«Und dann hat sie endlich Macht – über ihr Kind»

Andrea Fischer Schulthess interessiert, «was mit denen geschieht, die aus der Welt herausfallen». Heute Abend liest sie in Zürich aus ihrem Erstling. Foto: Sibylle Meier Lov

Andrea Fischer Schulthess interessiert, «was mit denen geschieht, die aus der Welt herausfallen». Heute Abend liest sie in Zürich aus ihrem Erstling. Foto: Sibylle Meier Lov

Der Erstlingsroman «Motel Terminal» von Andrea Fischer Schulthess. (PD)

Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal. Roman. Salis, Zürich 2016. 320 S., ca. 35 Fr. Lesung am Dienstag, 24. Mai, 20 Uhr, im Salis Showroom an der Genossenschaftsstrasse 13 in Zürich.

Darf ich vorstellen: Andrea Fischer Schulthess, die Autorin des tiefschürfenden und zugleich spannenden Romans «Motel Terminal» (Salis-Verlag, 2016). Die Ihnen bestens bekannte Mamabloggerin hat in den vergangenen zwei Jahren an ihrem Erstling geschrieben. Entstanden ist ein Buch, worüber die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) vor kurzem eine begeisterte Kritik publizierte und welches ich Ihnen ans Herz legen möchte.

Die Geschichte liest sich wie ein Krimi. Es ist die packende Story der 13-jährigen Meret, die von ihrer Mutter Nora seit ihrer Geburt in einem kleinen Zimmer eingesperrt gehalten wird. Weil die Welt da draussen böse ist, wie diese sagt. «Die Mutter misshandelt unter dem Deckmantel unbedingter Liebe», schrieb die FAZ Was schrecklich klingt und auch ist, konfrontiert einen als Leser unausweichlich mit etlichen Fragen, etwa jenen, wie sehr man das eigene Kind behüten soll beziehungsweise wie sehr man dem Lauf der Dinge vertrauen darf und muss.

Ich traf meine Kollegin auf ein Gespräch, um mit ihr unter anderem über elterliche Macht und Verantwortung zu sprechen.

Andrea, du schlägst in deinem Roman eines der düstersten Kapitel auf. Weshalb gerade dieses Thema?

Andrea Fischer Schulthess: Das Thema ist tabu und abwegig, und doch fasziniert es mich schon lange. Was mich einerseits zum Buch bewogen hat, sind Gespräche mit einer Mutter, der man das Kind weggenommen hatte und das eine lange Odyssee durch Heime und Pflegefamilien durchmachte – immer im Namen des sogenannten Kindswohls. Die Ohnmacht gegenüber diesem Entscheid war für die Mutter wie für den Sohn ein Alptraum, von dem sie sich nie mehr erholen. Andererseits hat meine Geschichte auch mit einem Traum zu tun, den ich mal hatte. Ich träumte, ich hätte jemanden umgebracht. Das Gefühl, nun nie mehr zur Gesellschaft zu gehören, egal, ob jemand von meiner Tat erführe oder nicht und ungeachtet dessen, ob ich mich für mein Handeln rechtfertigen würde oder nicht, hing mir noch tagelang nach. Seither interessiert mich die Frage, was mit einem Menschen geschieht, der, warum auch immer, aus der Gesellschaft fällt. Oder sie bewusst verlässt. Auch Eltern, die ihre Kinder umbringen oder versehentlich töten, können nie mehr zurück. Sie haben die Welt verloren, und ihre Tat gilt als absolut unverzeihlich. Und doch könnte Ähnliches wohl jedem geschehen, wenn die Umstände gegeben sind. Man denke etwa an die Frau, die letzten Sommer ihr Kind im heissen Auto zurückgelassen hatte, weil sie die Situation offenbar falsch eingeschätzt hatte.

Kann man das vergleichen? Einen Hitzetod sehe ich als schrecklichen Unfall. Im Buch allerdings entscheidet sich die Mutter bewusst dafür, ihre Tochter während Jahren im Zimmer gefangen zu halten. Sie glaubt, die Tochter beschützen zu müssen.

