«Maya… ähh… Frau Müller»

«Sie» schafft Distanz: Hortmitarbeiter sind gerade für Kleinkinder wichtige Bezugspersonen. (iStock)

«Sie» schafft Distanz: Hortmitarbeiter sind gerade für Kleinkinder wichtige Bezugspersonen. (iStock)

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich letzte Woche gelesen habe, dass in Zürcher Horten neuerdings das «Sie» Einzug hält. Ab sofort müssen die Eltern von Kindern, die neu eintreten, gesiezt werden, so die Vorgabe an die Betreuer. Und entsprechend sollen auch die Kinder die Hortmitarbeiter mit Sie ansprechen. Wer den Hort schon länger besucht und sich ans Du gewöhnt hat, profitiert von einer Übergangsfrist: Betreuerin Maya darf weiterhin Maya genannt werden. Ab dem Schuljahr 2018/19 aber muss sie endgültig für alle Kinder zu Frau Müller werden.

Die sprachliche Umstellung sei eine Folge davon, dass Schule und Hort immer näher zusammenrückten, sagen die Verantwortlichen. Tatsächlich waren Horte und Mittagstische früher eigenständige Organisationen, heute sind sie meist den Schulen angegliedert. Und weil die Kinder an den Schulen ihre Lehrer siezen, müsse dies jetzt auch in den Schulhorten entsprechend gehandhabt werden. «Es braucht eine gemeinsame Kultur» lautet die Devise.

Bei vielen Lesern des «Tages-Anzeigers» kommt der Wechsel gut an: In einer Onlineumfrage haben sich 64,8 Prozent dafür ausgesprochen, weil das Sie «von Anstand und Kultur zeugt». Ich bin trotzdem dagegen. Weil die Änderung auch Distanz erzeugt.

Wie die nette Tante

Denn gerade für jüngere Kinder nehmen die Hortmitarbeitenden eine ganz andere Rolle ein als die Lehrer. Der Lehrer steht allein vor der Klasse, zuweilen immer noch frontal, bringt Wissen bei, erteilt Aufgaben. Auch wenn er dies auf eine liebenswürdige Art und Weise tut, kommt er den Kindern vermutlich emotional nie so nahe wie die Mitarbeiter im Hort.

Diese spielen mit den Kindern an freien Nachmittagen, basteln mit ihnen, helfen bei den Hausaufgaben und trösten, wenn es mal Tränen gibt. Sie sind Bezugspersonen für die Kinder. Nicht so nahe wie die Grossmutter, aber ein bisschen wie die nette Tante, die regelmässig zu Besuch kommt. Dieser Unterschied zwischen Lehrperson und Hortmitarbeitendem darf sich ruhig auch in der Sprache widerspiegeln, weshalb ich das Du im Hort viel passender finde.

Den Respekt der Kinder hat das Hortpersonal trotzdem. In unserem Hort zumindest gehorcht die Meute, wenn eine der Frauen eine Ansage macht. Auch wenn sie von den Kindern ganz salopp Irene genannt wird.