Sprachlich sterilisiert: «Das Mami»

Plötzlich nur noch jöhh: Aus der urweiblichen Gebärerin wird schnell ein neutrales Mami. Foto: iStock

Ganz deutlich zeigen sich zwei Streifen auf dem Schwangerschaftstest. Sie markieren den Beginn einer eindrücklichen Metamorphose: Wenn alles gut läuft, wird die Frau in den folgenden Wochen und Monaten körperlich eine geradezu urweibliche Transformation durchmachen und schliesslich ein Kind gebären.

So viel zur Biologie. Daneben erlebt die werdende Mutter hierzulande eine weitere, der Biologie gegenläufige Veränderung: Sie erfährt – unauffällig, aber plötzlich – eine Geschlechtsumwandlung und wird sächlich. Jedenfalls auf grammatikalischer Ebene. Ab sofort ist sie in der Schweiz nämlich immer noch für viele «ein werdendes Mami», später dann «ein Mami».

Verbal versächlicht ab dem Moment, wenn weibliche Hormone wettrüsten. Und verniedlicht in einer Zeit, die von existenziellen Erfahrungen, weitreichenden Lebensumstellungen und ver-x-fachter Verantwortung geprägt ist und wird. Da muss man sich doch fragen: Läuft hier nicht etwas verkehrt?

Das Mami, jöhh, so herzig!

Vielleicht ist es ja die Niedlichkeit des Babys – jöhh! –, die bereits pränatal auf sein Mami abfärbt. Allerdings tut es dies, wenn, dann nur auf es – und auf das Gotti und das künftige Grosi. Niemals aber auf den Papi, den Götti oder den Grossvater.

Eine sprachliche Konvention, klar! Doch beeinflusst Sprache nicht auch, wie wir denken? Ist sie nicht Ausdruck unserer Kultur, unseres Selbstverständnisses? In diesem Fall käme man schlecht daran vorbei, sich zu fragen, was denn nun «das Mami» über das hierzulande vorherrschende Mutterbild aussagt …

So kuschelig sich «das Mami» wohl für viele Schweizer Ohren anhört, da schwingen doch – neben selbstloser Liebe für die Kinder – auch ein Teilverlust von eigener Identität und ein umfassender Verzicht auf Autonomie und Autorität mit. Das Mami hat man gern. Aber dass es eigene Bedürfnisse auch mal vor die der Kinder oder des Partners stellt oder gar aufmuckt: Passt irgendwie genauso wenig zu seiner Bezeichnung wie Ausschlafen zur Goldmarie.

Forderungen? Nicht von einem Mami!

Im Austausch mit den Kindern mag «das Mami» als Anrede einer liebevollen Koseform, einer liebgewordenen Tradition oder beidem entsprechen. Und obwohl ich für meine Kinder «die Mama» bin, stört es mich auch nicht, wenn mich im Privaten jemand «ein Mami» nennt – es kommt mir allenfalls etwas fremd vor. Wenn Mütter aber öffentlich zum Mami gemacht werden, bekomme ich schon mal stressbedingte Gebärmutterkontraktionen.

Zufällig stiess ich zum Beispiel vor einer Weile auf ein Stelleninserat. Gesucht wurde «ein Mami» mit akademischem Abschluss, «das» flexibel einige Stunden pro Woche zur Verfügung steht. Soll es froh sein, das Mami, wenn es aus dem Haus kommt und ein kleines Zubrot verdient. Der letzte Satz stand da natürlich nicht. Jedenfalls nicht explizit. Trotzdem kann ich nicht umhin, das Inserat so zu lesen. Ansprüche oder gar die Forderung nach mehr Lohn jedenfalls bräuchte so ein Mami doch wohl kaum zu äussern, Studium hin oder her.

Etwas überspitzt? Ja, bestimmt. Aber selbst die Mutter, die Mama, die Mami – und auch die Frau – müssen sich ja nach wie vor stark dafür einsetzen, wenn sie Gehör finden oder gar Gewicht haben wollen, sei es wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich oder auch privat. Jedenfalls meist stärker als männliche Kollegen. Ein Mami, zumal eines, das auch öffentlich als ein solches angesprochen wird, hat es da doch wohl noch ungleich viel schwerer.

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