Nein, diese zwei Fälle sind nicht direkt vergleichbar, dennoch fallen beide Mütter durch ihr Handeln sinngemäss «aus der Welt heraus». Ich wollte meine Geschichte so erzählen, dass man sich selbst eingestehen muss: Mist, so etwas hätte mir auch passieren können.

Du meinst, dass das Leben einen Verlauf nehmen kann, den man selber nicht mehr einfach so ändern kann?

Ja, das kennt doch fast jeder. Man sagt vielleicht mal etwas Unwahres, weshalb auch immer, oder gerät durch eine blödsinnige Handlung in eine vertrackte Situation – und daraus entsteht eine eigene Dynamik. Aus einer kleinen Notlüge wird eine immer grössere Geschichte. Plötzlich steckt man mitten drin und weiss nicht mehr, weshalb alles so kam und wie man aus dieser Situation je wieder herausfinden soll. Als Vorbereitung für das Buch habe ich sehr viel gelesen, auch Literatur über Eltern, die ihre Kinder unverständlicherweise ungleich behandelten, indem sie ein einzelnes Kind massiv vernachlässigten. Fragte man sie später, weshalb sie das getan hatten und wann es begonnen hatte, so konnten die meisten nicht recht darauf antworten. Es habe sich irgendwann so entwickelt und sie seien da nicht mehr herausgekommen.

Das klingt verharmlosend.

Das sollte es nicht. Solche Geschichten oder Dramen sind immer vielschichtig. Die Mutter in meinem Buch erfuhr beispielsweise immer wieder völlige Machtlosigkeit. Als Kind verlor sie die eigene Mutter, und später wurde eigentlich immer nur über sie verfügt, von verschiedenen Instanzen. Als Erwachsene hat sie endlich Macht — über ihr eigenes Kind.

Was du im Buch hervorragend herausschälst, ist eben diese Macht, die Eltern haben können, respektive die Abhängigkeit, in der sich Kinder befinden. Diese Erkenntnis kann eine Mutter oder einen Vater ja auch ängstigen.

Absolut. Ich hatte immer auch Angst vor dieser Macht.

Aus Angst vor dir selber?

Ja. In den Momenten, wo man merkt: Mist, jetzt geht gerade ein Vulkan in mir ab. Da braucht es immer einen Restverstand, der funktionieren muss, damit man nicht irgendeinen Scheiss macht und sich notfalls Hilfe holt.

Man kann gewisse Gedanken der Mutter in deinem Buch verstehen. Sie will, «dass ein Kind ein Kind bleibt». Es soll von der Gesellschaft nicht beeinflusst werden, es soll rein bleiben.

Ja, solche Gedanken hat wohl jeder irgendwann. Man will sein Kind gerne vor allem beschützen können. Doch das geht nun mal nicht. Sobald es auf der Welt ist, beginnt das Loslassen. Elterlicher Einfluss und Kontrolle werden mit den Jahren geringer, aber die Verantwortung bleibt. Ein Beispiel: Ich kann von meiner Teenagertochter zwar verlangen, einen Helm beim Velofahren aufzusetzen, doch wenn sie sich weigert, kann ich sie letztlich nicht mehr dazu zwingen. Es ist ein verrücktes Gefühl, wenn man merkt: Mein Einfluss nimmt ab, aber die Verantwortung ist man dennoch längst nicht los. Das ist ja im Übrigen wirklich fies: Man hat dann als Eltern nicht mehr viel zu melden, andererseits ist man immer schuld. (lacht)

Wie haben Eltern speziell auf das Buch reagiert? Du zeichnest darin ja ein krasses Mutterbild.

Ich hatte bislang keine elternspezifischen Reaktionen. Ich höre lediglich, dass die Geschichte viele Menschen berührt und zum Nachdenken anregt. Und das freut mich natürlich ausserordentlich. Aber nicht nur das Nachdenken ist mir wichtig. Ich wollte auch einfach ein Buch schreiben, das einen reinzieht. Denn das ist doch letztlich der Grund, warum wir lesen: Wir wollen in andere Leben eintauchen.