Madonna, Kinder erpressen geht gar nicht

In this undated handout photo provided by Madonna's publicist Liz Rosenberg, Madonna is shown with her daughter Lourdes, 9, left, son Rocco, 6, right and David Banda, 13-months, who she plans to adopt with her husband director Guy Ritchie. Madonna said that David is healthy and thriving in her London home, in an interview that aired Wednesday, Oct. 25, 2006, on "The Oprah Winfrey Show." The child was taken to London last week after Malawi's High Court granted Madonna and her husband, director Guy Ritchie, an interim adoption order. (AP Photo/Shavawn Rissman) ** **

Da waren sie noch vereint: Mutter Madonna mit Lourdes (links), dem Adoptivsohn David Banda und dem damals sechsjährigen Rocco. Foto: Shavawn Rissman (Keystone)

Seit ein paar Wochen geistert Madonna wieder durch die Presse. Nicht mit Stringtanga auf dem roten Teppich und auch nicht mit einem neuen Toyboy, sondern mit Familienknatsch. Ihr Sohn Rocco (15) weigert sich, bei ihr in den USA zu leben, und will bei seinem Vater in England bleiben. Bisher haben weder Madonnas emotionale noch juristische Bemühungen etwas daran ändern können.

Sie wissen es. Ich weiss es. Irgendwann haben es die meisten von uns schon getan: Wir haben jemanden emotional erpresst. Beim Partner ist das einfach doof, bei Kids ist es schlicht tabu. Zumindest offiziell. Im Alltag passiert es dennoch.

Allerdings kann man sich darüber streiten, bis wo man noch in einer pädagogisch sinnvollen und logischen Wenn-dann-Diskussion steckt und ab wann es in Erpressung kippt.

Konsequenzen anzukündigen wie «Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, wird auch nicht gegamt», ist meines Erachtens völlig legitim beziehungsweise nötig. Es gibt einen logischen Zusammenhang zwischen beidem. Schliesslich geht es darum, Verantwortung zu übernehmen und seine Murmeln irgendwann selbstständig auf die Reihe zu kriegen. Für die Kids ist das natürlich dennoch bereits eine knallharte Erpressung.

Wirklich brenzlig wird es aber dort, wo Erpressung mit Liebesentzug jeglicher Art gekoppelt ist. Wenn das Kind das Zimmer nicht aufräumt und Mama oder Papa dann demonstrativ mit vor Enttäuschung verzerrtem Gesicht rumschleichen und nicht mehr mit ihrem Kind reden. Oder wenn sie still, aber sichtbar am Küchentisch weinen. Geht gar nicht. Kinder brauchen keine Eltern, die ihre Befindlichkeit wegen jeder Kleinigkeit zur Schau stellen und ihnen damit ein schlechtes Gewissen machen wollen. Erstens reagieren sie eh nur bedingt darauf, und zweitens ist es schlicht unfair.

Ja, es passiert trotzdem den meisten von uns mal. Wir sind ja auch keine perfekten Erziehungsmaschinen. Das ist auch kein Weltuntergang. Aber dann sollte man das dem Kind genau so mitteilen: «Sorry, ich habe übertrieben und unpassend reagiert, ich bin heute etwas empfindlich.» Und dann darf man ruhig auch mal über sich lachen, auch gemeinsam mit den Kids.

Unentschuldbar wird emotionale Manipulation jedoch, wenn Eltern ihre Enttäuschung oder ihre verletzte Seele zu Markte tragen, beim Coiffeur, bei Bekannten (verschwiegene Freunde sind okay) oder im schlimmsten Fall in den sozialen Medien oder der Weltpresse. Somit sind wir wieder bei Madonna angelangt.

Seit Wochen tauchen immer wieder Berichte, Tweets und Posts auf, die entweder zeigen, wie sehr sie leidet, oder, wie glänzend sie sich mit ihren anderen Kids amüsiert. Sie wendet sich damit unübersehbar an ihren 15-jährigen Sohn, der sich öffentlich sichtbar ihrer Kontrolle entzieht.

So viel vorweg: Ich glaube ihr den Schmerz. Es tut verdammt weh, vom eigenen Kind zurückgewiesen zu werden. Aber auch für Kontrollfreaks, die alle medialen Verstärker der Welt zur Verfügung haben, ist es unterste Schublade, dieses Arsenal zu nutzen, um sein Kind emotional zu erpressen.

Wir sind nicht Madonna. Und Rocco tut mir leid, auch wenn er es vermutlich durchaus ein bisschen geniesst, eine Frau manipulieren zu können, die als Königin aller Kontrollfreaks gilt.

Aber mir helfen solche Storys manchmal, mir dabei zuzusehen, wenn ich grad die Mini-Madonna-Schiene fahren will und mein emotionsgesteuertes Ich das Ruder übernimmt. Zum Beispiel, wenn meine Kinder nicht rechtzeitig anrufen, sie mich grad nicht in ihrer Nähe haben mögen, sich nicht für meinen Alltag interessieren oder sich aus einer Umarmung winden.

Danke Madonna, dass du mich daran erinnerst, dass sie das Recht darauf haben. Es lebe die Regenbogenpresse. Sorry, Rocco.