Iss doch, wie du willst!

Ein Papablog von Markus Tschannen*

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Ist es wirklich soooo wichtig, am Tisch den Knigge-Regeln zu folgen? Wenns doch bloss schmeckt. Foto: flickr.com

Mein Chef wollte mich vor einiger Zeit in einen Benimmkurs schicken. Weil die richtigen Umgangsformen so wichtig seien. Mir ist vor Schreck fast der Kaugummi in den Business-Lunch gefallen. Empört, aber höflich habe ich abgelehnt.

Zugegeben, insbesondere meine Essmanieren lassen zu wünschen übrig. Ich kratze mich mit der Gabel am Hintern, während ich grunzend das Messer ablecke. Nein, so schlimm ist es natürlich nicht. Aber es lässt sich auch nicht verbergen: Ich halte das Besteck falsch, sitze eher bequem als aufrecht und würde mir nie die Serviette in den Schoss legen. Wenn ich schon kein Wolf bin, dann wenigstens eine kleine Wildsau. Das hat mehrere Gründe:

• Meine Eltern haben mir zwar grundlegenden Anstand beigebracht, aber keinen Wert auf hohe Standards gelegt. Das mag der Herkunft geschuldet sein. Wir fuhren auch nicht mit dem Privatjet ins Nobelrestaurant nach Saint-Tropez, sondern mit dem Traktor zum Picknick in den Wald.

• Als Vegetarier seit Kindheit benötige ich fast nie ein Messer. Ich kann daher die Gabel nicht links halten. Selbst dann nicht, wenn ich doch mal ein Messer benutzen muss. Das Messer kann ich dummerweise auch nicht links halten. Ich hoffe, es entstehen schöne Bilder in Ihrem Kopf.

Ich will mein Essen geniessen. Wenn ich auf meine Körperhaltung achten muss, dann fühle ich mich rasch unwohl.

Trotz teilweiser Unfähigkeit ist meine Ignoranz grösstenteils willentlich. Ich sehe hinter vielen Benimmregeln keinen Sinn. Weshalb soll es eine Rolle spielen, wer in welcher Reihenfolge einen Raum betritt und wer wem zuerst die Hand reicht? Diese Regeln bieten keinen praktischen Nutzen. Sie sind historisch begründet und dienen heute einzig der Ehrerbietung. Aber echte Wertschätzung erbringt man mit selbstbestimmten Taten, nicht mit Regeln aus einem Buch oder einem Kurs. Höflichkeit macht nur vordergründig gute Menschen. Hinter der wohlerzogenen Fassade kann sich ein schlechter Mensch besonders leicht verstecken.

Als Erwachsener kann ich mich natürlich benehmen, wie ich will. Doch an welche Verhaltensregeln soll sich mein kleiner Brecht halten? Ich kann ihn nicht strenger erziehen als mich selber. Und doch will ich ihn für die Welt da draussen befähigen. Ich habe mir also wieder einmal zwei Erziehungsgrundsätze zurechtgelegt:

1. Empathie kommt vor Benimm: Ich will dem Brecht vermitteln, dass Werte wie Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Vertrauen wichtiger sind als starre Regeln aus vergangenen Jahrhunderten.

2. Regeln kennen und sie selbstbestimmt anwenden oder ignorieren: Der Brecht soll um die grundlegenden Anstandsregeln Bescheid wissen, muss aber diejenigen ohne erkennbaren praktischen Nutzen in meinem Beisein nicht anwenden. Natürlich lernt er auch, dass er damit die Erwartungen anderer Menschen enttäuschen kann.

Sind alle Anstandsregeln sinnlos? Natürlich nicht. Sich zum Niesen wegdrehen, anderen die Tür aufhalten und im Bus älteren Menschen den Platz anbieten – da deckt sich sinnvolles empathisches Verhalten mit gängiger Benimmlehre. Aber wenn der Brecht seinen Löffel links und die Gabel wie einen Hammer halten will, dann fügt er damit niemandem Schaden zu. Und auch wenn er im Restaurant seinen Arm auf den Tisch abstützt, dann werde ich ihn nicht zurechtweisen. So viel Selbstbestimmung gönne ich meinem Kind.

Will ich mit diesem Vorgehen speziell oder cool sein? Nein, ganz ehrlich nicht. Schwör! Ich versuche im besten Wissen und Gewissen die richtigen Erziehungsschwerpunkte zu setzen. Sie dürfen mich mit guten Argumenten gerne umstimmen. Kurz nachdem ich irgendwelche Erziehungsgrundsätze aufgestellt habe, beginne ich nämlich regelmässig, an ihnen zu zweifeln. Und vielleicht bin ich auch nicht komplett unglücklich, wenn meine Frau dem Brecht beibringt, sein Besteck richtig zu halten.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

105 Kommentare zu «Iss doch, wie du willst!»

  • Michèle sagt:

    Ich hatte vor 10 Jahren ein Date – wieso ich mich daran so gut erinnern kann? Es war mir richtiggehend peinlich mit ihm am Tisch zu sitzen – Der Mann hatte so was von keine Tischmanieren. Schade eigentlich, denn als ich ihn kennenlernte war er mir sehr sympathisch. Er war intelligent, witzig, und seine unkonventionelle Art fand ich toll. Bis ich mit ihm in einem Restaurant sass. Er hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gelegt, umfasste mit der einen Hand den Teller und schaufelte sich mit der anderen die Speisen in seinen Mund, laut schmatzend, das Gesicht fast im Teller. Ich war so was von baff – und wusste nicht was ich sagen soll. Ich habe mich nie wieder mit ihm getroffen.
    Ich bin keine Spiesserin – aber lernen Sie Ihren Sohn doch bitte ein minimum an Tischmanieren… seinetwillen.

  • Wer seinem Kind grundlegende Manieren und Benimmregeln nicht beibringt, verbaut ihm – schlicht und einfach – eine Menge Zukunft. Ich würde für mein Büro (Werbeagentur = wenig Spießerverdacht) niemanden einstellen, der nichtmals sein Besteck richtig halten kann und der auch sonst eher keine „Umgangsformen“ hat. So einfach ist das.

    Und so einfach kann es auch sein, es den Kindern beizubringen! Ich kenne jedenfalls niemanden, der in Therapie mußte, weil er dem Joch des Tischmanieren-Lernens nicht entgehen konnte. 😉

  • gabi sagt:

    Wer sich benehmen kann, kann sich benehmen wie er will.

    Seinem Kind eine Fertigkeit vor zu enthalten (um nichts Anderes handelt es sich auch bei Benimm) ist nichts, das man sich dann – der Faulheit halber – auch noch zur besseren Erziehungsform verklären sollte.

    Es ist schlicht ein Manko, wenn´s die Kinder nicht können. Denn mit den Manieren verhält es sich genau gleich, wie mit dem Dummstellen: Klug sein und dummstellen ist einfach. Klugstellen klappt dagegen nicht.

    Grundlegende Tischmanieren kann ich mir nicht einfach mal schnell für ne halbe Stunde angewöhnen. Weder für Gastgeber, noch fürs Resti, noch für Geschäftspartner oder Vorgesetzte, in deren Wertung und Beurteilung diese Kategorie durchaus einfliessen kann.

    Dagegen kann ich durchaus auch mit blossen Händen essen oder das Besteck verkehrt halten, wenn ich Lust dazu habe, obwohl ich Tischmanieren erlernt habe.

    Darum macht es schlicht Sinn, dies als etwas ganz Natürliches vermittelt zu kriegen, wenn es einem leicht fällt: Als Kind nämlich.

    Geschieht dies nicht, wird es später heissen: „Ich will mein Essen geniessen. Wenn ich auf meine Körperhaltung achten muss, dann fühle ich mich rasch unwohl.“

    Genau. Weil man sich eben verkrampt drauf konzentrieren muss, anstatt es als etwas Verinnerlichtes zu können.

    Insofern ist der Autor sowieso ungeeignet darüber zu sinnieren, wie oder ob er Tischmanieren vermitteln soll: Er hat sie offenbar nicht früh und gut genug vermittelt gekriegt um – im wörtlichen Sinne – unverkrampft darüber zu schreiben.

  • Ali Benasem sagt:

    Meine Güte Herr Tschannen, Sie sind aber ein ganz besonderes Schneeflöcklein. Es würde mich wundernehmen was Sie qualifiziert Benimmregeln in sinnvolle und sinnlose zu unterscheiden. Oder geht es schlussendlich doch nur darum möglichst asozial zu sein weil Sie einfach ein Egozentriker sind? Glauben Sie wirklich, dass alles neu erfunden werden muss, dass Benimmregeln veraltet sind nur weil es sie schon länger gibt? Ich verstehe ja, dass Teenager immer einen gewissen Kulturrevisionismus betreiben müssen, aber erwachsene Menschen? Wirklich?

