Wenn das Haustier stirbt

Das Tier noch einmal halten: Ein Bub mit seiner Katze. Foto: Getty Images

Letzte Woche hat mir der Tierarzt bestätigt, was ich bereits vermutet hatte: Dass eine unserer Katzen krank ist. Nicht sterbenskrank zum Glück, aber sie muss fortan mit Spezialfutter ernährt werden, damit die Krankheit nicht weiter fortschreitet. So könne sie die nächsten Jahre noch ein schönes Leben führen.

Ich hatte meine Kinder nicht zum Tierarzt mitgenommen, weil ich nicht genau wusste, was mich erwarten würde. Zurück zu Hause erzählte ich ihnen, was Sache ist. Und meine Tochter fragte sofort, ob unser Büsi nun sterben werde. Ich verneinte, «aber die beiden werden langsam alt und womöglich wird es schon in ein paar Jahren so weit sein.»

Abschiednehmen ist wichtig

Die Kinder haben beim Hund meiner Eltern bereits einmal miterlebt, wie es ist, wenn ein geliebtes Haustier stirbt. Der Tod kam nicht unerwartet, sodass wir noch vorbeigehen und uns von ihrem Lieblingshündchen verabschieden konnten. Mir war dieses Abschiednehmen unglaublich wichtig. Wahrscheinlich deshalb, weil ich als Kind selber einmal erlebt habe, wie es ist, sich nicht verabschieden zu können. Unsere erste Katze musste eingeschläfert werden, als ich noch klein war. Meine Eltern dachten damals, es sei weniger schmerzhaft für uns Kinder, wenn wir vorher nicht genau Bescheid wüssten. Doch das Gegenteil war der Fall: Ich erinnere mich bis heute an den Moment, als mein Vater mit dem leeren Katzenkörbchen zur Türe hereinkam. Und auch meine Mutter spricht manchmal noch davon, dass das damals ein grosser Fehler gewesen sei und  besonders meine jüngere Schwester eine ganze Weile brauchte, um die Geschichte zu verarbeiten.

Natürlich ist auch der andere Weg alles andere als einfach. Das Tierchen noch einmal zu halten, im Wissen, dass es das allerletzte Mal sein wird. Es schliesslich endgültig loszulassen, sich für immer verabschieden zu müssen. Das geht einem auch als Erwachsener unglaublich nahe – und den Kindern erst recht. Ich fürchte mich deshalb ein bisschen vor dem Tag, an dem wir eine unserer Katzen verabschieden müssen. Es wird meine Aufgabe sein, den Kindern durch den Schmerz hindurch zu helfen, sie zu trösten, stark zu sein für sie, obwohl ich mich selber vermutlich alles andere als stark fühlen werde. Muss man sich als Eltern in solchen Momenten zusammenreissen, den Kindern zuliebe? Oder darf man hemmungslos mitheulen?

Die kindliche Trauer ernst nehmen

Mehr als «nur» ein Haustier: Ein Knabe nimmt Abschied von einem tierischen Gefährten. Foto: Getty Images

Sucht man im Internet nach guten Tipps zum Thema, heisst es meist, man solle ehrlich sein und seine Gefühle ruhig zeigen. Die Tränen müssen also keineswegs unterdrückt werden. Hatte man selber womöglich gar keinen so engen Bezug zum verstorbenen Tierchen, sollte man die kindliche Trauer trotzdem ernst nehmen. Denn für Kinder sind Haustiere meistens ebenbürtige Familienmitglieder – selbst wenn es sich «nur» um einen Hamster oder eine Maus gehandelt hat. Die Experten raten deshalb auch vehement davon ab, das Tier sofort zu ersetzen. Denn damit würde man dem Kind symbolisieren, dass man seine Trauer nicht ernst nimmt. Schliesslich ist es nicht traurig, weil es generell kein Haustier mehr hat, sondern weil dieses eine Tier weg ist. Und das war sowieso einzigartig und ist unersetzlich.

Immerhin haben die Kinder oft einen Grossteil ihres noch nicht so langen Lebens mit diesem Tier geteilt. Bei meinen Kindern ist es sogar so, dass sie kein Leben ohne die Katzen kennen. Die Tiere waren schon vor ihrer Geburt da und gehören in ihrem Familienbild völlig selbstverständlich dazu. Dass sie nicht für immer hier sein werden, ist besonders meiner Grossen nun bewusst geworden. Und sie hat den Gedanken bereits weitergesponnen und darüber sinniert, dass während ihres ganzen Lebens noch niemand aus unserer Familie gestorben sei und wie viel Glück sie doch habe, dass sogar ihr Urgrossmami noch lebe.

Nachdem wir darüber geredet haben, hat sie dem Urgrossmami gleich ein Bild gemalt. Und auch die Katzen hat sie die vergangenen Tage mit besonders viel Zuneigung überschüttet. Als wäre ihr plötzlich bewusst geworden, dass man nie so genau weiss, wie viel der kostbaren gemeinsamen Zeit einem noch bleibt.

PS: Das Bilderbuch «Adieu, Herr Muffin» beschäftigt sich mit dem Thema und kann Kindern helfen, mit dem Verlust ihres Haustieres umzugehen.