Der Frau nach mir hat er das Nasenbein gebrochen

Ein Gastbeitrag von Verena Schulemann*

Gesellschaftliche Akzeptanz der männlichen Gewalt ist mit ein Grund: 95 Prozent der Opfer verzichten auf eine Anzeige. Foto: Luis Berg (Keystone, nachgestellte Szene)

Gesellschaftliche Akzeptanz der männlichen Gewalt ist mit ein Grund: 95 Prozent der Opfer verzichten auf eine Anzeige. Foto: Luis Berg (Keystone, nachgestellte Szene)

Er schmiss mich aufs Bett und zog sich seine Hose runter. Ich sagte: «Lass das.» Dann drückte er mich runter und rief: «Dann kannst du dich wenigstens ficken lassen, du Schlampe.» Ich drückte ihn von mir. Er drückte mich zurück aufs Bett.

Ich kannte ihn seit Jahren. Wir alle kannten ihn. Er war lustig, viel unterwegs. Sein Hintergrund: bürgerlich. Er hatte eine grosse Wohnung, grosses Auto, eine kleine Agentur. Er wirkte ein wenig flirrig, aber das hier war neu. Die letzten Wochen hatten wir eine lose Affäre gehabt, aber als ich merkte, dass er sein erstes Bier schon morgens nach dem Aufstehen trank, sah ich keine Zukunft für mich mit diesem Mann. Das hatte ich ihm gerade gesagt. Ich wollte gehen, da packte er mich und schmiss mich auf sein Bett.

25 Prozent aller Frauen zwischen 16 bis 85 Jahren gaben laut einer europäischen Studie an, bereits mindestens einmal innerhalb einer Partnerschaft Gewalt erfahren zu haben. 95 Prozent verzichteten auf eine Anzeige. Aber selbst wenn, liegt die Verurteilungsquote der meist männlichen Täter bei sexuellen Gewalttaten unter 10 Prozent – zusammen mit Kindsmissbrauch die niedrigste Quote überhaupt.

Ich wehrte mich, konnte mich aufrichten. Er hielt mich fest: «Verpiss dich, du Schlampe.» Er schlug mir ins Gesicht. Ich wollte gehen und hatte Angst, dass er mir nachkommen würde. Ich war aufgewühlt, ich wollte noch einen Hocker umwerfen, verhindern, dass er mir nachkommt, da stürzte er auf mich, griff mich, schlang seinen Fuss um mein Bein und schleuderte mich in einem Judowurf auf den Rücken. Es knackte, ich kam auf dem Rücken zum Liegen. Es waren Sekunden, ich hatte keine Chance. Mein linker Fuss war komplett aus der Verankerung gerissen, er hing schlaff neben meinem Unterschenkel. «Ruf den Notarzt», rief ich. Er weigerte sich: «Du kannst die Treppen gehen.» Ich versuchte an meine Tasche zu kommen, die im Flur stand, doch es war unmöglich. Schliesslich nahm er sein Handy und drückte es mir in die Hand …

Es ist ein Umstand, der sich durch alle Kulturen und Gesellschaftsschichten zieht: Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Gewalt im öffentlichen Raum oder häuslich durch den eigenen Ehemann oder auch Vater – zum grossen Teil sind Frauen die Opfer. Und in den meisten Fällen werden die Täter nicht bestraft.

Der Täter fuhr dem Krankenwagen hinterher. Er blieb die ganze Zeit in der Klinik. Ich sagte, dass er das gemacht hatte. Er gab es zu. Die Pfleger sagten zu ihm: «Was sind Sie denn für ein Mann?» Das war alles. Nichts passierte, keine Polizei. Keine Seelsorge. Im Gegenteil, der Chefarzt nannte ihm – vor mir – die Diagnose: Ein mehrfacher Bruch des Sprunggelenkes, mehrere OPs seien notwendig. Mehrere Wochen Arbeitsunfähigkeit, 14 Tage Klinikaufenthalt sollten folgen. Der Mann, der mich gerade ins Krankenhaus geprügelt hatte, wurde von dem studierten Chirurgen wie ein Vormund eingesetzt – statt dass er die Polizei informierte.

