Aber sicher gibt es Fifty-fifty-Eltern!

Mamablog

Gleiche Arbeit, gleiche Erschöpfung: Moderne Väter und Mütter stehen sich in nichts nach. Foto: skodonnell (iStock)

Letzte Woche hat Andrea Jansen hier die These aufgestellt, dass es echte Fifty-fifty-Eltern nicht gebe. Zwar wählten viele dieses Modell, doch am Ende rutsche die Frau unweigerlich in die Rolle der denkenden und planenden Familienmanagerin.

Einspruch, Euer Ehren!

Da bin ich nicht ganz einverstanden. Und zwar aus eigener Erfahrung: Ich glaube mit meiner Frau nämlich durchaus ein echtes Fifty-fifty-Modell zu leben. Und ich glaube auch, dass wir nicht die Einzigen sind. *dramatische Musik setzt ein*

Vorweg aber zwei Dinge, die ich NICHT tun will:

  1. Ich will Andrea Jansen nicht im Grundsatz widersprechen. Erstens bin ich schrecklich konfliktscheu, und zweitens fand ich ihren Beitrag grossartig. Was sie schreibt, erkenne ich in vielen Familien wieder. Ich halte es aber nicht für komplett allgemeingültig.
  2. Ich will mich auch nicht so darstellen, als wäre ich ein Supervater oder Superpartner. Superheld bin ich nur nachts, wenn ich mein Cape überstreife und im Dorf das Verbrechen bekämpfe. Aber das bleibt unter uns.

Für die Gleichverteilung von Haushalt und Kinderbetreuung habe ich hingegen genau wie meine Frau herzlich wenig getan. Das Fifty-fifty kam ganz von selbst. Wir haben es nie offiziell eingeführt oder jemals drüber geredet. Es ist fast wie mit Hämorrhoiden, nur angenehmer beim Sitzen.

Eine Frage der Persönlichkeit

Und hier möchte ich bereits mit meiner Theorie ins Kraut schiessen (bitte machen Sie jetzt Notizen, das kommt an der Prüfung): Die Aufteilung des Familienmanagements ist eher eine Frage von Persönlichkeit und Vorlieben als eine Geschlechterfrage. Natürlich mögen gewisse Vorlieben mitunter geschlechterspezifisch verteilt sein, insgesamt sind sie aber von Individuum zu Individuum über die Geschlechtergrenzen hinweg sehr vielfältig. Oder wie Largo sagen würde: Jedes Elter ist anders.

Zurück zu unserem Anschauungsbeispiel – dem Hause Tschannen: Themen, die mir wichtig sind und die mich interessieren, für die übernehme ich in der Familie gerne die Verantwortung. Oder anders gesagt: Ich gebe sie ungern ab. Dasselbe gilt für meine Frau. Für sie hat Essen zum Beispiel den höheren Stellenwert als für mich. Entsprechend verantwortet sie die Küche und die Einkäufe. Und zwar als Managementfunktion. Ich kaufe zwar auch regelmässig ein, und manchmal koche ich sogar. Aber alles nur nach Absprache und nach Weisung der Frau.

Ernährungsministerin vs. General Bergfrühling

Umgekehrt liegt die Wäsche nach geradezu militärischen Prinzipien in meiner Gewalt. Schon als Kind habe ich selber gewaschen, weil Muttern meine Lieblingsstücke einmal zu oft geschrumpft und rosa eingefärbt hatte. Meine Frau darf heute ab und zu Wäsche auf- oder abhängen. Die Waschmaschine, das Bügeleisen und die ganze Waschplanung sind für sie aber tabu.

Das trifft sich gut, denn ihr ist die Wäsche reichlich egal. So egal wie mir das Essen. Ähnlich teilen wir uns die Arbeit auch im Garten, beim Handwerk im Haushalt oder der Informationsbeschaffung – besser bekannt als «Googeln, was das Kind hat». Wir können uns wohl einfach glücklich schätzen, dass sich unsere Interessen gut ergänzen.

Dann gibt es viele Bereiche, die …

  1. uns beiden wichtig sind,
  2. die wir trotzdem nicht allein an der Backe haben möchten
  3. und bei denen wir grundsätzlich gleicher Meinung sind.

Familienmanager im Jobsharing

Darunter fallen zum Beispiel das Putzen und praktisch die ganze Kinderbetreuung. Alle hier anfallenden Arbeiten erledigen wir beide nach Bedarf. So kümmern wir uns fifty-fifty um Sozialkontakte, Arzttermine und später einmal garantiert ebenso partnerschaftlich um Schulthemen. Wichtig: Wir teilen uns nicht nur die Ausführung, sondern eben auch die Denkarbeit, das Management. Entsprechend gibt es bei uns kein Default-Parent.

Letztendlich bleiben im ganzen familiären Spektrum nur zwei potenzielle Konfliktbereiche übrig:

  • Wohnungseinrichtung: Da möchten wir beide unsere teils inkompatiblen Vorstellungen durchsetzen und das Management übernehmen. Sie mag keine Kronleuchter, ich keine Kerzen. Kann passieren. Arbeiten wir halt Kompromisse aus, bis beide einigermassen unzufrieden sind (Kronleuchter mit Kerzen). Klappt ganz gut.
  • Kackwindeln: Da hält sich die Motivation beiderseits in Grenzen, und wir mussten tatsächlich eine Regel einführen: Wir wechseln uns beim Wickeln inzwischen streng ab. Diskussionen darüber, wer jetzt grad sofort wickeln sollte, haben nämlich noch nie eine überlaufende Windelsituation entschärft.

Die entscheidende Anfangsphase

Noch einmal rekapituliert: Wann dürfte es typischerweise zum – benannt nach seiner Entdeckerin – Jansen-Syndrom kommen?

  • Wenn der Mann vielen Haushalts- und Kinderthemen gegenüber entweder gleichgültig eingestellt ist oder überzeugt, seine Frau mache das dann schon gut: «Die weiss ja, wies geht, ich stehe da nur im Weg.»
  • Wenn die Frau Mühe hat, Kompetenzen abzugeben. Sie möchte sich zwar gerne entlasten, aber den Mann ganz allein machen lassen? Das dann doch nicht: «Letztes Mal hat er den Termin beim Kinderarzt genau auf Jennifer-Shakiras Mittagsschlaf gelegt. Ich musste dann noch mal anrufen und alles erklären.»

Wenn diese Denkweisen stereotyp auf Männchen und Weibchen verteilt sind, dann wird Mutti unweigerlich zur Familienmanagerin. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch meine Frau und ich kennen Gleichgültigkeit, Vertrauen in die Fähigkeit des anderen und die Schwierigkeit, Kompetenzen abzugeben. Aber diese Einstellungen sind bei uns schön gleichmässig über verschiedene Familienthemen verteilt.

So viel zum Aspekt Persönlichkeit und meiner Theorie.

Daneben gibt es – da bin ich ganz bei Andrea Jansen – einen weiteren Grund, weshalb sich das Fifty-fifty-Modell gerade bei uns sehr natürlich etabliert hat: Meine Frau als Studentin und ich als Berufstätiger mit grossem Homeoffice-Anteil waren von der Geburt unseres Kindes an zu fast gleichen Teilen zu Hause. So konnten sich in den ersten Babymonaten keine klassischen Rollenmuster einschleichen und heimlich etablieren.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mein Cape waschen.