Das Familienmodell der Zukunft

Wenn beide Elternteile Teilzeit arbeiten, hat das Kind zwei gleichwertige Bezugspersonen. Foto: iStock

Als der Brecht vor vier Jahren geboren wurde, hätte ich weiterhin Vollzeit arbeiten können. Die Brechtsmutter – damals noch im Studium – hätte sich später einen Teilzeitjob gesucht oder wäre dem Arbeitsmarkt fern geblieben. Oder sie hätte sich auf Vollzeitstellen bewerben können und ich hätte reduziert. Alles nette Familienmodelle, die ich niemandem absprechen will.

Für uns war aber schon vor dem Zeugungszeremoniell klar, dass wir beide Teilzeit arbeiten möchten. Das konnten wir schliesslich auch so einrichten und arbeiten seither beide zwischen 50 und 60 Prozent. Dabei tragen wir Ende Monat auch etwa ähnlich grosse Lohnumschläge nach Hause. Wir teilen uns also die Erwerbsarbeit, die Hausarbeit und die Brechtsbetreuung zu gleichen Teilen. Im Arbeitszeugnis würde stehen «zu unserer vollsten Zufriedenheit».

Ein Modell, das sich lohnt

Man kann dieses Modell natürlich als elitären Idealismus abtun. Wer diese Ansicht vertritt, ignoriert aber all die handfesten Vorteile, die es bietet:

  • Work-Life-Balance: Wir haben genug Abwechslung und müssen beide keine Angst haben, dass ein Lebensbereich zu sehr unter dem anderen leidet. Niemand hat den Brecht rund um die Uhr an der Backe, und niemand muss täglich vom Morgen bis am Abend an die Arbeit denken.
  • Beziehung zum Kind: Der Brecht hat zwei gleichwertige Bezugspersonen. Niemand ist wegen seiner längeren Abwesenheit Elternteil zweiter Klasse.
  • Betreuungsfrage gelöst: Wir können den Brecht problemlos selber betreuen. Ohne Kitakosten kommen wir mit zwei Teilzeitgehältern gut durch.
  • Gleichwertige Mitgestaltung: Beide können auf die gleiche Art zum Wohl der Familie beitragen – finanziell und im Familienalltag. So ist auch die gegenseitige Wertschätzung für Hausarbeit und Erwerbsarbeit gegeben.
  • Arbeitsmarktfähigkeit: Niemand bleibt seinem Beruf längere Zeit fern und hat später einen schwierigen Wiedereinstieg.
  • Finanzielles Risiko verteilt: Ein Jobverlust ist verkraftbarer, als wenn das ganze Familieneinkommen von einem Arbeitgeber stammt. Ich denke dabei auch an freiwillige Kündigungen: Das Modell gibt mehr Spielraum, um sich einmal neu zu orientieren.
  • Im Falle einer Trennung: Das Modell ist die beste Ausgangslage für finanzielle Sicherheit beider Elternteile nach einer Trennung. Und es wahrt die Chancen beider auf eine gemeinsame Obhut.

Karriere in Teilzeit? Hahaha!

Natürlich haben diese Vorteile ihren Preis. Zum Beispiel ist es nicht immer einfach, dieses Modell umzusetzen. Auch bei unseren Arbeitgebern brauchte es eine gewisse Vorbereitung und Hartnäckigkeit. In einem langjährigen Arbeitsverhältnis lassen Vorgesetzte eher mit sich reden – schliesslich wollen sie nicht auf eine eingefuchste Arbeitskraft verzichten. Trotzdem gibt es immer ein paar ganz renitente Chefinnen und Chefs.

Der Preis steigt, wenn man berufliche Ambitionen hegt. Ich war einmal Geschäftsleitungsmitglied eines KMU. Heute bin ich einfacher Angestellter ohne Personalverantwortung. Beförderungen werden in Teilzeit selten, und die Suche nach einer neuen Teilzeitstelle ist schwierig. Insbesondere wenn man ein Team führen will, aber auch in vielen anderen Funktionen, wird man schnell auf die ach so wichtige Dauerpräsenz vor Ort aufmerksam gemacht. Dabei behaupte ich, dass sich fast jeder Job auch in Teilzeit meistern lässt, nötigenfalls im Jobsharing.

Die Teilzeitgesellschaft kommt

Viele Arbeitgeber verkennen derzeit noch die Vorteile, die teilzeitarbeitende Eltern bieten. Eltern in einem Teilzeitpensum arbeiten lösungsorientiert, effizient und flexibel. Das klingt nach dahingeworfenen Buzzwords; es sind aber Beobachtungen an mir selber: Als Arbeitgeber würde ich das Teilzeit arbeitende Vater-Ich dem früheren Vollzeit-Markus jederzeit vorziehen. Ich bin schlicht ein besserer Arbeitnehmer geworden.

Die Zeiten werden sich ändern, davon bin ich überzeugt. Die Nachfrage nach Teilzeitarbeit wird in allen Berufen steigen. Unternehmen werden die Vorteile erkennen, auf gute Bewerberinnen und Bewerber nicht verzichten wollen und mehr flexible Stellen anbieten. Bestimmt hinken wir wieder irgendwelchen skandinavischen Ländern hinterher. Aber wir haben auch in der Schweiz gute Voraussetzungen für eine Entwicklung hin zu mehr Teilzeitarbeit: Hohe Gehälter und einen in Ansätzen schon recht flexiblen Arbeitsmarkt. Flexibler als beispielsweise Deutschland, das keine so feinen Teilzeitabstufungen kennt wie wir. Diese Flexibilität können wir weiter ausbauen – ohne dass es Verlierer gibt.

Im Gegenteil: Ich prognostiziere wirtschaftliche Prosperität und ein zufriedeneres Volk. Dass beide Eltern Teilzeit arbeiten, wird in Zukunft normal sein. Und man wird schon bald auch in Teilzeit eine ordentliche Karriere hinlegen können. Drucken Sie diesen Blogbeitrag ruhig aus und lesen Sie ihn in 20 Jahren noch einmal.

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