Später, Monate später, nachdem ich einigermassen kuriert war und mich erkundigt hatte, erfuhr ich, dass es eine Einrichtung in dieser so berühmten Berliner Charité gibt – für die Fälle häuslicher Gewalt. Dass die Ärzte angehalten, ja verpflichtet sind, genau das dann zu melden, Hilfe anzubieten. Das war nicht geschehen. Wieso? Ich fragte später beim Arzt nach. Er wurde ungehalten, sagte, das sei undankbar, er hätte mich doch so gut operiert. Das stimmte, aber was hatte das eine mit dem anderen zu tun?

Es liegt an einer Akzeptanz von männlicher Gewalt gegenüber Frauen und dem Anspruch der Männer auf die Sexualität. Ein Grund, warum es Jahrzehnte dauerte, bis Vergewaltigung unabhängig gemacht wurde vom Ehestatus der Opfer: Innerhalb einer Ehe sei Vergewaltigung nicht möglich, lautete der patriarchale Einwand.

Ich hatte einen Psychologen angefordert, wollte Hilfe haben, um mich – ich war ans Bett gebunden – schützen zu können. Den Täter anzuzeigen. Auch hier erfuhr der Täter durch den Stationsarzt von dem Umstand und er drohte mir, in dem er mein Handgelenk in seine beiden Hände nahm und eine Drehbewegung andeutete: «Wenn du was sagst, dann … Knacks.» Er drehte seine Hände gegensätzlich und deutete an, dass er mir das Gelenk brechen würde. Dabei lachte er.

Danach tat ich das, was Millionen Frauen machen. Ich arrangierte mich. Ich log und erzählte die absurdeste Geschichte, die man sich denken kann: Wir hätten zu heftig Tango getanzt, dabei sei es irgendwie passiert.

Erst eine Woche später, nachdem ich mich in ein anderes Krankenhaus verlegen liess, in dem ich ein Einzelzimmer hatte, das ich abschliessen konnte, eine Seelsorgerin auf die Station kam, der ich alles berichten, ich dem Mann Hausverbot erteilen, ihn anzeigen konnte, konnte ich mein Schweigen brechen. Doch die Angst blieb – und das über eine sehr, sehr lange Zeit.

In Afghanistan muss eine Frau vier männliche Zeugen benennen können, um einen Mann wegen Vergewaltigung anzeigen zu können. In anderen Ländern werden Frauen selbst für die Tat verantwortlich gemacht und gesteinigt, gefoltert und sogar getötet. Doch auch in den europäischen Demokratien sind vor allem die Gewalttaten an Frauen mit unglaublichen Vorurteilen belegt. Sogar Frauen selbst urteilen Opfer ab, suchen die Schuld bei ihnen statt beim Täter. «Victim Blaming» heisst der Umstand, hinter dem oft keine Bösartigkeit, sondern ein Selbstschutz steht: Die eigene Angst, selbst so einer Tat zum Opfer zu fallen, wird kleiner, wenn man die Taten verdrängt oder sogar negiert.

Im Zuge meiner Anzeige stellte sich heraus: Der Täter hatte bereits zwei Anzeigen wegen Körperverletzung. Dafür, dass er mir mein Gelenk zerborsten, meine Muskeln, Nerven und Sehnen zerrissen, monatelange Schmerzen und Angstzustände verursacht hatte, wurde der Täter, der zu spät und alkoholisiert beim Prozess erschien, freigesprochen. Man könne ihm die Tat nicht nachweisen, in dubio pro reo, es gebe keine Zeugen. Er musste lediglich 350 Euro für eine Ohrfeige zahlen, die er zugegeben hatte, und die Tat und die Anzeige wurden eingetragen. Der Frau nach mir hat er das Nasenbein gebrochen.

schulemann*Die Journalistin und Bloggerin (www.mamaberlin.org) Verena Schulemann lebt in Berlin.