Die Mutterliebe – ein Auslaufmodell?

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Die Liebe zum Kind verändert sich im Lauf der Jahre. Foto: lenanet (iStock)

Ob Partner oder Job: Fürs ganze Leben ist fast nichts mehr. Ausser eine Sache soll es noch sein: die Mutterliebe. Doch ist sie dies wirklich, oder war sie es gar nie? Hat sich die selbstlose Mutterliebe emanzipiert und wurde kündbar? Und was ist Mutterliebe überhaupt: ein gesellschaftliches Konstrukt, eine gottgegebene Lebenspflicht oder ein biologisches Diktat? Ein Interview mit Pasqualina Perrig-Chiello, Honorarprofessorin der Universität Bern, spezialisiert auf Entwicklungspsychologie der Lebensspanne und familiale Generationenbeziehungen.

«Mutterliebe ist lebenslang. Da kannst du nichts dagegen machen», pflegt meine Mutter zu sagen. Eine universell gültige Wahrheit oder ein veralteter Zopf?
Pasqualina Perrig-Chiello: Mutterliebe ist lebenslang. Sie kann sich jedoch – wie auch die Beziehung Mutter-Kind – über die Lebensspanne verändern. Sie kann intensiver und inniger werden oder zu einer Entfremdung führen. Ausschlaggebend sind in der Regel die Bindungsmuster, welche die Mutter selbst empfangen hat und weitergibt. Diese frühen Bindungserfahrungen mit unseren Müttern und Vätern begleiten uns ein Leben lang. Waren diese gut, werden sie als wertvolle Ressource wahrgenommen. Waren sie schlecht, so können sie als eine schwerwiegende Hypothek empfunden werden. Brüche sind dabei manchmal unumgänglich.

Mutterliebe ist ein höchst emotionales Thema. Darum zu den Fakten: Was ist Mutterliebe?
Leider herrscht eine riesige Verwirrung darüber, was Mutterliebe ist und sein sollte. Die politische Instrumentalisierung des Begriffs ist dabei offensichtlich, irritierend und verunsichernd. Tatsache ist, dass von einem psychologischen Standpunkt aus gesagt werden kann, dass Mutterliebe eine Emotion ist, die sowohl körperlich bedingt ist (erhöhte Oxytozinwerte vor, während und nach der Geburt) als auch sozial erlernt wird. Je nach historischer Zeit, gesellschaftlichem Kontext, sozialem Umfeld und der Persönlichkeit und Bindungserfahrung der Mutter kann die Mutterliebe unterschiedliche Formen annehmen und stark variieren. Fakt ist, dass Kleinkinder in hohem Masse abhängig von konstanter Feinfühligkeit und Fürsorglichkeit sind und dies entscheidend für eine gelungene Entwicklung des Kindes ist. Ein Auslaufmodell wird Mutterliebe nie werden, sondern eine Notwendigkeit bleiben. In diesem Kontext ist Mutterliebe jedoch nicht an die leibliche Mutter gebunden. Diese Liebe kann auch von anderen Bezugspersonen – sei es der Vater, die Grosseltern oder die Adoptivmutter – erbracht werden, und zwar zum absoluten Wohl des Kindes. Leibliche Mütter haben kein Monopol auf Mutterliebe.

Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Foto: PD

Mitlieben, mitleiden, und das ein Leben lang: Wie weit kann sich eine Mutter überhaupt der Mutterliebe entziehen?
Wieso sollte sie sich ihr entziehen? Jede enge Beziehung, ob Mutterliebe oder partnerschaftliche Liebe, impliziert aufgrund ihrer Intimität und Nähe immer die Gefahr der Verletzlichkeit. Wer liebt, macht sich verletzlich – das ist der Preis der Liebe. Aber die Mutterliebe sollte nicht zur Selbstaufgabe führen. Mit anderen Worten: Eine Mutter sollte sich nicht nur über die Rolle der Mutter definieren.

Die Gesellschaft und die Einstellungen zur Mutterschaft haben sich verändert. Was haben diese Veränderungen mit der Mutterliebe gemacht?
Es gibt früher wie heute gute und schlechte Mütter. Wobei das Kriterium für gut und schlecht meines Erachtens nur das Wohl des Kindes sein kann. Die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen definieren aber die Erwartungen an die Mütter. Es gab Zeiten, in denen es legitim war, Kleinkinder von einer Amme aufziehen zu lassen. Heute haben Kinder in unserer Gesellschaft zunehmend Seltenheitswert und bekommen dadurch eine hohe Beachtung. Damit sind auch die Erwartungen an die Mütter sehr hoch.

Und wo steht in diesem ganzen Wandel die Vaterliebe?
Väter sind immer mehr im Fokus – und das ist gut so. Sie können durch ihr aktives Engagement in bedeutsamer Weise Stress reduzieren und somit beitragen, dass sowohl sie als auch ihre Partnerinnen die Liebe zum Kind besser entfalten können und das Wohl des Kindes besser wahrnehmen. Allerdings braucht es noch mehr Investment – seitens der Männer wie seitens der Gesellschaft. Wir sind noch weit von einem paritätischen Mitwirken der Männer in Haushalt und Erziehung entfernt.

Früher waren Patchworkfamilien vor allem durch böse Stiefmütter und die Absenz von Mutterliebe geprägt. Schneewittchen lässt grüssen. Was bedeutet Mutterliebe in der «Patchworkfamilien-Welt» heute?
Patchworkfamilien waren früher eine Notwendigkeit, denn viele Kinder verloren damals ihre Mütter. Heute «verlieren» sie eher die Väter, da nach einer Scheidung die Kontakte zum Vater nachweislich loser sind. Patchworkfamilien haben heute in der Schweiz zumeist eine bessere Position als früher, da die meisten materiell gut abgesichert sind. Der Kampf um die gerechte Verteilung von materiellen Ressourcen und sozialen Privilegien fällt weg. Geblieben ist wohl auf emotionaler Ebene die heikle Balance des Investments in die eigenen Kinder und in jene des Partners.