Finger weg von den Kindern!


«Schlag Rahm, nicht Kinder», das neue Kampagnenvideo von Kinderschutz Schweiz. Quelle: Youtube

Kinder hauen ist schlimm. Geht gar nicht. Das finden wir wohl fast alle. Darum ist es auch gut, dass derzeit wieder darauf gepocht wird. Ab dem 30. April startet der Kinderschutz Schweiz eine entsprechende Kampagne, unter anderem mit diesem Video. Die Forderung im Wortlaut: «Kinderschutz Schweiz ruft die eidgenössische Politik dazu auf, das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung im Zivilgesetzbuch zu verankern und damit die bestehenden ungenügenden Normen im Strafrecht zu ergänzen. Seitens des Gesetzes braucht es eine klare Absage an die Körperstrafe als Erziehungsmittel. Studien aus europäischen Ländern wie z. B. Deutschland und Schweden zeigen, dass entsprechende rechtliche Normen in Kombination mit breit angelegten Sensibilisierungsmassnahmen einen merklichen und nachhaltigen Rückgang von Gewalt in der Erziehung bewirken.»

Die Idee ist also, dass Gewalt gegen Kinder schon in geringster Ausprägung Folgen haben soll für die Eltern oder andere tätliche Erwachsene. Ziel ist eine Gesellschaft, in der Kinder garantiert gewaltfrei aufwachsen. Damit bin ich selbstverständlich absolut einverstanden – auch wenn Europa und die Schweiz im Moment nun wahrlich nicht viel dazu beitragen, dies auch Kindern vor den eigenen, dichten Grenzen zu gewähren.

Ich bin mir sehr bewusst, dass es Themen gibt, bei denen man sich mit jedem «Aber» prinzipiell in die Nesseln setzt, ungeachtet dessen, was man dem in der zweiten Satzhälfte noch hinzufügt. Da gilt nur das «Aber» als solches. Nun denn, ich setze mich hiermit dennoch ins Kraut. Aus Überzeugung. Denn obwohl ich sehr entschieden gegen jegliche Form von Gewalt bin, egal ob gegen grosse oder kleine Lebewesen, muss auch dieses Thema differenziert und ursächlich angegangen werden. Ob mehr Gesetze das wirklich gewährleisten, bezweifle ich.

Tatsache ist: Fast allen Eltern, wir mit gemeint, die ich kenne oder mit denen ich mich schon darüber unterhalten habe, ist schon mal eine Sicherung durchgebrannt. Übernächtigt und überfordert ist ihnen entweder die Hand ausgerutscht, oder sie haben ihr Kind betont unsanft an der Hand gepackt, aufs Bett gepflanzt oder Ähnliches getan. Und zwar entgegen ihrer durchaus vorhandenen inneren Überzeugung, dass Kinder gewaltfrei erzogen werden sollen.

Natürlich redet keiner gern über so etwas. Aber Gott sei Dank haben diese Eltern es getan. Sie hatten den Mut, mit mir und anderen darüber zu reden, haben loswerden können, wie sehr sie über sich selbst erschrocken sind, und konnten sich gegenseitig fragen, wie man so etwas möglichst verhindern könnte.

Genau das ist ganz entscheidend: dass das Thema auf den Tisch kommt. Und dass Eltern auch wirklich rasch Hilfe bekommen, wenn ihr Ersatznerv gefährlich kurz vor dem Zerreissen ist. Das ist leider noch längst immer nicht der Fall. Eine Bekannte von mir hat beispielsweise in grosser Verzweiflung bei ihrer Mütterberatung angerufen und regelrecht darum gebettelt, man solle ihr rasch beistehen, sie könne nicht mehr und habe Angst, die Nerven zu verlieren. Man beschied ihr, dass man leider halt jetzt grad auch nichts machen könne.

Das ist schon einige Jahre her, und heute ist die Situation bereits besser, wenn auch noch längst nicht gut. (Zum Beispiel gibt es die Elternberatung der Pro Juventute, die täglich rund um die Uhr für solche Notfälle und andere Fragen da ist.)

Meiner Bekannten und somit ihrem Kind half damals nur ihr Umfeld, das sie ernst nahm und ihr ohne Vorwürfe beistand, mögliche schlimme Folgen ihrer körperlichen und seelischen Überforderung abzuwenden. Über ein solches Sicherheitsnetz verfügen längst nicht alle.

Und genau hier müsste meiner Meinung nach der Hebel angesetzt werden. Ausgeschlafen und ohne grössere Sorgen und Ängste gegen Gewalt zu sein, ist schliesslich nicht schwierig. Aber das in Extremsituationen auch leben zu können, gelingt nur mit der richtigen Aufklärung und Strategie. Ich bin in solchen Momenten zum Beispiel in ein anderes Zimmer gegangen und habe meine Faust so lange an die Wand gehauen, bis der körperliche Schmerz mich wieder auf den Boden zurückgeholt hat. Bevor ich Mutter geworden bin, hätte ich ein solches Verhalten bestimmt für abartig gehalten. Mag sein, dass es das ist. Aber das ist völlig unwichtig. Es hat geholfen, Schlimmeres abzuwenden, ohne jemandem ernstlich zu schaden.

Alle Eltern brauchen solche für sie passende Strategien. Leider ist es eine Tatsache, dass Sie, die Sie das lesen, das vermutlich wissen und ähnlich denken, denn sonst wären Sie nicht hier gelandet. Das Problem ist vielmehr, die abgeschotteten und einsamen Mütter und Familiensysteme zu erreichen, an die man kaum herankommt.

Da würde nur helfen, prinzipiell alle Erst-Eltern zu verpflichten, bestimmte Kurse zu besuchen, in denen sie lernen, wie sie mit dem Kind und mit sich selbst umgehen sollen und wo es Hilfe gibt, wenn das nicht mehr gelingt. Das ist zwar auch eine Form der Regulation, aber man würde nicht erst  reagieren, wenn schon Fehler passiert sind, sondern eben vorher. Ich würde das sehr begrüssen. Allerdings hat ein solches Anliegen wohl kaum Chancen. Schliesslich sollen wir doch alle weiterhin so tun, als hätten wir den Laden voll im Griff. Sonst werden wir von anderen geächtet.

Darum bin ich froh um die Kampagne des Kinderschutzes Schweiz, auch wenn ich nicht bis zur letzten Meile mit ihr einig gehe. Sie bringt das Thema zur Sprache, fordert zum offenen Reden auf. Weniger Selbstgerechtigkeit und mehr Offenheit sind ein vielversprechender Ansatz für Verbesserungen. Potenter und tiefenwirksamer als strafrechtliche Massnahmen.