Ist Pornografie schädlich?

Eine Frage der Perspektive: Die Wirkung von Pornographie wird von Wissenschaft und Medizin sehr unterschiedlich eingeschätzt. (Bild: Raisa Durandi)

Eine Frage der Perspektive: Die Wirkung von Pornographie wird von Wissenschaft und Medizin sehr unterschiedlich eingeschätzt. (Bild: Raisa Durandi)

Liebe Frau Burri
Gibt es Studien, wie gross der Anteil an Männern ist, die im Internet Pornografie konsumieren? Hat es negative Folgen für junge Menschen? Beeinflusst es unsere Sexualität?

Der Anteil an Männern, die Pornografie konsumieren, variiert erheblich in Abhängigkeit der Altersgruppe und nach Region und Land. Laut einer in den USA durchgeführten Umfrage geben 63 Prozent der unter 30-Jährigen an, mehrmals pro Woche Pornografie zu konsumieren, im Vergleich zu 25 Prozent der 50 bis 68-Jährigen. In der Schweiz geben rund 50 Prozent der Männer und 7 Prozent der Frauen an, regelmässig Pornos zu konsumieren. Das Durchschnittsalter eines Kindes beim ersten Kontakt mit pornografischem Material ist 11.

Was die Folgen von Pornokonsum angeht, so zeigen sich die wissenschaftlichen Studienergebnisse sehr inkonsistent. Immer wieder wird der Zusammenhang zwischen Porno und einer Reihe von Variablen untersucht wie der sexuellen Funktion, der sexuellen Risikobereitschaft, der Beziehungsqualität, häuslicher Gewalt oder Sexualdelikten. Gemäss dieser Untersuchung kann der Konsum von Pornografie zu erhöhtem Risikoverhalten wie ungeschütztem Sex führen. Regelmässige Pornokonsumenten zeigen zudem eine erhöhte Aggressionsbereitschaft. Andere Forschungsergebnisse wiederum indizieren, dass Pornokonsum zu einer Reduktion der Sexualdelikte führt, da es gewissermassen als Ventil für den unter Umständen erhöhten Sexualdrang fungiert.

Ähnlichkeit zur Drogen- oder Spielsucht

Was die sexuelle Funktion angeht, so sprechen die wissenschaftlichen Befunde immer stärker für einen Zusammenhang zwischen Porno und der Häufung von sexueller Unlust, Impotenz und vorzeitigem Samenerguss. Dabei kann der Pornokonsum zu einer sexuellen Desensibilisierung führen, sodass ein höherer Grad von Stimulation nötig wird, um das gleiche Level der Erregung zu erreichen. Neuropsychologisch gesehen, aktiviert dabei der Pornokonsum unser dopaminerges Belohnungssystem ähnlich wie bei der Drogen- oder Spielsucht. Man will immer mehr und extremeres Material.

Viele meiner Kollegen erwähnen die starke Diskrepanz zwischen klinischer Realität und den wissenschaftlichen Befunden und heben die schädlichen Folgen des Pornokonsums hervor. Ich stimme dem bedingt zu: Meist kriegen wir im Praxisalltag nämlich die extremen Fälle zu sehen, bei denen der Konsum überhandgenommen hat. Da besteht sehr wohl die Gefahr, dass gesunde junge Männer unempfänglicher für erotische Reize werden. Die Männer suchen sich gezielt das aus, was ihren Vorlieben entspricht, engen so die Fülle an potenziellen Stimuli ein und kreieren dabei ein utopisches Realitätsbild dessen, wie die Partnerin auszusehen und der Sexualakt abzulaufen hat. Zudem führt der passive Akt des Konsums zu einer Abnahme der aktiven Fantasietätigkeit. In solchen Fällen ist es wichtig, sexuelle Fantasien sich wieder entwickeln zu lassen, indem man Schritt für Schritt eine Entwöhnung herbeiführt. Ansonsten spricht meiner Meinung nach nichts dagegen, der Fantasie ab und an mit ein wenig Bildmaterial auf die Sprünge zu helfen – aber auch hier gilt: alles in Massen und vor allem nicht zu früh in der sexuellen Entwicklung.