Prügeln, filmen, verschicken – was tun?

«Happy Slapping» nennt sich das Phänomen, das mit fröhlich nichts zu tun hat (gestellte Szene). Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Neulich kam ich dazu, wie sich zwei Teenager, beide etwa 14-jährig, vor dem Supermarkt rauften. Während ich mein Velo abschloss, beobachtete ich die Szene aus dem Augenwinkel. Was zuerst wie ein harmloses Schubsen und Kräftemessen unter Freunden aussah, wurde zunehmend ernster, die Gesichter verbissener. Da kamen plötzlich zwei weitere Jugendliche angerannt. «Das müssen wir festhalten!», rief der eine, zückte sein Smartphone und filmte die Szene, nicht ohne den einen Jungen lautstark anzufeuern und dumme Sprüche zu machen.

Musste ich eingreifen? Ja! Aber wie? Ich rief der Gruppe ein eher erbärmliches «Hey Jungs, jetzt hört mal auf!» zu. Die alte Frau neben mir handelte entschlossener, fuchtelte mit dem Gehstock herum und schrie, dass jetzt aber Schluss sei. Zum Kämpfen sei es doch viel zu heiss, schickte sie noch hinterher. Ich hatte meine Zweifel, ob dieses Argument Gehör finden würde, doch ehrlich gesagt fiel mir auf die Schnelle auch nichts Besseres ein.

Unbeirrt machten die Jungs weiter. Ein Ladenbesitzer, der die Szene ebenfalls beobachtete, gab uns zu verstehen, dass er die Rauferei im Auge behalte und notfalls eingreifen würde. Jetzt steckte der Junge zumindest sein Handy weg, das Ganze schien sich etwas zu beruhigen. Ich wartete noch einen Moment und betrat dann mit mulmigem Gefühl den Supermarkt. Nachdem ich meinen Einkauf erledigt hatte und zum Veloständer zurückkam, waren die Jungs verschwunden.

Eingreifen – aber wie?

Zurück blieben viele Fragen: Wann und wie müssen Erwachsene in solchen Situationen eingreifen? Wann ist die Grenze zur normalen Rauferei überschritten? Wenn mehrere Kinder oder Jugendliche physisch und verbal auf einen Einzelnen losgehen? Immer, wenn Schlägereien gefilmt werden?

Natürlich gab es auch während meiner Schulzeit Prügeleien, diese gehören ein Stück weit zum Erwachsenwerden dazu; und auch früher eilten viele Mitschüler herbei – nicht etwa um einzugreifen oder zu Vernunft zu mahnen – sondern um Zeuge eines Spektakels zu werden. Irgendwann kam dann eine Lehrperson dazu, die dem Ganzen ein Ende bereitete und alle in ihre Klassen zurückschickte. Im schlimmsten Fall folgte eine Aussprache im Lehrerzimmer.

Gewiss war das auch nicht schön, aber immerhin am nächsten Tag meist wieder vergessen. Nicht so, wenn der Vorfall per Handy gefilmt und unter Freund und Feind geteilt und verbreitet wird. Eine schreckliche Vorstellung, und für die Unterlegenen eine zusätzliche Demütigung.

Alle machen sich strafbar

«Happy Slapping», fröhliches Schlagen, nennt sich denn auch das Phänomen, das mit fröhlich so überhaupt gar nichts zu tun hat. Die Rede ist von Jugendlichen, die gegen Mitschüler, Lehrer oder zufällig ausgewählte Passanten gewalttätig werden, ihre Attacken mit dem Handy filmen und die Aufnahmen über Social Media verbreiten. Die von mir beobachtete Szene ist, wenn überhaupt, erst eine Vorstufe dazu – doch wer weiss, ob der unterlegene Junge nicht regelmässig unter die Räder gerät? Woher kommt das Bedürfnis, daneben zu stehen, eine Schlägerei zu filmen und diese viral zu verbreiten? Welche Motivation steckt dahinter?

Der, der prügelt, ist im Zweifelsfall nicht besser, und trotzdem löst bei mir die Rolle des Filmenden ein grösseres Unbehagen aus. Wahrscheinlich weil die Handlung feige ist und die Konsequenzen für die Betroffenen so erniedrigend sein können. Doch kommt es hart auf hart, machen sich alle strafbar: Nicht nur die, die schlagen und filmen, sondern auch die, die zu- oder wegschauen.

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Der Keim der Jugendgewalt, Ewig dieser Streit, Lasst Kinder kämpfen!