ist eine Ansammlung von Konsonanten mit wenigen Vokalen, die als Fluch ausgerufen Befriedigung verschafft. Gut zum Dampf ablassen. Wie sonst könnte mein Teenager permanent «Fuck» oder «Fick dich» sagen, aber gleichzeitig ausrufen: «Bäh, seid ihr grusig!», wenn mein Mann und ich uns küssen. Oder sich entsetzt umdreht, wenn ich nackt aus der Dusche steige. Für ihn hat «ficken» jeden Bezug zu Sex verloren.

Ja, ich war schockiert

Sprache wandelt sich. Jede Generation braucht ein gutes Sortiment an Wörtern, mit denen es die Erwachsenen brüskieren kann. Das hat auch hervorragend geklappt am Anfang. Als vor einigen Jahren – mein Sohn war gerade mal in der ersten oder zweiten Klasse – die ersten «schlimmen» Wörter auf dem Schulhof fielen, war ich entsetzt. Das heftigste war wohl «Figg dini Mueter im Grab». Ja, ich war schockiert – mein Bub auch. Wie reagieren?

In meiner manchmal völlig weltfremden und naiven Kümmernatur habe ich ihm jeden einzelnen Fluch, jeden Ausdruck genau erklärt und wir sprachen darüber, wie verrückt das wäre, seine eigene Mutter im Grab zu ficken. Der arme Bub! Ich würde das nie wieder machen! Während die anderen Kinder ungeniert weiterfluchten, nichtsahnend, welchen Bullshit sie da von sich gaben, war mein Sohn der einzige, der jedes Wort verstand. Er fühlte sich unendlich gekränkt. Anstatt ihn in dieser Situation zu beschützen, ihn zu stärken, hatte ich ihn den notorischen Schulhof-Bullies ausgeliefert. Nie wieder würde ich so handeln.

Wie wirkt sich der krude Pausenplatzslang auf die Gesellschaft aus?

In dieser Zeit machte ich mir furchtbare Sorgen, dass der krude Pausenplatzslang sich unmittelbar auf den Umgang der Kinder untereinander und in weiterer Folge auch auf unsere Gesellschaft auswirken würde. Ich sah die hart erkämpfte (und noch immer nicht hergestellte) Gleichstellung von Mann und Frau bachab gehen. Frauen würden wieder als Schlampen verunglimpft und zu Sexobjekten reduziert werden. Die Errungenschaften der Schwulen- und Lesbenbewegung würde zunichtegemacht werden, das friedliche Nebeneinander von verschiedenen Nationen wäre gefährdet.

Jetzt, ein paar Jahre später, muss ich sagen, ich habe mich völlig unnötig aufgeregt. Sprache verändert sich. Manche Wörter, aufgrund ihrer Schockwirkung gewählt, werden so inflationär gebraucht, bis sie niemanden mehr empören und sich bisweilen von ihrer ursprünglichen Bedeutung völlig loslösen. Manchmal werden sie auch in ihr Gegenteil verkehrt, was folgende Szene nahe legt, die sich unlängst in einem Zürcher Tram abgespielt hat: Ein paar Teenagerinnen begrüssten ihre zugestiegene Freundin mit den Worten: «Hey Bitch, wie goats?» Dabei fielen sie sich herzlich lachend um den Hals, zückten ihre Smartphones und teilten diesen glücklichen Moment mit den anderen Bitches in ihrem Freundeskreis.

Wie gehen Sie mit Kraftausdrücken ihrer Kinder um? Welche Ausdrücke finden sie besonders stossend?

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Dieser Text erschien erstmals im Juni 2017 auf Hanslmayr.com