Die Frau als Pferd

Weitverbreitete Meinung: Mütter können schon arbeiten – aber bitte nicht mehr als 30 Prozent. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Weitverbreitete Meinung: Mütter können schon arbeiten – aber bitte nicht mehr als 30 Prozent. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

«Wenn ich neue Leute kennen lerne, verschweige ich, dass ich Vollzeit arbeite.» Das sagte eine befreundete Mutter kürzlich zu mir. Ich dachte ich höre nicht richtig und fragte nach dem Grund. «Ich muss damit rechnen, mit den ewig gleichen Fragen eingedeckt zu werden.» Und sie zählte auf: Wie macht sie das mit den Kindern? Arbeitet ihr Mann auch 100 Prozent? Lohnt sich das bei den hohen Kosten für die Krippe? Sieht sie die Kinder nur am Wochenende? Hat sie kein schlechtes Gewissen?

Die besorgten Freundinnen

Wenn die Fragestunde um ist, folgt nahtlos die ewig gleiche Diskussion zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Diese münde dann häufig im Vorwurf, sie sei eine Rabenmutter. Und dieser komme längst nicht immer von konservativen Landeiern. Auch «aufgeschlossene Städterinnen mit Universtitätsabschluss» argumentierten so. Also beschloss sie, das Thema Arbeit bei Gesprächen zu umgehen.

Ich hörte ihr fassungslos zu. Und stellte später nach Gesprächen mit Vollzeit arbeitenden Mamis erstaunt fest: Die Kollegin ist mit ihrem Entschluss längst nicht alleine. Eine Nachbarin kennt die Reaktionen von besorgten Freundinnen, als sie beschloss 80 Prozent zu arbeiten. Arbeiten so bis 30 Prozent gehe ja noch, bekam sie zu hören. Aber Vollzeit? Die armen Kinder, hiess es. Je mehr ich mich mit dem Thema befasste, desto öfter musste ich mich versichern, dass wir tatsächlich im Jahr 2016 leben. Der Blick auf den Kalender wurde zur Gewohnheit. Ja, Beat, 6. Oktober 2016, sagte ich mir dann jeweils. Nein, Beat, nicht 1952. Und auch nicht 1529.

«Das Haus ist sauber zu halten»

Nein. Ok, 2016. Obwohl, es könnte auch 1529 sein. Zu dieser Zeit war in der Schweiz gerade die Reformation auf dem Vormarsch. Die Herren Zwingli, Calvin, Vadian oder Bullinger kämpften für ihre Ansichten. Letzterer schrieb sich darüber die Finger wund. Unter anderem hatte er klare Ansichten, wie eine christliche Ehe zu führen ist. Seine Frau Anna hatte zu Hause zu bleiben und sich um das Wohl der elf (!!) Kinder und die zahlreichen Gäste, die Heinrich Bullinger nach Hause einlud, zu sorgen. Bullinger hielt seine Ansichten im Bestseller «Der christliche Ehestand» fest. Das klingt in aller Kürze etwa so:

«Ein rechter Mann lädt seiner Frau nicht zu viel Arbeit auf. Ein Pferd soll man auch nicht zu stark beladen. Frauen müssen wissen: Der Mann ist das Oberhaupt in der Ehe. Die Frau darf das Haus ohne Erlaubnis ihres Manns nicht verlassen. Die Frau achtet in der Küche darauf, dass die Speisen nicht verderben. Im Haus soll es sauber sein. Dazu fegt, scheuert und wäscht sie. Sie hält den Hausrat in Ehren. Sie erzieht die Kinder und spannt sie bei der Hausarbeit ein, damit sie nicht faulenzen und ihr Brot umsonst essen. Zudem spinnt, webt, näht und wirkt die Frau. Sie hält sich nicht auf der Strasse auf, gafft nicht aus dem Fenster oder sitzt herum. Sie verlässt das Haus nur, wenn es unvermeidlich ist, etwa zum Einkaufen. Das erledigt sie ohne Umschweife, um eilends wieder heimzukehren. Wie eine Schildkröte, die ihren Kopf nur kurz aus ihrem Panzer hervorstreckt, wenn sie sich bewegt.»

Na, kommt ihnen das bekannt vor? Manchmal denke ich, einige unserer Mitbürgerinnen sind im 16. Jahrhundert stecken geblieben und wünschen sich diese Zeit zurück. Oder was halten Sie von diesen Nachfahren Bullingers?

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