Wenn Pornografie Aufklärung ersetzt

[ Symbolic Image, Posed Picture, Model Released ] - Girl sitting on her bed using mobile phone to surf on the internet, to chat. (Photo by KEYSTONE/Christof Schuerpf) [ Gestellte Aufnahme, Symbolbild, Model Released ] Kind, Maedchen, Telefon, Mobile Phone, Surfen, Chatten, Internet, Pornografie, (KEYSTONE/Christof Schuerpf)

Pornografie gibt keine Antworten auf die Fragen der Jugendlichen. Foto: Christof Schürpf (Keystone)

Der US-Bundesstaat Utah erklärt Pornografie zu einer gesundheitsgefährdenden Epidemie, und meine Kinder haben ein Smartphone. Nein, das ist nicht der Satz, mit dem ich schon immer mal einen Text anfangen wollte, sondern ein Problem, das mich schon längere Zeit beschäftigt. Pornografie ist nicht nur ein Thema, weil ich mich immer mal wieder feministisch positioniere, für ein Verbot der krassesten Formen von Sexismus bin und mir daher zurecht die Frage gefallen lassen muss, ob ich das in Bezug auf Pornos auch fordern würde.

Pornografie ist auch das, was meine Kinder spätestens in der weiterführenden Schule auf kleinen Bildschirmen zu sehen bekommen. Ob die nun ihnen gehören oder ihren Freunden, ist Nebensache. Auch nebensächlich ist dabei die Anzahl der Geräte, auf denen Filterprogramme und Schutzwälle für ebensolche Fälle installiert sind. Solche Schutzmechanismen mögen als Individuallösung nützlich sein, in der Gruppe taugen sie nicht viel. Die kann immer nur so pornografiefrei sein wie die schwächste Sicherheitseinstellung in der Kette mobiler Endgeräte.

Darüber hinaus sollten Sie sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass ihr Nachwuchs diesbezüglich womöglich mehr drauf hat als Sie: Youporn ansteuern, sich bei Twitter mit einem Klick «sensibles Material» anzeigen lassen oder einem Tumblr mit unzähligen kleinen Sexfilmausschnitten folgen – es gibt diverse Möglichkeiten, pornografische Inhalte zu konsumieren, die selbst für smartphonegestählte Erwachsene nicht alle überschaubar sind. Und zum Schluss finden sie Eingang in die endlosen Whatsapp-Chats, die in jeder freien Minute geführt werden müssen.

Das Interesse an Sexualität haben Kinder und Jugendliche nicht erst seit gestern. Nur müssen sie für die scheinbare Befriedigung dieses Interesses heute gerade mal einen Finger rühren. Ich sage scheinbar, weil Pornografie grossflächig ganz andere Fragen beantwortet, als von Heranwachsenden an sie gestellt werden. Was ist Einvernehmlichkeit? Wie funktioniert Begehren, und wie kann ich es bei jemand anderem auslösen? Wie gehe ich mit Ablehnung um? Sind mein Körper, meine sexuellen Fantasien, mein Entwicklungsstand und meine Interessen ok? Hat Sex was mit Liebe zu tun? Wie wird man den eigenen und den Ansprüchen anderer gerecht?

Zu all diesen Fragen sind wir gesellschaftlich und privat mehr oder weniger verstummt. Im gleichen Masse, wie wir Lebensbereiche sukzessive sexualisiert haben, sind wir im Kernbereich sprachlos geworden. Und nur um das klarzustellen: Früher war auch nicht mehr schulische oder elterliche Aufklärung. Allerdings hat man sich da nicht so konsequent über den Status quo hinweggetäuscht. Wir reden uns gerne ein, unsere Söhne und Töchter wüssten, dass sie ja jederzeit zu uns kommen könnten, wenn sie Fragen haben. Und während wir noch an unserer Ansprache feilen und hoffen, dass wir damit noch möglichst lang verschont werden, ist Pornografie längst da und zeigt, was angeblich Sache ist, obwohl es eigentlich um ganz andere Dinge geht: Wie gross muss ein Penis sein, damit die Kamera die Penetration gut filmen kann? Was sind die besten Positionen für die Setbeleuchtung? Wie kann ich eine Sexszene visuell möglichst effektiv abschliessen? Welche Zielgruppenfantasie soll inszeniert werden? Und vor allem: Wie kann ich das gerade Gefilmte beim nächsten Mal steigern, um mir die Aufmerksamkeit des Publikums zu sichern.

Dass Pornografie dabei häufig abwertende, ohnmächtige Frauenbilder (re)produziert und Sex scheinbar nicht ohne männliche Übergriffigkeit und Dominanzgebaren denken kann, ist die eine Sache. Dass auch ganz andere Bilder produziert werden, die unser Bedürfnis nach Nacktheit und Sexualität befriedigen können, und man es sich zu leicht macht, wenn man die sexuellen Vorlieben anderer mal eben als abartig markiert, eine ganz andere.

In beiden Fällen ist Pornografie eine Inszenierung, die an Erwachsene gerichtet, aber für Kinder und Jugendliche offen zugänglich ist. Und während ihnen völlig klar ist, dass man in der echten Welt keinen Truthahn mit einem Laserschwert tranchiert, müssen sie sich bei Pornografie mangels Aufklärungsalternativen zwangsläufig fragen, ob Sex nicht genau so funktioniert. Funktionieren muss, um gut und richtig zu sein. Sexuelle Aufklärung heisst eben auch immer, sich aus der eigenen Komfortzone zu bewegen. Und das ist anstrengend und schambesetzt. Wer erzählt den eigenen Kindern schon gerne, wozu man einen Schuhkarton voller Sexspielzeuge aufbewahrt? Aber da, wo wir schweigen, lassen wir Pornografie erzählen. Und zwar alternativlos. Dann doch besser reden.