Abschied von Bullerbü

Die Inspiration für Bullerbü: Drei Häuser im schwedischen Sevedstorp. In den Bullerbü-Büchern von Astrid Lindgren leben hier sieben Kinder mit ihren Eltern, Angestellten und einem Grossvater. Foto: Holger Motzkau (Wikimedia Commons)

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber manchmal fantasiere ich von Bullerbü. Davon, mit einigen lieben Menschen und deren Kindern bunt zusammengewürfelt und mit viel Platz zusammenzuleben. Damit man nicht so auf sich geworfen ist bei der Kindererziehung und Eltern als monadenartige Entität dauernd daran scheitern müssen, sich mit Gleichgesinnten zu verabreden – im ewigen Kreis des «Prinzipiell total gerne, aber heute geht leider nicht».

Natürlich ist das ein sehr naiver Traum, der beispielsweise ausblendet, dass die Erwachsenen dieses Bullerbü ja irgendwie finanzieren müssen und das Ganze nie so idyllisch ist, wie man es sich ausmalt. Trotzdem merke ich, dass mich das reizt. Mehr noch: dass es mir fehlt. Denn obwohl meine Familie und ich nie in einer realen Version von Bullerbü gelebt haben, hatten wir eine lange Phase, in der wir deutlich mehr in diese Richtung gegangen sind. Damals waren wir noch zu viert und als Eltern in unseren 20ern. Mit Mehrgenerationenwohnen, Konsumkritik und politischem Aktivismus. Bisschen das, was mein ältester Sohn meint, wenn er sagt, dass wir über Auffahrt «zu den Hippies» fahren.

Plötzlich so gewöhnlich

Heute sind wir an einem anderen Punkt. In einem Leben, das ich gerne und ohne mit der Wimper zu zucken als durchschnittlich bezeichne. Ich werde zwar hin und wieder darauf hingewiesen, dass die Anzahl meiner Kinder, die Dauer meiner Beziehung und meine doch recht feministischen Ansichten befremdlich wirken, aber für mich fühlt es sich ziemlich gewöhnlich an. Nach dem, was man Rush Hour des Lebens (Zwischen 30 und 40 muss einfach alles passieren!) nennt, nach viel Arbeit, Familienplänen, Rechnungen bezahlen, Kinderchaos und dem ehrlichen Bemühen, sich dabei nicht vollständig aus den Augen zu verlieren. Das alles basiert jedoch anscheinend deutlicher auf einem alternativen Lebensmodell, als mir bewusst ist. So erkläre ich es mir zumindest, dass meine älteste Tochter, als wir dann bei «den Hippies» angekommen waren, verblüfft äusserte: «Die sind ja hier alle so wie ihr!»

Die, das sind mehrere Familien, die gemeinschaftlich auf einem Hof im norddeutschen Wendland zusammenleben – und uns eingeladen hatten, weil sich vor Ort die Möglichkeit ergab, Arbeit und Freizeit miteinander zu kombinieren und ein bis zwei Tage an ihrem Leben teilzuhaben. So viel zu Rush Hour des Lebens – stets alles auf mögliche Kombinierbarkeit hin überprüfen! Mich jedenfalls hat der Aufenthalt dort sehr entspannt. Überall nette, aufgeschlossene Leute, die auf einem grossen Hof gemeinsam ihre Kinder grossziehen und nebenbei versuchen, ihre beruflichen und politischen Ziele zu verwirklichen. Alle fühlen sich zuständig, niemand drückt sich vor Aufgaben, die Kinder haben immer jemandem zum Spielen und immer etwas zu entdecken: Baumhäuser, Schaukeln, Bauplätze, Werkstätten.

Die Kinder sind praktisch überall mit dabei und gleichzeitig nicht so nervtötend dauerpräsent, weil ihre Bedürfnisse von über zehn Erwachsenen aufgefangen werden können. Dafür haben die dann eben auch mal Zeit ausschliesslich miteinander, ohne dass ihre Bedürfnisse und Beziehungen ständig durch diesen Kinderfilter laufen. Alle miteinander scheinen deutlich freier zu sein.

Erkenntnis in zwei Punkten

Während ich also meinen beiden jüngsten Kindern dabei zusehe, wie sie mit nackten Beinen im abendlichen Sommerregen glücklich durch eine riesige Pfütze planschen, werden mir zwei Dinge klar:

  1. Dieses absolut auf sich geworfene Kernfamiliending ist eigentlich überhaupt nicht meins. Ich fühle mich wohler in einer Gemeinschaft von Onkeln, Tanten, Grosseltern, Freunden und mehr Kindern und sollte daher schauen, ob sich das irgendwie realisieren lässt.
  2. Ich habe in einem solchen Wohnprojekt noch nie Teenager gesehen. In meiner Wahrnehmung nehmen das ausschliesslich Familien in Angriff mit Kindern unter zehn Jahren. Wohin die alle verschwinden, wenn die Kinder älter werden, weiss ich nicht. Jedenfalls aus meinen Sichtfeld.

Womöglich hat mein Abschied von Bullerbü nicht nur damit zu tun, dass ich mittlerweile unpolitischer, fauler und arrivierter als früher bin. Sondern eben auch damit, dass Bullerbü für Teenager, die ja schliesslich irgendwie gegen die Eltern aufbegehren wollen und müssen, ziemlich unerträglich sein könnte. Damit, dass mit Teenagern kein Bullerbü zu machen ist, sondern nur mit Eltern und kleinen Kindern. Wenn Ihnen Gegenbeispiele dafür einfallen, immer her damit. So ganz habe ich diesen Traum ja noch nicht aufgegeben.

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