Mein Kind ist jetzt ein Engel

Eltern, die ihr Kind verlieren: Jeanette Kuster ging im Posting «Wenn das eigene Kind stirbt» darauf ein. Heute beschreibt eine betroffene Mutter wie sie den plötzlichen Kindstod ihres Baby erlebt und verarbeitet hat. Ein Gastbeitrag von Daniela Bühler*.
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«Da war kein Leben mehr, Severin war ganz leise gestorben.» (Bild: Flickr/WizardOfGoth)

Unvorstellbar und mit nichts zu vergleichen ist wohl der Tod des eigenen Kindes. Wenn er dazu noch unerwartet und plötzlich eintritt, ist der Schock am Anfang riesig. Von einer Minute zur anderen wird alles anders und das für immer.

So erging es mir damals, 24 Jahre ist es her und wenn ich darüber nachdenke, ist es sofort wieder präsent. Kein Stein bleibt auf dem anderen, die Karten werden neu gemischt und das Einzige, was bleibt, sind Erinnerungen.

Der Samstagnachmittag am 1. Juni 1991 war ein besonders warmer, sonniger Tag. Erste Blümchen spriessten, Kinder tummelten sich auf dem Spielplatz, hell wie Glocken tönten ihre Stimmen. Meine zweijährige Wirbelwindtochter ermunterte mich, doch auch auf der Wiese zu sitzen, um mit dem kleinen Bruder Severin zu spielen. Das taten wir gerne. Alles war duftig, luftig und stimmig, der Tag verging im Nu und am Abend waren die beiden Kinder ziemlich müde. Severin mochte sein Fläschchen nicht recht trinken, er schlief immer wieder ein und so legte ich ihn in sein Holzbett. Später am Abend schaute ich nochmals nach ihm und hörte ihn leise und regelmässig atmen. Auch wir anderen gingen zu Bett, alles war ruhig.

Bis um 4 Uhr in der Nacht. Da hörte ich Severin weinen und sofort war ich bei ihm. Ich streichelte ihm über das feuchte Köpfchen, er schwitzte, da es im Zimmer bereits sehr warm war. Rasch deckte ich ihn ab und öffnete das Fenster einen Spalt breit. Noch lange stand ich an seinem Bett und streichelte ihn, diesen kleinen, bald fünfmonatigen Jungen. Dann übermannte mich die Müdigkeit, ich schlief in meinem Bett bald ein.

Am nächsten Morgen war es bereits acht Uhr, als ich erwachte und ein ungutes Gefühl beschlich mich. Severin hatte sich noch nicht gemeldet, was ungewöhnlich war. Mit Riesenschritten betrat ich das Zimmer und erblickte mein Kind, es lag noch genau gleich da wie in der Nacht. Kein Laut, kein Hauch ging von ihm aus, feine rote Pünktchen hatten sich auf seinen zarten Wangen gebildet. Da war kein Leben mehr, Severin war ganz leise gestorben, die innere Gewissheit drängte sich an meine Oberfläche.

Ich hörte einen Schrei, das war ich, ich schrie nach seinem Vater, meinem Mann. Sofort begann er, Severin wiederzubeleben, während ich ans Telefon raste und die Notfallnummer des Kinderspitals wählte. Die kleine Schwester war wach geworden und rannte hin und her, sie sah alles und begriff nichts. Wie auch. Unheimlich langsam erschien mir von da an alles, was um uns herum geschah. Es dauerte eine Ewigkeit für mein Gefühl, bis die Ambulanz mit Blaulicht, aber ohne Sirene vor unserem Haus auftauchte. In Wirklichkeit waren die Sanitäter in nur 15 Minuten bei uns. Gespenstisch, wie sie ruhig hereinkamen und nochmals alles versuchten, um unser Baby zu retten. Es war zu spät, Severin war bereits auf dem Weg zu den Sternen.

Betroffen nahmen sie das tote Baby mit auf der viel zu grossen Bahre. Er war zugedeckt und ich dachte noch, nicht übers Gesicht! Dann war er weg. Unheimliche Stille breitete sich in unserer Wohnung aus, niemand wusste genau was nun zu tun war. Als ich den vorbereiteten Schoppen ins Becken leerte, realisierte ich erstmals, dass Severin nie mehr einen Schoppen brauchen würde. Da konnte ich endlich weinen. Es vergingen viele Stunden, bis wir ins Kinderspital durften, um ein erstes Gespräch zu führen. Schnell war aber klar, dass Severin nicht erstickt war, sondern einfach aufgehört hatte zu atmen. Plötzlicher Kindstod oder SIDS wird dieses Phänomen genannt, etwa eines von 1000 Babys ist betroffen und eine Erklärung immer schwierig. Es spielen viele Faktoren zusammen, um so ein Ereignis auszulösen, man vermutet, dass das Atemzentrum noch nicht vollständig ausgereift ist oder ein Infekt vorausging.

