«Die heiraten bestimmt mal»

6631093707_3f127892cc_o

Nein, das heisst nicht, dass die beiden einmal heiraten werden. Foto: Modestas Jonauskas, Flickr.com

«Die sind ja schon richtig verliebt.»
«Ihr werdet bestimmt mal heiraten.»

In Einrichtungen für Vorschulkinder wird romantisiert, was das Zeug hält. Probehochzeiten werden abgehalten, Ehekräche aufgeführt, man ist aufeinander eifersüchtig und verträgt sich wieder. Im Grossen und Ganzen ist man sich sicher, dass man später einmal heiraten wird. Ich hatte häufiger in meinem Leben die Gelegenheit, solchen Szenen beizuwohnen. Manchmal kommentierte ein Erwachsener in meiner Nähe das Geschehen mit Worten wie: «Niedlich, oder?!» Fand ich überhaupt nicht.

Ich war davon immer eher genervt. Also nicht davon, dass Kinder die Beziehungsmuster nachspielen, die sie an ihren Eltern und anderen Rollenvorbildern beobachten, sondern von der Art und Weise, wie Erwachsene darin das aufkeimende Pflänzchen einer romantischen Liebe erkennen wollen. Später dann nicht mehr, aber im Kindergarten ist ja alles noch so unschuldig und – wie bereits erwähnt – niedlich. Da macht es offenbar Spass, die Beziehungen von Kindern durch so einen verkitschten Hollywoodschnulzenfilter zu betrachten. Und dass dabei lediglich Konstellationen wie «Basti und Valeska» gelten, wohingegen Basti und Andreas ebenso wenig romantisch involviert sein können, weil nicht sein dürfen, wie Valeska und Selma, fällt anscheinend nicht auf.

Damit wir uns nicht missverstehen: Natürlich können Kinder sehr tiefe Gefühle für andere Kinder entwickeln und Erwachsene tun gut daran, diese wertzuschätzen und nicht etwa abzutun oder gar lächerlich zu machen. Wieso man sie deswegen aber als «Winzlinge auf Freiersfüssen» bezeichnet, leuchtet mir nicht ein.

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, als der beste Freund meiner Tochter vor Jahren bei uns übernachtet hatte und ich die beiden am nächsten Morgen gemeinsam zum Kindergarten brachte. An der Eingangstür wurden wir wiederum von dessen bestem Freund erwartet – einem kleinen Jungen, der so sauer war, wie Fünfjährige nur sein können. Der sich sehr besitzergreifend und lautstark darüber beschwerte, warum SEIN Freund bei jemand anderem ausser ihm übernachtet und anschliessend versuchte, sich mit dem von ihm Beschuldigten zu prügeln.

Niemand wäre auf die Idee gekommen, diesen beiden Jungen eine Sandkastenliebe zu unterstellen. Niemand hat Dinge gesagt wie: «Süss, der ist ja richtig eifersüchtig» oder auch «Uiuiui, was aus den beiden wohl mal werden wird?!», obwohl das in dieser Romantisierungslogik nur folgerichtig gewesen wäre. Stattdessen gab mir ein anderer Vater etwas später den (wohl gut gemeinten) Rat, ich solle mich besser warm anziehen, wenn meine Tochter jetzt schon Herrenbesuche empfange. Ich murmelte «Nee, lass mal!» und dachte fettgedruckt und unterstrichen: «Was zur Hölle ist bloss los mit dir?!»

Der Übernachtungsgast von damals ist übrigens immer noch der beste Freund meiner Tochter. Er wohnt zwar mittlerweile ein paar Hundert Kilometer von ihr entfernt, aber wenn die beiden sich sehen, brauchen sie keine fünf Sekunden, um genau da weiterzumachen, wo sie aufgehört haben: bei ihrer Freundschaft. Das ist keine Selbstverständlichkeit. In ihrer Klassenstufe ist sie eine der wenigen, die noch mit Vertretern des anderen Geschlechts befreundet ist und entsprechende Kommentare entweder in Grund und Boden lacht oder auskontern kann. Tatsächlich haben mich schon andere Eltern gefragt, ob ich mir deswegen nicht Sorgen machen würde.

«Nein, wieso?»
«Na, man weiss doch, wohin so etwas führen kann.»
«Ach, wohin denn?»
«Nachher kommen die noch richtig zusammen und stellen Dummheiten an.»
«Dummheiten im Sinne von Sex?»
«Genaaaaau!»
«Ähm, das passiert doch sowieso irgendwann. Mit wem sie sich entschliesst, Sex haben zu wollen, ist ja wohl ihre Entscheidung und nicht meine. Soll ich ihr jetzt verbieten, sich mit Jungs anzufreunden und sie in ihr Zimmer einsperren, bis sie Mitte 30 ist, oder was?!»
«Ich sag ja nur, dass man keine schlafenden Hunde wecken sollte.»
«Dir ist aber schon klar, dass unsere Töchter auch miteinander befreundet sind?»
«Ja und?»
«…*seufz*»

Indem wir kindlichen Beziehungen ein erwachsenes Label verpassen, setzen wir Jungen und Mädchen in frühen Jahren künstlich aufeinander an und erschweren damit, dass sie später einen entspannten Umgang miteinander haben. Weil wir meinen, ihnen die komplexe Realität menschlicher Beziehung ersparen zu müssen, muten wir ihnen einen holzschnittartigen Abklatsch dessen zu, was wir für die heterosexuelle Normalbeziehung halten oder mal geglaubt haben, dafür halten zu müssen. Und dann wundern wir uns allen Ernstes darüber, warum so viele Menschen immer noch davon überzeugt sind, Frauen und Männer könnten nie «nur» befreundet sein.

Wir schulden es nicht nur unseren Kindern, sondern auch uns selbst, endlich damit aufzuhören, jede gegengeschlechtliche Beziehung unter Paarverdacht zu stellen. Vielleicht verlieren wir dabei ein paar Illusionen über die romantische Liebe. Aber dafür gewinnen wir Freundschaft.