Ämtli – da müssen wir durch!

Die Familie als Team: Ein Mädchen spült Geschirr. Foto: Jenny Lee Silver (Flickr)

«Bist du Kindergärtnerin?», fragte ein Schulgspänli der Kinder kürzlich, als ich nach dem Mittagessen die Abwaschmaschine ausräumte. «Nein», antwortete ich, «warum fragst du?» Und der Bub sagte: «Weil es hier Ämtli gibt, wie im Kindergarten!» Und als ich wissen wollte, ob er denn zu Hause kein Ämtli habe, antwortete er: «Nein, das macht meine Mutter.»

Meine Kinder schauten zuerst erstaunt einander an, dann neidisch den Buben, dann mich – ziemlich vorwurfsvoll. Ich zuckte mit den Schultern und machte mir einen Kaffee. Die Tochter ging Zähne putzen und das Besuchskind schaute dem Sohn beim Ämtlimachen zu: Tisch abräumen, Tisch abputzen, Tisch noch mal putzen – und diesmal bitte richtig. «Boah», flüsterte das Gspänli etwas zu laut meinem genervten Sohn zu, «deine Mutter ist ja mega streng.» Dann noch die Brösmeli vom Boden aufwischen und die Abwaschmaschine einräumen. Fertig.

Auch Eltern mögen Ämtli nicht

Ehrlich gesagt finde ich Ämtli fast so mühsam wie meine Kinder. Dennoch sehe ich es als meine erzieherische Aufgabe, kleine Haushaltsaufgaben zu verteilen, ihre Erledigung einzufordern und das Ergebnis zu überprüfen. Meine Kinder sollen nicht in einem Hotel aufwachsen, wo sie von zwei Erwachsenen bedient werden. Ich sehe unsere Familie als Team, in welchem alle nach ihren Möglichkeiten mithelfen und einander unterstützen. Auch im Haushalt. Das entlastet nicht nur uns Eltern, sondern gibt den Kindern das gute und wichtige Gefühl, für die Gemeinschaft unentbehrlich zu sein.

Das tönt theoretisch gut, ist aber im Erziehungsalltag nicht einfach. Die Phase, in der viele Kinder begeistert alle möglichen Hausarbeiten erledigen, ist bekanntlich kurz. Danach harzt es. In der ersten und zweiten Klasse heisst das Ämtli bei uns zum Beispiel «Tisch decken».

Nun kommt es regelmässig vor, dass die Erstklässlerin ihre Mithilfe komplett verweigert. Das tönt dann etwa so:

Ich: «Das Essen ist gleich fertig. Kannst du bitte den Tisch decken?»
Tochter: «Ach, immer ich!»
Ich: «Tischdecken ist dein Ämtli. Ich koche und dein Bruder räumt den Tisch ab.»
Sie: «Ich will auch den Tisch abräumen!»
Ich: «Das kannst du in der dritten Klasse machen.»
Sie: «So fies!»
Ich: «Deck jetzt bitte den Tisch.»
Sie: «Nou! Nou! Nou!»
Ich: (hebe die linke Augenbraue)
Sie: «Das ist imfall Französisch.»
Ich: «Ah oui? Jetzt deck den Tisch, sonst können wir nicht essen.»
Sie: «Pech für euch!»
Ich: (gucke ein wenig genervt)
Sie: «Ich habe sowieso keinen Hunger!»
Ich: (gucke eindeutig genervt)
Sie: «Und diese Bohnen sind mega grusig!»

Tja, und jetzt? Decke ich selbst den Tisch, hat sich die Tochter mit ihrer Verweigerungsstrategie erfolgreich vor ihrem Ämtli gedrückt. Decke ich den Tisch nicht, können wir nicht essen. Hm. Manchmal schlage ich der Tochter ein alternatives Ämtli vor, zum Beispiel den Kompostkübel leeren. Oft hilft mir auch der Sohn aus der Zwickmühle, indem er von sich aus einen Ämtlitausch anbietet.

Und manchmal, ich gebe es zu, da decke ich eben den Tisch selbst – allerdings ohne das Gedeck meiner Tochter. Zwar darf sie dann trotzdem mitessen, falls es ihr Dickkopf zulässt. Auch das Dessert wird nicht gestrichen. Dafür aber das Hörspiel in der Mittagspause. Ja, ich weiss, das ist keine besonders logische Konsequenz. Wer sein Eltern-Ämtli immer richtig macht, schreibe den ersten Kommentar.

Eine Investition in die Zukunft

Ämtli sind sehr anstrengend – für Eltern! Vielleicht gibt es deshalb immer weniger Kinder, die zu Hause regelmässig mithelfen müssen. Dies jedenfalls mein Eindruck. Nur bei wenigen Familien, die ich kenne, hängt so etwas wie ein Ämtliplan in der Küche. Ich habe Verständnis dafür. Wenn ich alle Haushaltarbeiten selbst erledigen würde, ginge das oft nicht nur schneller, sondern ich würde auch jede Menge Nerven sparen.

Doch obwohl es nicht reibungslos läuft, halte ich mehr oder weniger stur an unserem Ämtliplan fest. Ich freue mich über das stolze Gesicht der Tochter, wenn ich sie ab und zu dafür loben kann, dass sie den Tisch schön gedeckt hat. Ich freue mich über die Plaudereien mit dem ansonsten eher wortkargen Sohn, wenn wir gemeinsam die Küche in Ordnung bringen. Und in schwierigen Momenten stelle ich mir einfach vor, wie sich die künftigen WG-Gspänli und Lebenspartner meiner Kinder dankbar vor mir verneigen.