    Und ganz bestimmt wollen Sie durch dieses Verhalten nicht speziell oder cool sein neeeeeein….Ohhh the edge, be careful and don’t cut yourself!

    Protip: Benimmregeln regeln das Miteinander und sind Ausdruck von Kultur. Kindern geben sie die Sicherheit das Richtige im richtigen Augenblick zu tun um nicht als Sonderlinge dazustehen. Kinder wollen das übrigens, hauptsächlich weil sie nämlich nicht hipster-edgy sondern akzeptiert sein und sich dazugehörig fühlen wollen.

  • Carolina sagt:

    Habe gerade gestern etwas erlebt, was mMn hierher passt: die jetzt erwachsenen Kinder von Freunden, die unsere Kinder immer gehütet haben und auch jetzt noch eng mit ihnen verbunden sind, waren zu Besuch und in grosser Runde mussten mein Mann und ich (mal wieder) feststellen, dass man sich so manche Aufregung und auch Regeldiskussion vielleicht sparen könnte:
    über beide haben wir uns früher aufgeregt, weil ihre Eltern der Ansicht waren, sie wollten keine Grüssauguste, sondern die Kinder sollten selber herausfinden, was gut für sie wäre, was nicht. Also: am Tisch wurde herumgetobt, es wurde nicht gegrüsst, sich nicht bedankt für Geschenke etc etc. Beide sind zu äusserst liebenswürdigen, humorvollen und mitfühlenden Erwachsenen geworden – man kann mit ihnen sogar über die Vergangenheit lachen (und sie sehen die Dinge anders als ihre Eltern, was ich noch lustig fand).
    Wahrscheinlich liegt mal wieder das Fazit darin, dass wir uns so manche Aufreger sparen können, denn (die allermeisten) Kinder finden ihren Weg, auch wenn man ihnen keine genauen Vorgaben macht. Auch für mich immer wieder interessant, dass man mit Gelassenheit und einer guten Prise Humor auch ziemlich weit bei der Kindererziehung kommen kann!

    • Sportpapi sagt:

      @Caro: Die Frage ist aber, weshalb sie das nun doch anders sehen als ihre Eltern. Wo sie es doch noch gelernt haben. Bzw. bei wem. Hat vielleicht jemand anderer nacherziehen müssen? Die Schule? Oder ist das einfach von selbst gekommen?

  • Schlumpfine sagt:

    Egal, wie Brecht einst Messer und Gabel halten wird, ein glückliches Kind ist sie ganz bestimmt. Herr Tschannen, Sie schiessen mit Ihren Texten immer wieder den Vogel ab. So guet! 😀

  • Jan sagt:

    Herr Tschannen, mit dem Satz „als Erwachsener kann ich mich natürlich benehmen wie ich will“ liegen Sie meiner Meinung nach schon ziemlich daneben. Eben nicht! Die Welt ist bereits überbevölkert von ach so nonkonformistischen Individuen, die genau das denken. Und warum schliessen sich Empathie und Anstand aus? Weil Anstand „historisch begründet“ ist!? Ich denke, Sie tun Ihrem Brecht einen grossen Gefallen, ihm die elementaren Benimmregeln beizubringen (und fragen Sie mich jetzt bitte nicht, welche das sind, denn wenn Sie’s nicht wissen, wird’s höchste Zeit, dass Sie dem Rat Ihres Chef’s Folge leisten). Und noch was: Sie können die Gabel links nicht halten? Dann lernen Sie’s doch, um Gottes Willen, Sie sind ja nicht 80 Jahre alt. Und wenn Sie denken, dass das Ihren Genuss beim Essen beeinträchtigt, kann ich Sie beruhigen, Sie sitzen nur an einem Tisch und befinden sich nicht auf der Tanzfläche oder im Swingerclub.

    • Herzlichen Dank für Ihre Einschätzung. Sie haben meinen Beitrag etwas einseitig verstanden. Auf der anderen Seite kann ich Ihnen das schlecht vorwerfen, ich hätte es beim Schreiben ja in der Hand gehabt, meine Botschaft klarer auszudrücken.

  • Priska sagt:

    hahaaa…. ich hätte ja nie gedacht, dass es noch jenanden gibt, der das Gabel-und-Messer-geht-nur-rechts-Gstürm auch hat :o)

    Hab ich zwar bisher nie auf meine Vegi-Vergangenheit zurückgeführt… werd ich aber ab jetzt so kundtun… nämlech!

    • Danke. Das mit der Vegi-Vergangenheit ist eine wilde Theorie. So ganz genau weiss ich auch nicht, woher die Linksbesteck-Schwäche kommt.

      • Nala Rubischon sagt:

        Ich bin häufig in „teuren“ Etablissements unterwegs und ganz ehrlich, es würde wohl niemand stören, wenn man Messer und Gabel falsch herum hält. Sind halt einfach falsch angeordnet wenn man sich hinsetzt. Mich würd das jedenfalls nicht stören, zumindest sicher weniger, als wenn die Tischgäste schmatzen, schlürfen und mit vollem Mund sprechen.

        Uebrigens ist mir aufgefallen, dass englische Gäste zwar die Gabel korrekt halten, aber das Essen auf den „Rücken“ der Gabel schaufeln. Da war ich dann doch etwas verwirrt. Es müsste aber was kulturelles sein, denn es waren verschiedene englische Gäste, die sich auf keinen Fall kannten, geschweige denn aus derselben Familie kamen.

  • Kniggerin sagt:

    Herr Tschannen, es scheint mir fast ein bitzeli so, dass Sie da aus einer Not eine Tugend machen. Das finde ich jetzt schon nicht soooo überzeugend.
    Ich pflichte hingegen sofort bei: Konventionen kritisch hinterfragen schadet überhauptgarnie! Konventionen im Zweifelsfalle ganz unverkrampft und selbstverständlich einhalten können aber definitiv auch nicht. Und Ihre Grundregel für den Benimm (das mit dem Nutzen) – ich bin also schampar froh, wenn meine höflichen Mitmenschen z.B. ihre Körpergeräusche ganz nutzlos trotzdem weitgehend für sich behalten. In dem Sinne: Danke an alle Freunde des (Minimal-)Benimms.

    • Ertappt. Dass ich aus der Not eine Tugend mache, trifft sicher zu einem gewissen Grad zu. Auch Ihre zweite Aussage unterschreibe ich. Dass der Verzicht auf einzelne Anstandsregeln immer gleich mit Körpergeräuschen assoziiert wird, das verstehe ich hingegen nicht.

  • Solange sagt:

    Liest man die Kommentare hier, darf man damit rechnen, dass a) die kleine Brecht wie alle Kinder beste Chancen hat, mal in erstklassigen Kreisen zu verkehren und b) dass sie, dort grandios scheitern wird, wenn sie nicht einen Professor Henry Higgins trifft, der ihr nachträglich die notwendigen (Tisch)manieren beibringt. Um das arme Kind nicht in diese Situation zu bringen, gibt es nur eines Herr Tschannen, melden sie Brecht umgehend für einen Kleinkindknigge-Kurs an und angesichts der Globalisierung zusätzlich für’s Essstäbchen-Training, auf dass sie dereinst eine gute Figur macht, sollte sie mal an einem Dinner auf hier schreibende Blogger treffen.

  • Paul Meier sagt:

    Nun, es ist natürlich jedem selber überlassen, wie er/sie sich benehmen will. Abei in der „realen“ Welt werden ab einem gewissen Niveau gewisse Benimmregeln erwartet. Und all die Alternativen, die sich lieber benehmen wie es ihnen gerade passt sollten dann halt nicht erstaunt sein, wenn ihnen da oder dort Beförderungen, die sie erwartet und wohl gar verdient hätten, verwehrt bleiben! Can’t have the cake and eat it!

