Übermannt von Vaterstolz

Ein Papablog von Beat Camenzind*

Superdads flutet das Internet mit Bildern von ihren tollen Kindern – und sich selber. Foto: Christ's Place (Flickr)

Superdads fluten das Internet mit Bildern von ihren tollen Kindern – und vor allem von sich selber. Foto: Christ’s Place (Flickr)

Es geschah an einem Sonntagnachmittag. Der Winter machte einen auf Herbst, ich hatte meine Tochter zu einem Spaziergang überredet. Wir gingen entlang der Limmat und waren nicht die Einzigen. Wir machten Slalom um Kleinsthunde. Wir wichen auf die Wiese aus, damit eine Mutter ihren riesigen Zwillingskinderwagen vorbeikutschieren konnte, und hüpften zur Seite, wenn Sportler vorbeirollten, -rannten, -robbten.

Und manchmal grüssten wir einfach so Leute, die uns begegneten, um ein wenig Wanderstimmung zu verbreiten. (Das mit dem Grüezi ist da so eine Sache in der Vorstadt: Der Ort ist zu gross, als dass jeder jeden kennen würde und man sowieso grüsst, aber zu klein für so richtige Anonymität. Aber wen nun grüssen? Ich hab mich aufs Reagieren verlegt, was kein guter Ratschlag ist. Denn Alteingesessene erwarten, dass Neuzuzüger zuerst grüssen, glaubs. Und wer das nicht tut, hat schon mal grundsätzlich schlechte Karten. Beim Spazieren aber grüsse ich manchmal einfach alle, ganz laut mit einem fröhlichen Grinsen. Ich nenn das «Kampfgrüezi», und es macht Spass.)

Foto: Clintus (Flickr)

«Hau dem eine rein!», sagt die Stimme im Kopf des Autors. Foto: Clintus (Flickr)

Und dann passierte es: Meine Tochter erzählte mir gerade eine spannende Mobbing-Geschichte aus der Schule. Ich war fasziniert von der Gruppendynamik von Zehnjährigen, wie sie zielsicher den Schwächsten und dessen Macken ausmachten, um darauf herumzuhacken, und was der Schulsozialarbeiter und die Lehrerin dagegen unternahmen.

Ich war so gebannt von der abgeklärten Analyse meiner Tochter (das hat sie von mir!), dass ich ihn erst im allerletzten Moment entgegenkommen sah: den Sonntagnachmittag-Superpapi! Mit breiten Schultern, bolzengeradem Rücken und ausladenden Schritten pflügte er sich durch die Spaziergänger. Er trug seinen fünfjährigen Sohn auf dem Arm wie eine Trophäe. Dazu strahlte er, als wäre der Sohn gerade frisch geschlüpft. Und weil das ganze Gehabe ganz viel Platz braucht, konnte er mir nicht ausweichen: poing, ein Rempler.

Ich spazierte weiter. War noch versunken ins Gespräch mit meiner Tochter. Da hörte ich eine leise Stimme in meinem Kopf: «He, Beat, du bist gerade von einem aufgeblasenen Wichtigtuer angerempelt worden. Hau dem eine rein!» – «Ach so, äh, ja, nö», antwortete ich. Die Stimme nölte noch etwas rum und war dann still. Später, als ich auf einer Parkbank sass, lachte ich darüber: Ich bin gerade von einem Mann beim Spazieren angerempelt worden. Beim Spazieren, nicht im HB Züri. Wo man doch allen Platz und alle Zeit der Welt hat, um problemlos aneinander vorbeizukommen. Wo die Sonne lacht und man Wildfremde grüsst. Aber nein, falsch, der Mann war nicht am Spazieren: Ich habe es gewagt, einem überstolzen Papi über seinen Laufsteg zu spazieren.

Und plötzlich kamen mir ganz viele Geschichten von ganz vielen Papis in den Sinn, die nur noch von ihrem überaus tollen Kind erzählen (und wie es ihnen gleicht) und das Internet mit Bildern von ihrem tollen Kind fluten (und drei Viertel vom Bild füllen sie selber aus). Ich spülte diese Bilder mit einem grossen Bier weg, da kam die Stimme wieder: «Du bist doch genauso! Darum nervst du dich darüber.» – «Noch ein Bier, bitte!»

Was halten Sie von den aufgeblasenen Papis? Und soll man denen sagen, dass sie nicht die Einzigen sind, die Kinder auf die Welt stellen?