Sturmfrei!!!

Nelli und Lea in Sturmfrei. (KiKA/FEEDMEE)

Mama und Papa haben eine Auszeit: Nelli und Lea in «Sturmfrei». (KiKA/FEEDMEE)

Ein Augenangriff. Ganz klar. Vier braunschimmernde Bambi-Glubscherchen mit beeindruckendem Wimpernkranz strahlen mich an. Meine Kinder. Die etwas wollen.

Gut, habe ich mehr als vierzehn Jahre hartes Abwehrtraining gegen diesen Killerblick hinter mir. Aber ab und zu falle ich immer noch darauf herein. Will es. Ist ja auch schön.

Aktueller Anlass für diese Wimperklimperattacke war eine harmlose Frage: Ich wollte wissen, ob es okay wäre, rein theoretisch, wenn mein Mann und ich für zwei Tage in die Berge fahren würden. Die Kinder nickten. Ihre Augen auch. Ob sie mitkommen wollten, fragte ich natürlich auch, ehrlich gesagt nur dem schieren Anstand zuliebe. Nicht aus einem inneren Bedürfnis heraus. Das Haus im Tessin ist nun mal eher klein und vor allem ohne Privatsphäre.

Die Bambis sagten: «Nein, nein, das ist schon gut.» Und ich war froh. Nun musste ich, wie es das Protokoll zwischen Eltern und Teenagern verlangte, natürlich auch fragen, ob es wirklich okay wäre, wenn ich und mein Mann und sie in diesem Fall zwei Tage ganz allein liessen. Wieder Bambinicken.

Gut. Es war Zeit, offen miteinander zu reden. «Sagt ihr das jetzt, weil ihr so nett seid und findet, der arme Papa und ich brauchen mal ein Time-out? Oder freut ihr euch sogar allenfalls darauf, sturmfrei zu haben. Ich will die Wahrheit wissen.» Immerhin sind sie ja noch nicht so richtig gross. Zumindest in meinen Augen.

Sofort schalteten die Noch-nicht-so-Grossen in die höchste Bambistufe. Ein immer breiteres Grinsen dehnte sich auf ihren Gesichtern aus, man konnte schon Gott danken, dass ihre obere Kopfhälften nicht nach hinten klappten, so weit klafften die Münder in unverhohlen gieriger Vorfreude. Dann das Anstandssätzchen: «Mama, nimms nicht persönlich. Wir haben dich wirklich gern. Aber ja, es würde uns extrem freuen, wenn ihr weggeht und uns allein lasst.»

Nein, liebe Kinder, ich nahm es nicht persönlich und enttäuscht war ich auch kein Quäntchen. Nur fast erschüttert darüber, wie erleichtert und glücklich ich war, wie laut es in mir frohlockte, dass wir zu zweit wegfahren würden und die Kleinen endlich so gross sind und die Freiheit wiederkommt.

Aber dann, nach dem ersten Rausch, beunruhigten mich diese Grinsegesichter mit dem vorsätzlich harmlosen Schimmerblick doch ein wenig. So richtig vertrauenserweckend sah das irgendwie nicht aus. Also das Frohlocken etwas dimmen und wieder die Mama herauskehren: «Gell, ihr macht dann keinen Seich!?»

Bambi-Synchronsprech: «Maaaaaama, nur weil du früher so viel Mist gebaut hast, heisst das noch lange nicht, dass auch wir so blöd sind. Du kannst uns voll vertrauen, Eh-ren-wort

Gut pariert, Bambis. Ich versuche es. Aber mit jedem Tag, den das Wochenende näher rückt, kommt eine Sicherheitsmassnahme mehr hinzu: Die Kinder sollen sich gegenseitig sagen, mit wem sie wie lang wohin gehen und sich daran halten, so verbindlich, als wäre ich daheim. Dabei weiss ich ehrlich gesagt nicht recht, ob ich mir wünschen soll, dass sie petzen, wenn einer es nicht tut, oder ob mir der gute Zusammenhalt zwischen den beiden wichtiger ist.

Drum dann doch noch rasch die Nachbarin informieren, nur so als Back-up.

Aber bei allen Bedenken gebe ich zu: Ich habe mir schon wesentlich grössere Sorgen gemacht als jetzt. Höchstwahrscheinlich kommt sie noch, die Zeit, in der sie bekifft, besoffen, grössenwahnsinnig und lebenshungrig das ganze Haus in Beschlag nehmen werden, in dem wir eigentlich nur eine einzelne Wohnung gemietet haben. Das habe ich nun schon zu oft mit Nachbarkids erlebt, als dass ich dieses mögliche Szenario völlig ignorieren könnte. Aber noch tanzen wir ja behutsam den Bambi-Reigen.

Und so ganz ohne Unbehagen wird es auch jetzt kaum verlaufen. Vielleicht sind dann die Handys ständig aus («Akku, du weisst, und Guthaben und Empfang und so») oder sie rufen ständig an («Duhu, Mama, wo hats noch Butter und WC-Papier?»).

Einmal mehr denke ich, dass es wirklich keinen Sinn macht, über Vergangenes oder Zukünftiges zu grübeln. Jetzt ist jetzt. Eine Binsenwahrheit, einfacher zu kapieren als das kleine Einmaleins und doch schwieriger mit Leben zu erfüllen als eine Bankschalterhalle. Zumindest für abendländische Kontrollfreaks wie mich.

Aber diesmal will der abendländische Kontrollfreak voll und ganz auf die Bambi-Augen hereinfallen, sich freuen, sich erholen, sich nicht sorgen und nur reagieren statt schon vorgreifen.