  • Hans sagt:

    Ich wäre jedenfalls froh gewesen, hätte ich gewusst, wie mich in gekniggten Kreisen zu bewegen habe, bevor ich die Verwandtschaft meiner Frau kennenlernte. Da wäre ich dann heute auch ein bisschen sicherer auf diesem gesellschaftlichen Parkett. Aber da ich es nicht als Kind eingeimpft bekam, ist es heute jedesmal ein Kampf… für meine Frau hingegen überhaupt nicht, für sie ist es normal (und sie kann die Anlässe geniessen).
    Nun können Sie ja selbst entscheiden, wie sich ihr Brecht mal fühlen soll, wenn er einen Prinzen mit Schloss heiratet…

  • Christina sagt:

    Der Kaugummi fiel Ihnen fast in den Business-Lunch?? Gehen Sie tatsächlich mit einem Kaugummi an eine Besprechung mit Ihrem Chef oder an den Esstisch? Als Chefin hat mich das immer gestört. Und wenn dann noch so hingebungsvoll gekaut wird, während ich etwas erkläre… Solche Signale teilen mit, dass man den Gesprächspartner gegenüber nicht ganz ernst nimmt. Vielleicht brauchen Sie doch einen Knigge für den Umgang mit Kaugummi.

    • Tina Balmer sagt:

      Das ist gewollte Ironie, und doch – ich bin erstaunt wo, wie oft und mit welcher Offensichtlichkeit Kaugummi „kätschet“ wird. Besonders befremdlich sind die (oft erwachsenen!) Wesen, welche mit offenem Mund kauen und immer wieder den Kaugummi im Mund knallen lassen. Grauenhaft. Ebenfalls ein Highlight – der junge Stellenbewerber, der während des Gesprächs seine Fingergelenke knacken liess und danach auf dem Vorplatz der Firma auf den Boden spuckte. Es gab kein Zweitgespräch, Nacherziehung ist nicht unser Metier.

  • Hans Hintermeier sagt:

    Ich denke auch, dass es nützlich sein kann, mit diesen Etiketten zu spielen (sie also auch zu beherrschen, wenn es angebracht ist), dafür darf man sie aber mMn auch nicht zu ernst nehmen, vor allem nicht im privaten Rahmen (da nicht zu viel hineininterpretieren). Finde die Intention des Autors deshalb eigentlich gut, dass er seine Kinder dazu ermutigt, vor allem Wert auf das „Sein“ zu legen und den „Schein/die Show“ zu hinterfragen (Zweck von übertriebenen Kniggeregeln ist vor allem auch, dass die „Oberschicht“ sich damit elitär abgrenzen kann gegen „unten“, man fühlt sich gerne als etwas Besseres). Den Habitus von wirklich reichen Leuten zu imitieren gelingt den wenigsten „Neureichen/Yuppies“, finde es dann noch peinlicher, wenn man/frau unbedingt dazugehören möchte und man das schon von Weitem sieht. Wenn man nur auf das „Wie“ des Essens achtet, verliert man auch oft schnell das „Was“ aus den Augen. Das „Was“ dünkt mich auch wichtig bezüglich Zivilisiertheit (z.B. Hummer bei lebendigem Leibe zu kochen finde ich noch weniger zivilisiert, als mal die falsche Gabel zu erwischen!).

  • cyberbull sagt:

    Viel mehr als faule Ausreden für das eigene schlechte Benehmen finde ich in diesem Beitrag nicht. Traurig daran ist für mich, dass der Sohn zur Rechtfertigung der Defizite des Vaters nun seinerseits nicht die verdiente Chance erhalten soll, ein Verhalten zu erlernen, das ihm Wohlwollen und Respekt der Gesellschaft um ihn herum bringen kann anstatt Kopfschütteln und Irritation. Zum Glück wird er merken, dass man sich Anstand und Benimm durchaus auch noch als Erwachsener selber beibringen kann, obwohl der Vater dazu scheinbar zu faul ist – es ist einfach dann aufwendiger.

  • Synn sagt:

    Habe erst jetzt die anderen Kommentare gelesen und frage mich ob die meisten den Blog wirklich genau gelesen haben? Ich interpretiere diesen nicht so, dass für Klein Brecht keine (Tisch-)regeln gelten, bloss halt etwas differenzierter als bei den meisten 😉

  • Synn sagt:

    Markus Tschannen, als mehrheitlich nur lesende und selten kommentierende Leserin dieses Blogs greife ich heute doch mal in die Tasten um Ihnen ein Riesenkompliment für Ihre Schreibe zu machen. Immer sehr amüsant und süffig zu lesen, ohne Inhalte zu vernachlässigen! Der heutige Beitrag hat es mir besonders angetan, stimme 100% dazu – und nehme es als Erinnerung vermehrt am Tisch mal 5 gerade sein zu lassen. Alles Gute!

  • Anh Toàn sagt:

    Wenn Manieren (und Kleider) Leute machen
    so doch nur Helden für einen Tag
    Es braucht einen ganzen Menschen
    sich lächerlich zu machen
    und über die Ignoranz der Lachenden zu lächeln.

    (Frei nach Sting: Englishman in New York)

    • Marga sagt:

      Am Toten Meer. Hotel Mövenpick. Wir in etwas gediegenen Kleidern am Abend. Dann kam der Haufen an in kurzen Hosen und Sandalen , wühlten mit Fingern in Schüsseln und Salat, fraßen die Pommes schon am Buffet, kippten alles durcheinander zum schiefen Turm von Pisa und stießen von hinten uns mit den aufgetürmten, heißen und fettigen Esswaren in den Rücken. Wahrhaft ein Erlebnis damals…….. Frage mich noch heute, warum wir Tischmanieren lernen mussten hahahaha

      • Anh Toàn sagt:

        @Marga

        Immerhin haben Sie jetzt dank dieser Unmanierlichen etwas zu erzählen, Sie haben etwas erlebt.

        Ich Schelm gewinne sogar den Eindruck, Sie können sich dank Ihrer Manieren etwas besser fühlen.

  • Vielen Dank für die bisherigen Kommentare. Die Diskussion ist wie immer spannend und das Verdikt für einmal ziemlich eindeutig. Wer die negativste Lesart meines Beitrags wählte, den kann ich an dieser Stelle beruhigen: Natürlich esse ich nicht wie ein „Schwein/Waldbewohner/Höhlenmensch“ und ganz wichtig: Ich will dem Brecht nicht vorenthalten, wie man in Gesellschaft miteinander umgeht. Gut möglich, dass ich nach dem heutigen Tag die Höflichkeit etwas höher priorisieren werde. Das Thema Umgangsformen finde ich aus (volks)philosophischer Sicht aber trotzdem diskussionswürdig: Wo ist die Grenze zwischen Respekt und Abgrenzung? Wie spezifisch sollten Umgangsformen sein? Welcher Nutzen sollte ihnen zugrunde liegen, um sie zu legitimieren?

    • Tobias sagt:

      Ihre (volks)philosophischen Fragen in Ehren, nur: So was hinterfragt man normalerweise in der Pubertät und danach weiss man es oder eben nicht.

      Der Vorschlag Ihres Chef, einen Benimmkurs zu besuchen, war wohl nur eine höfliche und diskrete Aufforderung, endlich mal erwachsen zu werden.

      • Vielleicht war es das. Tja nun, ich wollte sowieso nie erwachsen werden.

      • ABCDEFG sagt:

        @Tschannen: Es kommt aber spätestens in der Pubertät der Zeitpunkt, an denen den Jugendlichen nichts so sehr auf den Wecker geht wie Erwachsene, die krampfhaft einen auf heranwachsenden Kumpel machen. Wenn Sie dann noch als „cool“ ‚rüberkommen wollen, empfiehlt sich dann doch, erwachsen zu werden. – Entwicklungspsychologisch ist das auch sinnvoll: Jugendliche suchen in Erwachsenen nach Orientierung, nicht nach Spiegelung ihrer selbst.

      • Einverstanden. Cool war ich zum Glück auch noch nie.

  • Flo sagt:

    Na, ich finde ein bisschen Benimm kann nie schaden!
    Und wenn ich von Kind an gewohnt bin mich aufrecht an den tisch zusetzen, dann ist mir auch als Jugendlicher/Erwachsener nicht unwohl wenn ich es tue.
    Zudem bin ich der Meinung das es nicht eine Frage der Herkunft ist ob, oder ob nicht ein minimales Benhemen gezeigt wird.
    Wenn ich macnhmal erwachsenen Menschen beim Essen im Restaurant zusehe dann überkommt mich schlicht das Grauen. Besteck, so könnte man meinen, sei eine Waffe oder ein Garten- oder Stallwerkzeug. Und wenn dann der/die EsserInn wie ein Sack über dem Teller hängt, also dann hört für mich das Verständnis auf.
    Genau so lächerlich und völlig daneben sind die extrem abgespreizten kleinen Finger, die viele oft als d a s Zeichen von guten Tischmaniern halten.