Heute ist man viel weiter als vor 24 Jahren und es wird empfohlen, Babys zum Schlafen nicht mehr auf den Bauch zu legen, keine Kissen oder Stofftiere ins Bett zu legen und das Zimmer kühl zu halten. All dies nützte nichts mehr für unser totes Kind, für unser Weiterleben. Wir mussten Fabienne erklären, dass ihr Bruder nicht mehr aus dem Spital heimkehren wird. Vielleicht ist er ein Engel, fragte sie mich? Ich versuchte, sie ernst zu nehmen und kindergerecht zu antworten. Sie war erst zwei Jahre alt, hatte viele Fragen und ich keine Antworten.

Einmal fuchtelte sie mit einem Stock in der Luft herum und ich fragte, was sie mache. Ihre Antwort war: «Ich hol de Severin vom Himmel abe.» Sie zeichnete oft Engel mit goldenen Flügeln und fragte, ob Buben auch Engelsgewänder tragen.

Zum Glück war Fabienne da, sie gab mir immer das Gefühl, noch Mami zu sein und gebraucht zu werden. Sie brauchte Halt und Struktur in ihrem Kinderleben, sie wollte spielen und draussen auf die Schaukel. Ich denke, das half mir gut, nicht in Trauer zu versinken, sondern weiterzuleben, auch wenn viele Tage und Wochen ganz schwierig waren. Leider schafften mein Mann und ich es nicht, die Trauer zusammen zu bewältigen, da waren wir wohl zu unterschiedlich. Für ihn ging bald alles wieder seinen normalen Gang, er hatte seine Arbeit, seine Hobbys und mochte so weitermachen wie vor diesem Ereignis. Ich indes bekam Magen- und Schlafprobleme und wollte immer und mit allen über Severin sprechen. Bald besuchte ich eine Selbsthilfegruppe von ebenso betroffenen Eltern und das half mir ein Stück weit, mit allem klarzukommen. Ich fühlte mich verstanden und aufgehoben mit diesen Eltern, gemeinsames Leid kann helfen, Leid zu überwinden. Lange besuchte ich diese Gruppe, sie tat mir gut.

Irgendwann, es dauerte zwei Jahre, wich diese Schwere etwas von mir, ich konnte wieder besser schlafen und Schuldgefühle verschwanden allmählich. Lange fühlte ich mich verantwortlich für Severins Tod, weil ich als Mutter doch die Hauptbezugsperson war, die etwas hätte merken müssen. Heute habe ich aber begriffen, dass Dinge wohl geschehen, um uns etwas zu lehren. Es geht nicht um Schuld, sondern darum, dass wir Menschen das Ruder nicht selber in der Hand haben. Wir haben die grosse Aufgabe, zu lernen, was Annehmen bedeutet. Im Griff haben, an etwas festhalten wollen viele. Das geht nicht.

Dinge ändern sich, nehmen Verläufe, die wir nicht kontrollieren oder erzwingen können. Das macht mich manchmal demütig vor dem Leben allgemein. Heute bin ich dankbar, dass ich diesen wundervollen kleinen Sohn für 5 Monate bei uns haben durfte. Sein Leben hat uns bereichert, die Erinnerungen sind wohlbehalten in unseren Herzen platziert. Ein Nachfolgekind machte unsere Familie komplett, Melanie war aber niemals ein Ersatzkind. Mit ihrem Wesen und ihrem Dasein schenkte sie uns ein Stück Normalität zurück, ein Geschwisterchen für Fabienne, die sich das so sehr wünschte.

Die Ehe ist viel später doch zerbrochen. Wir schafften es nicht, einen gemeinsamen Weg für die Trauerverarbeitung zu finden. So verloren wir uns allmählich aus den Augen, die Liebe verstummte. Heute kann ich gut damit leben, dass ich ein Sternenkind habe, die Trauer ist leiser geworden. In meinen Lebenslauf hab ich diesen Schicksalsschlag integriert – doch noch immer gibt es Tage, zum Beispiel sein Geburtstag oder Todestag, wo die Herzensnarbe pulsiert. Dann zünde ich eine Kerze an, schaue ins Fotoalbum und lasse meine Gedanken fliegen…

d_buehler1*Daniela Bühler ist diplomierte Psychologische Beraterin FSB, Mutter von 2 erwachsenen Töchtern und eines Sternenkindes und Autorin des Buches «…auf Tränen Sonnenschein».