Wenn Kinder plötzlich verschwinden

Ein Gastbeitrag von Regula Portillo*

iheitlager

Trotz aller Mahnungen: Kinder gehen bereitwilliger mit Fremden mit, als uns lieb ist. Foto: iheitlager/Flickr

Während mehrerer Wochen hing die Vermisstenmeldung des sechsjährigen Elias in jedem Geschäft Frankfurts, an allen Bushaltestellen – überall. Darauf zu sehen war das Bild eines fröhlichen Jungen, darunter einige Worte zum Sachverhalt und die dringende Bitte, sich bei Hinweisen zum Verbleib des Kindes umgehend bei der Polizei zu melden. Dass die europaweite Suchaktion mit dem Fund von Elias‘ Leiche ein schreckliches Ende genommen hat, ist aus den Medien traurigerweise bekannt.

Auch bei uns zu Hause war Elias oft ein Thema. Unsere beiden Kinder sind seit neustem im lesefähigen Alter, das heisst, sie haben sehr genau verstanden, worum es bei diesem Suchaufruf ging. Dass der Zettel inzwischen abgehängt wurde, ist ihnen bisher nicht aufgefallen – doch es ist bloss eine Frage der Zeit, bis sie es merken und mich darauf ansprechen werden. Bis es so weit ist, denke ich darüber nach, wie und was ich ihnen in dem Moment sagen werde.

Denn dass ein Kind plötzlich verschwinden kann, hat sie sehr beschäftigt, so sehr, dass sie auf einmal Angst bekommen haben, Dinge zu tun, die sie früher mit einer grossen Selbstverständlichkeit getan haben. Im Restaurant gingen sie nicht mehr allein auf die Toilette, wollten nicht selber Brot einkaufen beim Bäcker, und wenn ich schon mal ein paar Schritte vorausging, baten sie mich, bei ihnen zu bleiben. Warum? Weil sie wie Elias verschwinden könnten.

Ich versuchte zu entschärfen: «Habt keine Angst, da passiert schon nichts.» Fügte dann aber doch hin und wieder an, dass sie mit niemandem mitgehen, in kein fremdes Auto steigen dürften, niemals. Dass sie immer Nein sagen und laut schreien sollten, wenn sie sich von jemandem belästigt fühlten. Oder wenn ihnen jemand, den sie nicht kennen würden, Versprechungen machen sollte.
Doch eine Garantie für das Verhalten unserer Kinder haben wir nicht, zumal sie sich in einer solchen Situation ja wahrscheinlich zuerst weder belästigt noch bedroht fühlen – die Gefahr als eine solche zu erkennen, ist nicht leicht.

So gibt es zahlreiche Studien und Versuchsanordnungen, die belegen, dass die meisten Kinder sehr wohl mit Fremden mitgehen, wenn sie von diesen freundlich angeredet und mit dem richtigen Versprechen verführt werden – deshalb drängt sich auch die Frage auf, ob unsere Ermahnungen diesbezüglich überhaupt zu etwas nütze sind oder die Kinder primär nur einschüchtern und in ihrer Selbstsicherheit beeinträchtigen.

Für mich ist es eine Gratwanderung. Denn einerseits muss ich die Kinder auf dieses Szenario (in der Hoffnung, es möge niemals eintreten) vorbereiten, aber andererseits möchte ich nicht, dass sie sich vor fremden Menschen fürchten und überall Gefahren wittern. Schliesslich ermuntere ich sie in anderen Situationen ja auch dazu, Erwachsene anzusprechen und um Hilfe zu bitten.

Die Schule unserer Söhne hat jüngst alle Schüler und Eltern darüber in Kenntnis gesetzt, dass Schülerinnen und Schüler, die 30 Minuten nach Schulbeginn unentschuldigt nicht aufgetaucht und deren Eltern telefonisch nicht erreichbar seien, direkt bei der Polizei gemeldet würden. Da habe ich mich schon gefragt, ob es nicht genügt hätte, nur die Erwachsenen über diese neue Regelung zu informieren. Weil ich fand, dass den Kindern unnötig Angst gemacht wird. Andersherum ist aber auch das Gegenteil naheliegend und von der Schule bestimmt so beabsichtigt, nämlich dass es den Kindern Sicherheit gibt zu wissen, dass sofort nach ihnen gesucht werden würde, falls sie mal nicht erscheinen sollten. Vielleicht hält es das eine oder andere Kind auch dazu an, auf dem Schulweg nicht zu trödeln (wobei da das Druckmittel «Polizei» wiederum etwas fragwürdig wäre).

So sehr wir es uns auch anders wünschen – es geschehen Dinge um uns herum, die niemals geschehen dürften, Dinge, die unser Grundvertrauen in die Gesellschaft für einen Moment infrage stellen und erschüttern.

Portrait Regula Portillo*Regula Portillo studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Freiburg. Vor, während und nach dem Studium verbrachte sie mehrere Jahre in Norwegen, Nicaragua und Mexiko. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Frankfurt am Main und arbeitet als freie Texterin und Autorin.