    • Lichtblau sagt:

      Ganz Ihrer Meinung. Zudem braucht es für das Vermitteln verträglicher Manieren nicht mehr als ein paar Sätze im richtigen Kindesalter und das eigene Vorbild. Anständig zu essen hat für mich auch mit natürlicher Anmut und Haltung zu tun. Und kommt immer vollkommen locker daher. Warum sollte das ausgerechnet der/die/das Brecht nicht mit links schaffen?

      • Wenn es so einfach wäre... sagt:

        … mit den paar Sätzen im Kindesalter…
        meinereiner sagt Nr. 1 seit 6 Jahren bei JEDER Mahlzeit: setz dich richtig hin, nicht schmatzen/tisch ablecken/Finger an Hose schmieren/*insert beliebige Tischregel.
        Hats was gebracht? Nein, bis jetzt nicht.
        Nr. 2 hingegen hat noch nicht ein einziges Mal ermahnt werden müssen, anständig zu essen.

  • Hans Hintermeier sagt:

    Ich denke auch, dass es nützlich sein kann, mit diesen Etiketten zu spielen (sie also auch zu beherrschen, wenn es angebracht ist), dafür darf man sie aber mMn auch nicht zu ernst nehmen, vor allem nicht im privaten Rahmen. Finde die Intention des Autors deshalb eigentlich gut, dass er seine Kinder dazu ermutigt vor allem Wert auf das „Sein“ zu legen und den „Schein“ zu hinterfragen (Zweck von übertriebenen Kniggeregeln ist vor allem auch, dass die „Oberschicht“ sich damit elitär abgrenzen kann gegen „unten“). Den Habitus von reichen Leuten zu imitieren gelingt den wenigsten „Neureichen/Yuppies“, finde es dann noch peinlicher, wenn man/frau unbedingt dazugehören möchte und man es schon von Weitem sieht, dass sie eigentlich da nicht hingehören.
    Wenn man nur auf das „Wie“ des Essens achtet, verliert man auch oft schnell das „Was“ aus den Augen. Das „Was“ dünkt mich auch wichtig bezüglich Zivilisiertheit (z.B. Hummer bei lebendigem Leibe zu kochen finde ich barbarischer, als mal die falsche Gabel zu nehmen!).

    • Hans Hintermeier sagt:

      Zweck von übertriebenen Kniggeregeln ist vor allem, dass die „Oberschicht“ sich damit elitär abgrenzen kann gegen „unten“. Will heissen, man/frau fühlt sich dadurch gerne als etwas Besseres, was man durchaus in Frage stellen kann. (Ich meine hiermit explizit nicht das „Schmatzen, Kaugummikauen, ungerade Sitzen usw.)

  • Lucrecia sagt:

    Mein Mann ist in einem Bauernhof aufgewachsen und dort hat ihn niemand erzogen, eher „wachsen lassen“ (auch, weil die Mutter psychisch angeschlagen war, es soll keine Pauschalisierung aller Bauernfamilien sein). Ich hingegen wurde als Kind so erzogen, als gehörte ich einer adeligen Familie, obwohl wir eigentlich eine ganz normale Mittelschicht-Familie waren.
    Mein Mann ist ein Traum, in fast jeder Hinsicht besser als ich jemals gehofft hatte, aber ich hasse es, wie viel Lärm er beim Essen macht. Dass er Messer und Gabel mit der ganzen Hand hält und dabei die Ellbogen breit hochhält, sich zum Teller bückt und so schnell isst, dass man meinen könnte, er habe Angst, dass man ihm den Teller wegnimmt, dass er gerne das Messer leckt, daran habe ich mich (fast) gewöhnt. Aber, dass er beim Suppenessen jeweils laut einatmen muss (*slurp*), selbst wenn die Suppe nur lauwarm ist, und dann jedesmal laut mit dem Löffel gegen das Geschirr schlägt (*ting*), selbst wenn die Schale noch ganz voll ist, so dass es sich dann so anhört wie *ting* *ti-ting* *SLURP* *ting* *täng* *ting* *SLURP* usw., daran habe ich mich in der ganzen Zeit nie gewöhnen können. Ich versuche es mit Humor zu nehmen, aber ehrlich gesagt geht es mir wirklich auf die Nerven. Und vor allem denke ich: Werden meine Kinder von mir oder von ihm lernen? Wie laut wird es denn sein, wenn alle am Tisch gleichzeitig so viel Lärm machen?! 🙂
    Einige Benimmregeln finde ich gar nicht so oberflächlich: Zum Beispiel, dass man wartet, bis jeder am Tisch sitzt (insbesondere derjenige, der gekocht hat), bevor man anfängt zu essen. Oder, dass man wartet, bis alle den ersten Teller aufgegessen haben, bevor man den Rest verteilt.

    • AnnaK sagt:

      Das könnte fast mein Mann sein, den Sie da schildern. Und mich nervt das Tischverhalten ebenso auf…

      @Herr Tschannen wie immer hat Ihr Text mich zum Schmunzeln gebracht! Also DANKE!

      Dennoch würde ich dem Kinde die Werte beibringen. Finde ihre kritische Haltung aber sehr sinnvoll!

      Bloss hat es ihr Kind im Leben später leichter, wenn es weiss, was sich wo gehört. Ob es sich dann daran halten will oder nicht, ist seine Entscheidung. aber ein Mensch, der sich aus seinen guten Gründen nicht an die „Regeln“ hält ist viel stärker als einer der nicht einmal merkt, dass er Regeln bricht, weil sie ihm zu Hause nicht beigebracht worden sind.

    • Nala Rubischon sagt:

      Ohje ja das ist ja ganz übel. Da würd ich glaub getrennt meine Mahlzeit einnehmen. Zumindest bei Suppe. Mein Partner isst dafür sein Essen „schaumig“. Also er kaut das und kaut das und kaut das. Das muss dann echt schon schaumig sein bis er es runterschluckt. Das treibt mich auch in den Wahnsinn. Am Schlimmsten dann so Frühstücksmüesli mit Nüssen. *knurps* *knisper* *knack* bis es nur noch *niumniumnium* DANN endlich schluckt er runter. Nein nein, wir essen nicht mehr gemeinsam unser Frühstück – das haben meine Nerven nicht durchgehalten.
      Ansonsten sind wir aber glücklich. Ist halt einfach eine Eigenart von ihm. Ich hab sicher auch meine Macken 😉

  • romeo sagt:

    Ein ziemlich beelendendes Bild, welches Herr Tschannen hier von sich zur Schau stellt (seine Antworten auf einige Kommentare inklusive). Wie wollen Sie Ihre Energie in Nonkonformität und Originalität einbringen, wenn Sie schon mit der Basisakzeptanz zu kämpfen haben, weil Sie es nicht für notwedig erachten, sich an minimale Standards zu halten (die kann man auch als gute Stütze gebrauchen!). Ist schlussendlich auch eine Kulturfrage…

  • Le Poisson sagt:

    Lustig: Ihr kleiner Brecht wird sich in einigen Jahren wahrscheinlich so fühlen wie ich mich heute 🙂
    Zuhause war es meinen Eltern immer wichtig, dass ich FREUDE AM ESSEN habe und nicht sonderlich darauf achteten, WIE ich ass…
    Ich wusste aber immer was anständiges essen bedeutet – konnte und kann dies in einem Restaurant oder in Anwesenheit der z.B. Schwiegereltern auch machen…
    NUR: Grosse Freude macht es nicht, wenn ich so essen muss..
    Und so falle ich, wenn mal wieder alleine Zuhause, in alte Muster zurück und esse meine Pizza und Wähen am liebsten von oben herab, so dass am Ende nur noch der Boden übrig ist, esse „blutte“ Spaghetti mit den Fingern und lasse Gabel und Messer am liebsten gänzlich weg…
    Mein Partner kann das nicht verstehen und nennt mich auch regelmässig „eine kleine Wildsau“.. Mir ist das egal: Dank dieser Erziehung habe ich Freude am essen, esse so ziemlich fast alles — Denn Wildschweine sind vielleicht vieles, zimperlich aber nicht 😉

    Kurz also: Erwähnen Sie doch mal vor Ihrem Sohn, was anständig wäre (wenn er zum ersten mal zum Chinzgigspändli zum Zmittag geht, kommt er sonst mit Fragen nach Hause): aber lassen Sie ihn essen wie er möchte.
    Essen sollte doch eine Freude sein?! 🙂

    • maia sagt:

      Es ist übrigens nicht ein Brecht – sondern einE Brecht……

      • Biene Maia sagt:

        Wenn wir uns schon um komische Vornamen streiten, Becht ist ein männlicher Vornahme. Zitat: „Und vielleicht bin ich auch nicht komplett unglücklich, wenn meine Frau dem Brecht beibringt, sein Besteck richtig zu halten.“ Das richtiggestellt frage ich mich ob ich Benimm Regeln wissen will von jemandem, der sein Kind Brecht nennt. Das wird dann lustig in der Rudolf-Steiner Schule; Na los, BRECHT ihm das Knie. Armer Kerl.

