5 Strategien in der Beziehungskrise

Kisser's Embrace

Leidenschaft und Herzflattern: Mit der Partnerin? Oder ist es eine Affäre? Foto: Cristiano Betta/flickr

Die Kollegin hält an ihrer Theorie fest: Das Jahr 2015 sei gar kein gutes Jahr für Paarbeziehungen gewesen. Sie sei mehr als glücklich, dass 2016 nicht mehr weit sei. Nicht nur ihre eigene Beziehung sei «in diesem doch sehr doofen» Jahr in ihren Grundfesten erschüttert worden, nein. Auffallend viele Paare in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis hätten Krisen, Dramen und Trennungen durchlebt. Ich lache und protestiere. Ich bin definitiv die falsche Gesprächspartnerin, um über Interpretationen von Jahreszahlen, «Schwingungen» oder undefinierbaren Himmelserscheinungen zu reden.

Ich erkläre mir die – in der Tat überaus zahlreichen – Beziehungsdramen in ihrem wie auch meinem Umfeld vielmehr mit dem Alter der Protagonisten: Es handelt sich vorwiegend um Männer und Frauen, die Familie haben und zwischen 40 und 50 Jahre alt sind. In diesem Alter sind Paare oft schon zehn und mehr Jahre zusammen und die gemeinsamen Kinder sind aus dem Kleinkindalter raus. Das heisst, sie sind selbständiger, brauchen keine Rundumbetreuung mehr – und die Eltern haben nach den ersten intensiven Jahren wieder ein klein wenig mehr Zeit für sich.

Dabei stellen viele fest, dass sich aus der Liebesbeziehung mit den Jahren vor allem eine Zweckgemeinschaft entwickelt hat. Das gemeinsame Zuhause wurde schleichend zu einer Wohngemeinschaft mit Kind. Der Alltagstrott hat sich breitgemacht; das Paar übernimmt leidenschaftlich gern die Elternrolle – doch das wars dann auch schon mit der gemeinsamen Leidenschaft.

Kann man nach all den Jahren des Funktionierens, des Gute-Freunde-Seins, aber auch des Nebeneinanderher-Lebens die Beziehung wieder aufblühen lassen, fragen sie sich. Soll man endlich einmal – oder einmal mehr – eine gemeinsame Paartherapie machen, um der Beziehung und der Familie nochmals eine Chance zu geben? Oder gehört eine solche Entwicklung der Beziehung einfach dazu, wenn man sich für eine eigene Familie entschieden hat? Dass die Leidenschaft füreinander mit den Jahren natürlicherweise verfliegt, man älter wird – und sich damit zu arrangieren hat?

Interessant ist dabei zu erleben, wie unterschiedlich befreundete Paare damit umgehen, wenn sie sich nicht gleich trennen und einen Schlussstrich ziehen. Folgende Strategien sind dabei auszumachen:

  • Die unausgesprochen offene Beziehung: Herzflattern und Leidenschaft holen sich beide auswärts mit kurzen Affären. Die Eltern gehen getrennt aus. Sie fragen einander nicht, was sie dort tun und wen sie treffen. Man spricht mit engen Freunden darüber, nicht aber mit dem Partner.
  • Die offene Beziehung: Das Paar spricht darüber, auch über seine Affären. Alle wissen davon, ausser den Kindern. Die Eifersuchtsszenen nehmen zu, die Beziehung wird kurzzeitig belebt, doch in der Regel trennen sich Mann und Frau schon bald. Denn oft ist der Wunsch nach dieser Beziehungsform einseitig und einer der beiden leidet höllisch.
  • Die Trennung auf Probe: Der eine (meist der Mann) zieht aus dem Familienheim aus, der andere bleibt mit den Kindern dort wohnen. Das Beziehungs-Time-out kann offenbar Wunder wirken. Nach einigen Monaten gemeinsamer Rendez-vous und zahlreichen Gesprächen ziehen viele wieder zusammen.
  • Die Experimentierer: Beide ziehen aus dem Haus aus, jeder nimmt ein Zimmer in einer nahen WG. Die Kinder bleiben im Familienhaus wohnen und die Eltern kümmern sich abwechslungsweise um sie.
  • Die Pragmatischen: Wer A sagt, muss auch B sagen. Mit getrennten Zimmern, viel Kompensation (shoppen, Ferien, shoppen) und dem Fokus auf die Kinder halten beide die latente Beziehungskrise aus. Viele ziehen eine Änderung der Verhältnisse auch deshalb nicht in Betracht, weil die Angst vor Statusverlust und bedeutenden finanziellen Abstrichen allzu gross ist.

Die Tatsache, dass Kinder ein Härtetest für die Beziehung sein können, lässt sich nicht leugnen. Bei einer langjährigen Untersuchung mit über 200 Paaren gaben 90 Prozent an, mit ihrer Ehe wesentlich unzufriedener zu sein, nachdem das erste Kind zur Welt gekommen war (der Mamablog berichtete). Wobei allerdings auch kinderlose Paare angaben, dass ihre Ehe nach einigen Jahren an Qualität eingebüsst habe.

Was also sollen Eltern tun, um sich als Paar in all den Jahren nicht aus den Augen zu verlieren? Paartherapeutin Franzisca Reist sagt in diesem Zusammenhang etwas eigentlich überaus Simples: Redet miteinander – und zwar täglich. «Am besten von sich, was einen bewegt oder beschäftigt hat, über Gefühle oder Erkenntnisse – es gibt so viele spannende Themen, die nicht zwingend beruflicher Art sein müssen. Auch wenn es nur eine Viertelstunde ist, es ist wichtig, zu wissen, wo der Partner steht und was ihn beschäftigt. Ohne Kommunikation verlieren wir die Nähe in der Beziehung.»