Lesen: Je früher, desto besser?

Thomas Life

Viele Kinder interessieren sich von alleine für das Lesen. Foto: Thomas Life, Flickr.com

Wenn ich zurzeit mit meiner sechsjährigen Tochter durch die Stadt spaziere, erinnert mich unser Lauftempo ein wenig an früher, als sie etwa halb so alt war wie heute und jedes Steinchen, jedes Käferchen zum Anlass nahm, anzuhalten und genauer hinzuschauen. Eine gefühlte Ewigkeit lang. Heute sind es die Beschriftungen an Läden oder Bussen, die ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Egal, ob da «Ausverkauf» oder «Wollishofen» steht, alles muss gelesen werden. So standen wir letzte Woche etwa zehn Minuten lang vor einem Coiffeursalon und starrten aufs Schaufenster, während meine Tochter sich mit Worten wie «Hairextensions» abmühte.

Aktiv beigebracht hat ihr das Lesen und Schreiben keiner. Sie hat irgendwann ihren Namen nachgemalt, dann den des Bruders gelernt und sich danach einen Buchstaben nach dem anderen erfragt und diese immer wieder geübt, bis sie schliesslich ganze Worte lesen und schreiben konnte.

Mich fasziniert es, sie dabei zu beobachten, wie sie sich dieses Wissen selber aneignet. Mitzuerleben, mit welchem Eifer sie nun ganze Sätze zu schreiben versucht und wie sie jeweils stolz strahlt, wenn sie ein besonders langes, kompliziertes Wort entziffert hat. Natürlich bin ich selber genauso stolz auf sie. Gleichzeitig habe ich mich auch schon gefragt, ob unser Umfeld womöglich denkt, ich mache zu Hause auf Tigermom und würde sie schon im Kindergartenalter zum Lernen zwingen. Einer Kollegin ist eben dies nämlich passiert: Die Kindergartenlehrerin habe sie richtig zusammengestaucht, weil sie dachte, sie bringe ihrem 5-Jährigen zu Hause schon aktiv das Lesen bei. «Dabei spielten er und sein Bruder einfach während Monaten leidenschaftlich ‹Schüelerlis›, und er lernte so lesen, schreiben und rechnen.»

Möchte ein Kind von sich aus unbedingt lesen und schreiben lernen, sollte man es als Eltern meiner Meinung nach darin unterstützen. Indem man sich genau wie bei anderen Themen die Zeit nimmt, Fragen zu beantworten. Ihm auf seinen Wunsch Buchstaben vorschreibt, Worte vorliest und erklärt, was es mit den Buchstabenfolgen «sch» oder «ei» auf sich hat. Oder sich beim Vorlesen in Geduld übt und das Kind immer wieder mal einen Satz selber lesen lässt.

Regina Kesselring, Kommunikationsleiterin des Zürcher Schulamts, sieht das ähnlich:  «Wenn ein Kind lesen lernen möchte, sollte es nicht daran gehindert werden.» Sie betont jedoch, dass es genauso wenig Sinn mache, ein Kindergartenkind, das noch kein Interesse am Lesen zeige, dazu zu pushen. Caspar Salgo, Schulleiter aus Adliswil, gibt ihr recht und ergänzt, dass dies unnötigen Druck auf die Kinder ausüben und ihnen die Freude an der Sprache verderben könne.

Kann ein Kind schon lesen und schreiben beim Eintritt in die erste Klasse, ist das laut Salgo weder ein Vor- noch ein Nachteil. «Es gibt erste Klassen, da kann die Hälfte der Kinder zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger fliessend lesen», sagt auch Kesselring, «die Lehrpersonen sind darauf vorbereitet und können die bereits lesenden Kinder gemeinsam mit den noch nicht lesenden gut in den Unterricht integrieren.» Es gebe ausserdem diverse Abstufungen zwischen den beiden Polen «lesen können« und «nicht lesen können».

Falsch machen könne man als Eltern von wissbegierigen Junglesern nicht viel, so Kesselring. «Es hilft dem Kind, wenn man die Konsonanten so ausspricht, wie sie tönen. Also ‹b›, ‹d›, ‹f› sagt anstatt ‹be›, ‹de›, ‹ef›», sagt sie. Könne aber ein Kind bereits richtig lesen beim Schuleintritt, so spiele es keine Rolle, wie genau es dies gelernt habe. Der einzige Fehler wäre laut Salgo, zu viel zu verlangen und dem Kind so die Freude an der Sprache zu nehmen: «Sie ist der Schlüssel für das weitere Lernen und nur sehr schwer erneut zu wecken, wenn sie durch übertriebene Frühförderung verschüttet wurde.»