  • Peter sagt:

    Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, dass sowohl Sie als auch Ihr Brecht lernen, dass es ‚da draussen‘ unterschiedliche Situationen gibt. Mit den Kumpels im Spunten um die Ecke benimmt man sich anders als beim Galadiner mit der Queen. Man sollte soviel Anstandsregeln kennen, dass man sich der jeweiligen Situation anpassen kann. Und ob Vegetarier oder nicht, korrekt mit Gabel und Messer umzugehen, sollte man in jedem Fall lernen. Denn es gibt auch Gemüse, das man zuerst zerkleinern muss.

  • Mink sagt:

    ein Kind aus meiner Bekanntschaft wurde in der 1. Klasse am Mittagstisch in der Schule ausgelacht, weil es mit den Fingern statt mit Besteck ass. Angesichts der Peer Pressure hat es schnell gelernt, Besteck zu verwenden. Aber die Eltern hätten dem Kind diese unangenehme Episode ersparen können, wenn sie dem Kind vermittelt hätten, dass man mit 6 langsam gross genug ist, um mit Besteck zu essen. (Das Kind fand es nicht lustig, von den anderen ausgelacht zu werden.) Die Eltern stehen zu solchen Fragen, genau wie Sie, nach wie vor ambivalent.

    Ich war bei einer Familie zum Essen eingeladen, ein 6-jähriges Kind stocherte mit seiner Gabel in der Salatschüssel (für alle) herum. Da ich zu dem Kind einen guten Draht habe, sagte ich ihm, dass sich das nicht gehört. Kind war bass erstaunt. Eltern bestätigten, dass es in der Famillie üblich sei, Salat direkt aus der Schüssel zu essen.

    Ich finde sie sollten den Kindern zumindest beibringen, dass man das nicht machen kann, wenn Gäste anwesend sind… Genauso wie Kinder lernen sollten, dass man nicht alle Stücke berühren kann, bevor man sich eines nimmt (insbesondere wenn Gäste da sind) oder dass man nichts vom eigenen Teller zurück in die allgemeinen schüsseln oder platten legt…

    • Was ist denn richtig und was falsch? Ich kenne eine äussers gesittete Familie, da ist es durchaus auch bei Besuch üblich, aus der gemeinsamen Salatschüssel zu essen. Ich kannte das vorher nicht, aber es hat meinen Besuch bei dieser Familie kulturell bereichert.

      • Mink sagt:

        Ich finde es unappetitlich, mit der Gabel, die man vorher im Mund hatte, in der Salatschüssel herumzustochern und den Salat dann dem Gast anzubieten.
        Eine Familie mag ihren Speichel innerhalb der Familie teilen wollen (gemeinsame Zahnbürste, Zungenküsse, etc), aber als Aussenstehender hat man vielleicht keine Lust, den Speichel dieser Familie zu absorbieren…

      • Martin Frey sagt:

        …kulturell bereichert? Offenbar braucht es dafür nicht sehr viel, Herr Tschannen. 😉
        Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber ich denke, sie sollten sich tatsächlich mal fragen, ob Sie erwachsen werden und sich weiterentwickeln wollen. Dieser an sich sympathische Kindskopf-Jugend-WG-groove, den wir alle mehr oder weniger durchgemacht haben, ist irgendwann einfach nicht mehr zeitgemäß auch wenn wir das selber vielleicht nicht so gerne wahrhaben wollen. Respektive nicht mehr Alter und Rolle entsprechend. Sie sind jetzt nun mal Vater geworden.

  • lala sagt:

    Halbwegs aufrecht zu sitzen, die Gabel nicht wie einen Hammer zu halten sollten Sie dem kleinen schon beibringen.
    Ansonsten fragen sich Leute später wohl öfters ob klein Brecht eine Behinderung hat oder sonst wie zurückgeblieben ist.

    Was das ganze mit „Bauern“ zu tun hat und warum diese irgendwie schlechtere Tischmanieren haben sollten als andere, ist mir allerdings sehr schleierhaft.

    • Vielleicht würden wir es Menschen mit Behinderung ja einfacher machen, wenn jeder sein Besteck halten darf, wie er will. Vielleicht würden wir die soziale Mobilität verbessern, wenn sich die feine Gesellschaft nicht über den Benimm abzugrenzen versuchte. Ich möchte Bauern nicht als Negativbeispiel verstanden wissen. Die Bauern, die ich kenne, gehen das Thema essen pragmatisch an und das finde ich in mancher Hinsicht sehr vorbildlich.

      • Lala sagt:

        Ich komme aus einem bäuerlichen Elternhaus. Aufforderungen wie „Sitz gerade, Gabel zum Mund, halt die Gabel nicht wie einen Hammer“ habe ich zur genüge gehört.
        Das sind einfachste Grundlagen, diese haben mehr mit generellem Anstand als mit gehobenen Manieren zu tun.

        Wenn ich erwachsene Leute im Restaurant z.B. sehe Ihre Spaghetti zu zerteilen um Sie danach „reinschaufeln“ zu können, wirkt das einfach lächerlich (wobei ich selber bis ~18 jährig nicht wusste wozu der Löffel beim Spaghetti essen gebraucht wird :)).

        Es ist wie mit Klettverschlüssen an Schuhen, ok für Kinder, aber irgendwann sollte man gelernt haben Schuhe normal zuzuknöpfen. Kann man es nicht, wirkt das weder rebellisch noch sonst wie „abstrakt“ sondern einfach nur merkwürdig.

      • Mangia bene sagt:

        Dass wir über die Jahrhunderte gelernt haben, nicht mehr mit den Händen, sondern mit Messer und Gabel zu essen, hat wohl einen Grund…

        Wenn jemand aufgrund einer Behinderung Messer und Gabel anders als gewohnt hält, versteht das jeder. Aber hier ist genau das zentrale Wort: verstehen! Es geht nicht nur darum, wie Sie sich fühlen, sondern darum, welche Botschaft andere verstehen bei Ihren Tischmanieren.

        Können Sie mir sagen, welches die „feine Gesellschaft“ ist, die sich über den Benimm abzugrenzen versucht? Das kommt mir ja vor wie Klassenkampf. Scheint mir in der heutigen Zeit, in der es keine Dienstboten im Haus mehr gibt, doch etwas weit hergeholt. Oder meinen Sie mit der „feinen Gesellschaft“ etwa Ihren Chef und seinesgleichen (sprich: andere Personen mit einem höheren Salär) und glauben, diese wollten sich über die Tischsitten von Ihnen abgrenzen?

        Falls Sie das wirklich glauben, dann fragen Sie sich doch, ob Ihr Chef sich wirklich abgrenzen möchte – und Ihnen dann trotzdem den Kurs vorschlägt.

  • V. Züllig sagt:

    Hier haben wir sog. „Räubertage“ eingeführt, da konnten die Kinder essen wie sie wollten – mit den Händen, schlürfen, was immer ihnen in den Sinn kam. Wir haben da aber nicht mitgemacht.
    Sie glauben nicht, wie schnell das ihnen widerstanden hat. :-))

  • Christoph Bögli sagt:

    Die Kompetenz bezüglich Anstandsregeln ist eigentlich primär dazu da, dass man die meisten davon vorzugsweise nie benötigt. Trotzdem kann es in manchen Situationen vorteilhaft sein, die notwendige Dosis richtig und ohne grosse Anstrenung anwenden zu können. Das ist quasi wie beim Erste-Hilfe-Kurs: Gut, wenn mans nie braucht, aber umso besser, wenn mans braucht und es dann auch kann.

    Allgemein ist Anpassungsfähigkeit und Flexibilität beim sozialen Umgang ein grosser Vorteil. Also dass man das Gegenüber und die Situation gut lesen und sich entsprechend verhalten kann. Auf der Basis kommt man durch so gut wie jede Situation unbeschadet..

  • Mia sagt:

    Regeln zu kennen und zu beherrschen gibt später im Leben Sicherheit. Man weiss dann, wie man sich bei einem gediegenen Essen (vielleicht gibt es mal eine entsprechende Einladung) benehmen muss.
    Kompromiss: Dem Kind beibringen, wie man sich am Tisch korrekt und höflich benimmt – auch immer wieder üben. Man kann sich einen Spass daraus machen. Und dann wieder mal ein Mittagessen für die Steinzeitgeneration. Beides macht den Kindern Spass.

  • Jasi sagt:

    Meine Eltern waren „Bauern“ und konnten mir anständiges Essen leider nicht beibringen. Es hat mich tief getroffen, als ich in meiner Kindheit für mein Essen mit offenem Mund von Fremden gerügt wurde. Das ist lange her und ich habe inzwischen die Benimmregeln bei Tisch selber gelernt. Trotzdem habe ich bei pikfeinem Essen immer noch ein ungutes Gefühl und das wünsche ich Ihrem Brecht nicht.

    • Das wünsche ich meinem Brecht auch nicht. Aber Gegenfrage: Ist es nicht doof, dass Menschen wie wir bei pikfeinem Essen ein ungutes Gefühl haben müssen? Wäre es nicht schön, wenn Essen gar nicht erst pikfein sein müssten?

      • Mangia bene sagt:

        Dass Sie ein ungutes Gefühl haben, liegt wohl weniger an den Tischsitten, sondern an der ungewohnten, formellen oder hierarchischen Situation. Vermutlich geht es damit einher, dass Sie sich auch nicht gleich zwanglos unterhalten als sonst.

        Aber haben Sie mal überlegt, welches Gefühl Ihre Tischsitten andern vermittelt? Gewisse Grundregeln gehören sich bei jedem Essen dazu (auch bei Freunden zu Hause oder mit sehr vertrauten Gästen – sie sind nicht anders als beim Galadinner). Diese Regeln drücken Respekt andern Menschen gegenüber aus. Zu ihnen gehört der Umgang mit Messer und Gabel – oder wie wollen Sie z.B. ein zu grosses Salatblatt mit einer Hand zerschneiden, ohne dass es wegfliegt und ohne dass die Sauce herumspritzt? Den Arm auf den Tisch aufstützen oder eine „bequeme“ Haltung am Tisch einnehmen kann für andere wirken, als wären Sie müde, unaufmerksam, ja sogar gelangweilt. Es geht bei diesen Regeln um mehr als nur Etikette, es geht um die non-verbale Kommunikation unter Menschen. Wenn diese Regeln helfen, als freundlicher, aufmerksamer Gegenüber/Zuhörer/etc. zu wirken, ist das doch ein äusserst praktischer Nutzen, finden Sie nicht?

      • Hans sagt:

        Ich hab auch immer noch ein komisches Gefühl bei piekfeinen Anlässen der Verwandschaft meiner Frau, da ich die Knigge nicht von Grund auf lernte.
        PS: Wäre schön, wenn das Essen nicht piekfein sein müsste, aber das Leben da draussen ist kein Ponyhof und sie tun Brecht nur einen Gefallen, wenn er die Regeln von Anfang an lernt…

      • Othmar Riesen sagt:

        So wie es Sonntage und Werktage gibt, so gibt es auch gewöhnliche Essen und piekfeine Essen. Es gehört zur Erziehung der Kinder, dass sie an beiden „richtig“ teilnehmen können. Dazu geht man halt gelegentlich mal in ein feines Lokal und zeigt ihnen, was dort alles geschieht. Und vor allem: wie man dort isst.

        Lieber Herr Tschannen: ihr Blog ist sicher gut gemeint, aber geht völlig an der Sache vorbei. Essen ist ein Teil unserer Kultur – und die soll den Kindern über die Erziehung vermittelt werden. Ansonsten fehlt den Kindern Wesentliches. Sie, die Kinder, werden ansonsten dafür später büssen müssen.

        Ich denke, viele andere Kommentare hier sagen +/- dasselbe?

  • Othmar Riesen sagt:

    Wenn Kinder keine Tischmanieren haben, kann ich zwei Schlüsse daraus ziehen: 1. sie werden es schwierig im späteren Leben haben, niemand isst gerne mit solchen Leuten; und 2. die Eltern selber haben auch keine Tischmanieren. Ansonsten würden sie ja als Vorbild dienen.

  • Ewen sagt:

    Wenn Sie der Meinung sind, Brecht soll später selber entscheiden, welche Anstandsregeln er umsetzen möchte, dann ist es unlogisch, sie ihm nicht beizubringen. Wie soll er denn entscheiden können, wenn er die Tischmanieren gar nicht kennt? Und wieso sollen es dann die anderen richten und „Ihre“ Verantwortung auf sich nehmen? Ich war einmal mit einem erwachsenen Mann essen, der es auch nicht gelernt hat und das sah so aus: die Ellbogen so weit ausgefahren (Hammer-Halte-Technik des Bestecks), dass die Nachbarn wegrücken mussten; der Kopf fast im Teller und das Essen – weil die Besteck-Technik fehlte – immer im freien Fall (das Tischtuch sah nachher aus …); der Mund und das Kinn voller Sauce und meine Bluse voller Flecken. Stuhl und Türe hatte ich selber im Griff, aber dass ich dann auch noch zahlen musste, fand ich im Gesamten schlicht und einfach: ekelerregend. Dass Sie Ihrem Sohn zumuten, von der Gesellschaft als ekelerregend bezeichnet zu werden, finde ich verantwortungslos, egal ob Sie auf Regeln pfeifen oder nicht – was ich irgendwie sympathisch finde, aber bitte pfeifen Sie nicht auf die Tischregeln.

  • The American sagt:

    Viele Kinder wissen mit der „Selbstbestimmung“ gar nicht viel anzufangen. Es ist ihnen lieber, wenn sie Richtlinien mit auf den Weg bekommen. Das nimmt ihnen nicht nur die Bürde von zu vielen Entscheidungen ab, sondern es bereitet sie meistens auch auf das Leben mit anderen Menschen vor. So schön es klingt „individuell“ zu sein, erfolgreiche Gesellschaften bauen auf Normen. Das muss jetzt nicht gleich nach dem nordkoreanischen Modell sein, aber wie Martin Frey bereits erwähnte, Herr Tschannens Kinder mögen ihren Vater eines Tages hassen dafür, und bei ihren Kindern dafür sorgen, dass Tischmanieren mit höchster Priorität behandelt werden.

  • Mara sagt:

    Ja, wie heisst es doch so schön…was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr…aber der Brecht kann sich ja dann immer noch einen Teller Hörnli bestellen anstatt einen Teller Spaghetti…die sind schwieriger zu essen

  • sarah123 sagt:

    Ihre Auffassung von Erziehung teile ich wahrscheinlich ziemlich. Ich versuche, mein Kind so wenig wie möglich mit einem Nein einzuschränken oder unnötig Regeln „aus Prinzip“ einzuführen. Sobald es jedoch darum geht, dass das Kind sich selber schadet, weil es beispielsweise Höflichkeit, Entgegenkommen und Anstand vernachlässigt, zeige ich Grenzen auf. Bei unserer Dreijährigen sind wir aktuell daran, dass sie nicht jedesmal allen lautstark mitteilen muss, dass sie gefurzt hat. Aber Tischmanieren hat sie.

    • Flo sagt:

      Ich versuche, mein Kind so wenig wie möglich mit einem Nein einzuschränken oder unnötig Regeln „aus Prinzip“ einzuführen – lach!
      Erinnert mich an die liebe Mami die als ihr Sohn meine Bekannte mit einem Ballon ständigen auf den Kopf haute „einschränkte“ mit dem Hinweis; hör doch besser auf sonst geht der Ballon kaputt!

      • sarah123 sagt:

        Liebe Flo, da haben Sie mächtig was hineininterpretiert. Ich sprach unter anderem von Anstand. Vielleicht lesen Sie meinen Kommentar nochmals durch.

  • Tina Balmer sagt:

    Ihr Kind heisst aber nicht wirklich Brecht, oder? Klingt fast wie eine Herausforderung, das wild konsumierte Essen wieder hochzuwügen… Idem. Doch, es ist wichtig, ich ertrage schlechte Tischmanieren (es gibt ja zwischen schlecht und perfekt eine grosse Grauzone) gar nicht, das verdirbt mir den Appetit. Kurzlich bei einem Businessessen erlebt, der piekfeine, attraktive Berater aus guter Familie, welcher seine Gabel wie eine Schaufel hielt und das Essen auch entsprechend in den Mund beförderte, möglichst schnell und mit imposanter Geräuschkulisse. Die restlichen Anwesenden tauschten irritierte Blicke aus und kamen vor lauter Staunen fast nicht zum Essen. Der Herr fragte mich etwas später nach einer privaten Verabredung – ich lehnte dankend ab. Wer so isst wird wohl auch sonst in Genusssachen nicht auf meiner Linie sein.

    • Genau um diese Grauzone geht es mir, bzw. darum, wo man sich drauf positionieren soll. Niemand mag schlechte Tischmanieren und niemand will sie haben. Aber müssen sie perfekt sein? Zu Ihrer Beruhigung: Brecht ist nur der Spitzname.

  • Tobias sagt:

    Wenn Ihr Kind die Tischmanieren von klein auf lernt, wird es später viel lockerer damit umgehen können. Es muss nicht überlegen sondern kann selbstbewusst auftreten.
    Man stelle sich eine geschäftliches Gespräch beim Essen vor. Mit sicheren Tischmanieren ist es viel einfacher gesellschaftlich nicht-konforme Meinungen zu vertreten und sich so interessant zu machen. Wer dazu schmatzt und wie eine S… frisst, wird doch nicht ernst genommen.

    • Brunhild Steiner sagt:

      „Man stelle sich eine geschäftliches Gespräch beim Essen vor. Mit sicheren Tischmanieren ist es viel einfacher gesellschaftlich nicht-konforme Meinungen zu vertreten und sich so interessant zu machen. “

      Also, Herr Ts channen, im Namen Ihrer auf dem Banner getragenen Individualität und gesellschaftlichem Nonkonformismus, welche Sie mit Mut zu Erfolg verhelfen wollen, wär dieser strategische Ansatz vielleicht noch klug…, trainieren Sie die Brecht auf ein anstandsmässig/konformistisch mit allen Wassern gewaschenes Wesen, welches dann mit den eigentlich innewohnende Individualität und Nonformität so richtig schön auf die Tasten hauen kann (und all diese drögen anstandsuniformen Konformisten gehörig erschreckt…)

      • Brunhild Steiner sagt:

        oje, das sollte natürlich „mit den innewohnenden Individualität und Nonkonformität … alle gehörig erschreckt“, heissen.

  • Franziska sagt:

    Klar gibt es grundlegendere Anstandsregeln als die richtige Bedienung von Messer und Gabel. Hab das aber letzthin erlebt, dass jemand das Besteck quasi wie ein Vorschlaghammer gehalten hat – ein echter Hingucker. Zunächst dachte ich, der Mann hätte wirklich eine Behinderung. Sie und ihr Kind haben und werden schwierigere feinmotorische Herausforderungen gemeistert haben und meistern: Autofahren, ein Instrument spielen, basteln. Wieso sich also beim Essen in Gesellschaft ohne Not zum Hingucker machen?

  • Rabe sagt:

    @Denkenfür5rappen und Anita: Zum Teil einverstanden. Jedoch halte ich eine korrekte Rechtschreibung ebenfalls für unerlässlich, um der Person, die meinen Text liest, das Lesen so einfach und verständlich wie möglich zu machen. Ist auch bei Bewerbungen usw. sehr wichtig. Mindestens da könnten Sie Herrn Tschannen zum Vorbild nehmen.

  • Schmidlin sagt:

    ich mag keine ‚das tut man nicht‘ Regeln. So habe ich meinen Kindern erklärt, dass es mir wichtig ist, wenn man einiger massen gesittet am Tisch sitzt.
    ich wollte keine Zirkus-Affen, aber es ist einfach angenehmer wenn jeder ungefähr weis wie man sich am Tisch benimmt. Der erste Eindruck ist immer wichtig und wenn man jemanden zum ersten Mal am Tisch begegnet………………….
    eben.

    • Flo sagt:

      also anständiges und vielleicht sogar ein bisschen respektvolles Benehmen hat in meinen Augen nichts, aber auch rein garnichts mit Zirkus Affen zu tun.
      Ich habe meinen sohn zu einem Menschen erzogen der in seinem Umfeld nicht durch unagebrachtes Verhalten auffällt – dies habe ich ihm zuliebe getan!
      Körperreinlichkeit, Tischmanieren und einen gewissen Respekt vor älteren Menschen gehören zur Kinderrzihung wie das ABC und das 1×1!

  • Anita sagt:

    Ich denke das gefährliche ist das Sie für das Kind entscheiden und nicht dem Kind die Entscheidung überlassen. Daher will ich meinem Kind richtige Tischmanieren beibringen ob das Kind sie später anwendet bleibt ihm überlassen aber es kann sie und kann sie Anwenden wenn es dies für richtig hält in seinem späteren Leben. Ich denke auch man weiss nie wo man später landet und je mehr man weiss desto eher wird das Kind es einfacher finden sich anzupassen. Ja dies ist noch immer sehr wichtig. Genau heute wo immer mehr Arbeitgeber Lehrlingsbewerber zum Essen einladen als Teil des Vorstellungsgespräch kann es entscheidend sein.

    Ich muss morgen spontan zu einem wichtigen Geschaftdiner von meinem Mann, da bin ich froh das ich alle grundlegenden Tischmanieren kenne und ihn nicht blamiere und so bös gesagt geschäftlich schade…

    • Doch, ich will die Entscheidung schon meinem Kind überlassen. Es soll die Regeln ja wie gesagt kennen und etwas Übung darf auch sein. Die spannende Frage scheint mir vielmehr, ob, wo, wann und wie ich sie durchsetze.

      • mensch sagt:

        Wo? => zu Hause
        Wann? => während dem Essen oder von mir aus auch Nahrungsaufnahme
        Wie? => (vormachen?), beobachten und korrigieren

        Danke für die spannende Frage.

      • Ich setze die Benimmregeln also zu Hause durch und im Restaurant nicht. Die Antwort überzeugt mich noch nicht 100%.

      • The American sagt:

        „ob, wo, wann“, ist das nicht etwas zu akademisch? Wie alt ist Ihr Kind? Offenbar ein „Baby“? Überfordern Sie das Kind nicht vor lauter „Selbstbestimmung“ sondern geben sie ihm Richtlinien an welche es sich halten kann. Für ein Baby gibt es genug Unsicherheiten in dieser Welt. Am besten dem Kind einfach die Regeln mit auf den Weg geben, d.h. durchsetzten (zu Hause und im Restaurant, sonst wird die Verunsicherung noch grösser), und wenn es dann erwachsen ist kann es ja tun und lassen was es will. Es scheint mir Sie haben einfach Angst, beim Kind mit dem Durchsetzen von Regeln unpopulär zu werden. Das ist natürlich Unsinn, Ihr Kind wird Sie genauso lieben.

      • mensch sagt:

        …und im Restaurant nicht

        Wer zu Hause sät, erntet auswärts die Früchte der Arbeit – ausser es ist im M Restaurant oder ähnlichem……vorausgesetzt ihr Brecht ist in einem Alter, wo das M Restaurant, noch als Restaurant durchgeht 😉

  • Denkenfür5rappen sagt:

    Ich bin Tagesmutter und habe schon so einige Kinder am Tisch gehabt, die nicht richtig mit Messer und Gabeln umgehen konnten/können. Ganz ehrlich: Ich halte auch nichts von überkommenen Anstandsregeln, aber Kinder, die ab einem gewissen Alter die Gabel noch wie ein Hammer halten oder den Mund zum Teller führen, weil es mühsam ist, den Reis auf die Gabel zu bringen, ist ein Elend.
    Das sind zumeist auch die Kinder, die schmatzen oder ihr Essen zum Grossteil nachher auf meinem Fussboden hinterlassen haben. Auch Essen mit den Fingern auf die Gabel zu befördern, gehört in die Kategorie „Kein Schöner Anblick“. Ehrlich, bitte gehen Sie in einen Benimmkurs und nehmen Sie ihren Brecht gleich mit. Tischmanieren so altmodisch es klingen mag, sind ein Zeichen von Wertschätzung an meinen Gastgeber oder Ernährer.
    Dass man älteren Damen den Sitzplatz räumt und in den Ellbogen niest, wird deswegen nicht hinfällig, sondern rundet das Bild eines sympathischen Menschen nur ab.

  • Martin Frey sagt:

    Bin wie oft nicht ganz sicher wo die Ironie jeweils beginnt und endet, trotzdem versuche ich es mal ernsthaft. Mag sein dass Sie sich um jegliche Etikette, die meisten Benimmregeln genüsslich foutieren, aber in der Welt außerhalb der Waldhütte werden Sie halt trotzdem immer auch an Ihrem Verhalten, Ihrem Auftreten gemessen ob es Ihnen passt oder nicht. Und vielleicht bewegt sich klein Brecht später mal in einem anderen Ambiente als Sie, wo es ihm wichtig wäre, vom Vater auch andere Dinge mit auf den Weg erhalten zu haben als gerade die, die Daddy nur für sich nötig hält. Vielleicht wird er Sie eines Tages hassen dafür, wenn er sich bei einem Date oder in einem Vorstellungsgespräch peinlich macht, vielleicht merkt er es nicht mal selber. Auf jeden Fall erinnert mich Ihre Haltung etwas an die meist bildungsfernen Eltern die nicht wollen, dass Ihre Kinder eines Tages eine bessere Ausbildung machen als sie selber. Und das, nehme ich an, finden Sie Herr Tschannen wohl auch nicht so lustig.

    • Nein, das finde ich auch nicht lustig. Deshalb ja auch die Gratwanderung, die ich oben im Text versucht habe zu skizzieren. Ich will mitnichten mein Kind zu einem Waldhüttenbewohner erziehen. Aber Mut zu Individualität und gesellschaftlichem Nonkonformismus kann auch zum Erfolg führen. (Muss natürlich nicht, aber Benimm alleine ist auch kein Erfolgsgarant.)

      • Cybot sagt:

        Ja, Individualität und Nonkonformismus kann zum Erfolg führen. Als Künstler oder auch als Unternehmer können das sogar Gründe für den Erfolg sein, vielleicht auch als Journalist. Allerdings liegt die Chance für so eine Karriere vermutlich im einstelligen Prozentbereich. Wenn sie ihn auch für die Mainstream-Alternativen fit machen wollen, sollte er auf jeden Fall die Grundregeln der gesellschaftlichen Etikette lernen, ansonsten werden ihm nur die Laufbahnen übrigbleiben, in denen Benehmen egal ist. Und das sind selten die guten Jobs.

      • Martin Frey sagt:

        Wenn nur die Hälfte von dem zutrifft, was Sie schreiben Herr Tschannen, dann erziehen Sie ihn zu einem Waldhüttenbewohner. Das Problem ist, Sie lassen ihm damit keine Wahl, denn was klein Brechtchen nicht lernt, lernt Brecht später nimmermehr. Oder nur unter großen Anstrengungen wie mittels den durch Sie so verpönten Kniggekursen. Und verwechseln Sie bitte nicht Nonkonformismus mit fehlenden Manieren. Brecht kann später sowieso tun und lassen was er will, so aber wäre es wenigstens sein Entscheid.

      • mila sagt:

        @Martin: Umgekehrt sollte man aber auch Manierlichkeit nicht mit Manieren, respektive Anstand, verwechseln – zumindest darin gehe ich mit Herr Tschannen einig. 😉 Oder anders formuliert: im Härtefall ist mir ein aufmerksamer Waldhüttenbewohner lieber, als ein grober Klotz mit gesittetem Essverhalten. Und ich glaube, dieser ‚genuin‘ soziale Erziehungs- bzw. Beziehungsaspekt von gesellschaftlichen Umgangsformen kommt bisweilen – gegenüber der blossen ‚Förmlichkeit‘ – zu kurz.

      • mila sagt:

        PS: Wer sich ein wenig mit dem echten Knigge auskennt, der weiss natürlich auch, dass es besagtem Freiherrn nicht primär um possierliche Etiketten(durch)stiererei ging. Sondern um Manieren als ‚Verständigungsformen‘ im zwischenmenschlichen Umgang.

      • Martin Frey sagt:

        Tschannen impliziert auch, dass das eine das andere ausschliesst. Ich bin jedoch nicht dieser Ansicht, mila. Denn ich finde es gut, wenn der moderne Mensch sich situationsgerecht zu verhalten weiß. Auch Brecht ist es unbenommen, in der Waldhütte mit den Fingern zu essen. Aber die Waldhütte ist nicht die Welt.

      • Den Original-Knigge will ich schon lange mal lesen. Aber noch konnte ich mich nicht dazu aufraffen.

    • mila sagt:

      Herr Tschannen, in meinem Herzen bin ich auch Nonkonformistin. Im sozialen Leben frage ich mich jedoch, wo mein Nonkonformismus allenfalls einem eigenen kleinkarierten Denken – und somit mitnichten einem ‚Mut zu Individualität‘ – entspringt, und wo er tatsächlich, angesichts nicht (mehr) vollziehbarer ‚Gepflogenheiten‘, berechtigt ist. Die Grenze zieht sich eigentlich immer dort, wo eine bestimmte Verhaltensweise einen menschlichen Grundrespekt gegenüber einem anderen zum Ausdruck bringt, was mE doch ein wenig etwas anderes ist als ‚Ehrerbietung‘. Und: Die gängigen Anstandsregeln zu kennen und aus begründbarer Überlegung heraus hie und dort zu brechen, ist am Ende ebenfalls etwas anderes, als ungewollt, aufgrund fehlender Kinderstube, ins gesellschaftliche Fettnäpfchen zu trampen. 😉

      • Rosa Rettich sagt:

        „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Das mag für hoch komplexe Dinge wie Ballett oder Klavierspielen zutreffen (und auch da nur bedingt), aber sicher nicht für ein paar Anstandsregeln. Das Hirn hört nicht mit 20 auf, neue Synapsen zu bilden.
        Ich wurde auf alle Fälle ziemlich genau so erzogen, wie Herr Tschannen es mit dem Brecht vorhat, also nicht eben fit für ein Dinner im englischen Königshaus. Und wissen Sie was, als ich dann Anfang Zwanzig mal an etwas schickere Anlässe musste, googelte ich halt Kniggeregeln. Klappte tiptop, ist ja keine Wissenschaft.. Und ausserdem bedeutet Empathie ja, dass man andere beobachten und sich gegebenenfalls anpassen kann. Das ist im Leben viel nützlicher als sture Regeln.

      • Das klingt sehr vernünftig und ich bin kurz davor Ihre Meinung so zu übernehmen. (Was natürlich von wenig Mut zur Individualität zeugt.)

      • (Mein Kommentar oben bezog sich auf mila. Aber natürlich fühle ich mich auch von Rosa Rettich sehr verstanden.)

  • Muttis Liebling sagt:

    Warum schreiten die Queen und W. Putin bei einem Staatsempfang die Ehrenfront in genau der gleichen protokollarisch festgelegten Schrittfolge ab? Warum speisen Diplomaten beim Staatsempfang wie Synchron- Schwimmer?

    Weil Protokolle entindividualisieren. Der Diplomat und der Staatschef repräsentiert nicht sich, sondern seinen Staat. So können Sie es dem Brecht und sich selbst erklären. Im privaten Kontext kann man auch mit den Fingern essen, solange das den Gegenüber nicht anekelt. Aber bereits im Restaurant ist man nicht privat.

    Thomas Mann hat sich jeden Morgen um 9:00 Uhr mit Krawatte an seinen Schreibtisch gesetzt und seinen Kindern damit signalisiert, dass er nicht mehr privat ist. Die durften dann das Arbeitszimmer nicht betreten und nur lautlos, auf Socken, durchs Haus schleichen.

    • Carolina sagt:

      Geschieht ja nicht oft, aber hier stimme ich Ihnen zu. Vor allem möchte ich zu bedenken geben, dass vieles, was wir unseren Kindern beibringen, nicht nur in ihrem eigenen Interesse ist, sondern auch dazu dient, ihnen soziale Abläufe klarzumachen bzw einfach Rücksicht auf andere zu nehmen.
      Und wenn ich auch kein Problem damit habe, dass Brecht zuhause machen darf, was er für richtig hält, halte ich genau diese ‚Verwirrung‘, diese Kluft zwischen innen und aussen, die Eltern damit schaffen, für nicht kindgerecht.

      • Flo sagt:

        nicht ganz einverstanden: Kinder begreifen sehr schnell wo was angebracht ist wenn man es ihnen immer selbst vorlebt.
        Z.B. ich war oft zu Hause im Schlabberlock unterwegs, wenn ich ausser Haus ging schaute ich natürlich auf eine gewisse Ankleide.
        Ausserdem fällt mir auf das es auch unzählige ältere Semester gibt die offenbar die „gute Kinderstube“ mittlerweile abgelegt oder gar vergesen haben,

      • Hans sagt:

        Kinder begreifen ganz genau, dass die Welt nicht so einfach ist und können ganz genau unterscheiden zwischen „Regeln zuhause“ und „Regeln auswärts“.
        Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Der Vorteil ist dann auch, dass ihr Kind gerade lernt, dass nicht alles nach seinem Gusto läuft und die Welt da draussen in 99% der Fälle keine Rücksicht auf ihr Kind nimmt.

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