Wenn Eltern sturmfrei haben

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Auf die erste Freude folgt meist ein wenig Ratlosigkeit. Foto: Venever, Flickr.

Seit einer Woche sind unsere Kinder weg. Weit weg. Auf der anderen Seite des Atlantiks bei ihrer Cousine. Insgesamt zehn Tage sturmfrei sind angesagt. Zehn Tage, auf die wir uns seit Monaten gefreut haben, bei aller Sorge um die grossen Kleinen, die nun so weit weg sind. Wir haben uns ausgemalt, was wir alles tun könnten und wie wir das geniessen würden…

1. Ich würde jeden Morgen aufstehen und einfach nur Kaffee trinken, denn der Haushalt wäre quasi schon gemacht. Hat ihn ja auch keiner benutzt.
Stimmt. Theoretisch. Denn nur sitzen und Kaffee trinken fällt blödsinnig schwer, nach fast vierzehn Jahren «déformation maternel». Also stecke ich meine Morgenenergie einfach in verklebte Schubladen, fleckige Türrahmen und all den Kram, den ich schon lange mal erledigt haben wollte. Mission erfüllt, wenn auch anders.

2. Ich würde all die Zärtlichkeit, die ich sonst sorgfältig auf drei Menschen verteilen muss, über einen einzigen Menschen ausschütten, meinen Mann. Passt.

3. Ich würde die Stille geniessen und käme endlich vorwärts mit jenem einen Projekt, das so viel Ungestörtheit braucht wie ein schlüpfender Schmetterling.
Ja, still ist es in der Tat. Still, still, still. In meiner Wohnung – und in meinem Kopf. Also wirklich, da kann doch kein Mensch arbeiten bei sooo viel Stille und Ungestörtheit!

4. Ich würde kaum was einkaufen, denn kochen, das würde ich schon gar nicht.
Stimmt. Dafür geht mindestens so viel Geld weg für Kebab und Scaloppine al Limone beim Italiener. Aber mir solls recht sein. Das ist mir allemal lieber, als jeden Tag ein, zwei Papiertüten voller Obst, Milch, Gemüse, Brot, Käse, Fleisch, Toilettenpapier und Leimstifte für die Schule heim zubuckeln.

5. Wir würden die Möbel unserer Wohnung von ganz neuen Seiten kennen lernen. Den Küchentisch, das Sofa …
Stimmt auch. War mir gar nie bewusst, wie kalt und wackelig unser Küchentisch ist und wie schmal das Sofa. Dafür geht mir auf, wie bequem unser Bett ist, wie warm und weich.

6. Ich würde einigermassen selbstbestimmt über meine Tage verfügen, meine Arbeit selber einteilen, ohne dass im ungünstigsten Moment ein Kummer oder ein Französischvokabular dazwischenkommt.
Stimmt. Aber nur auch fast. Denn da ist noch das Biologieexperiment meiner Tochter, das sie ums Verwurgen über die Ferien daheim machen soll. Pflanzen züchten, fotografieren und messen. Als sie dem Lehrer sagte, sie sei gar nicht da, meinte der lakonisch: «Dann nimm die Töpfe eben mit in die Ferien.» Offensichtlich hat sich der gute Mann noch nie mit den amerikanischen Einfuhrbestimmungen auseinandergesetzt. Ganz abgesehen davon sollte er als Biologe wissen, dass veränderte Druckverhältnisse in Flugzeugen und mehrfach wechselnde Zeitzonen das Wachstum von Pflanzen beeinflussen. Von wegen mitnehmen! Na ja, dafür lerne ich aufs Alter noch, wie man mit einer richtigen Kamera fotografiert.

Fazit: Sturmfrei fühlt sich an wie eine Mischung aus Schlaraffenland und Bootcamp. Schlaraffenland deshalb, weil wir frei sind und Privatleben haben wie sonst kaum je. Bootcamp, weil ich erlebe, wie hart es werden wird, wenn ich in ein paar Jahren wieder aus der Rolle der Alltagsmutter schlüpfen werde und ein ganz eigenes Leben haben darf – aber eben auch muss. Ich bin froh, kann ich das in kleinen Dosen üben und dauert es noch ein Weilchen, bis es amtlich wird.

Kinder, ich vermiss euch fürchterlich!

28 Kommentare zu «Wenn Eltern sturmfrei haben»

  • Laurence sagt:

    fragen natürlich, nicht Fragen 🙂

  • Karl sagt:

    Dieses Oh-wie-ist-es-doch-schön-Mami-zu-sein-und-ich-will-nicht-ohne-meine-Kindli-sein-und-wenn-sie-mal-nicht-da-sind-vermisse-ich-sie-so-sehr-Gelafer geht mir so auf den Wecker, da kann es noch so humorvoll sein, denn es steckt immer was Wahres drin, und ich begreife viele Männer, nicht alle, die angesichts einer solchen angeblichen Gefährtin reissaus nehmen. Aus unseren Kindern sind keine Verbrecher und keine Irrenanstaltsinsassen geworden, obwohl wir jeden Tag, ich wiederhole: jeden Tag unsere Zeit für uns gehabt haben. Immer. Aber das hier heisst ja auch Mamablog… Dann halt.

    • Muttis Liebling sagt:

      Mutter sein ist eben so selten und so spät geworden, dass man einen Kult daraus machen kann. Der Typ Mutter, welcher 99.99% der Soziogenese geformt hat, käme nicht auf solche Gedanken.

    • fabian sagt:

      Karl, Chapeau.
      Allerdings ist uns allen klar, dass der Staat nicht solche Eltern wie Sie will, sondern solche die bedürftig jammern, chlönen und im Gegenzug die Hand aufmachen dürfen.

  • 13 sagt:

    Wunderschön geschrieben und so wahr bis auf die Nr. 6. Dieser Lehrer hätte schlicht Pech. Meine Kinder gehen jedes Jahr eine Woche in die Grosselternferien und das wird bei uns gleichermassen genossen wie auch bedauert, bis auf die schlimme Angewohnheit in dieser Woche möglichst viel Zeit im Büro zu verbringen, um nachzuarbeiten. Das will ich mir jedes Jahr abgewöhnen und schaffe es doch nicht.

  • Why? sagt:

    déformation maternelle – déformation ist weiblich, war vielleicht bei den zu pauckenden französisch-Vokabeln noch nicht dabei…

  • Béatrice sagt:

    Geht mir genau so. Wenn sie mal – was wenig vorkommt – gleichzeitig 1 bis 2 Tage weg sind, vermisse ich meine beiden gar nicht mehr so kleinen Teenagermädels, aber geniesse es gleichzeitig trotzdem, v.a. die bleibende Ordnung im Hause….

  • Andrea sagt:

    Als unsere Kinder noch klein waren und zum ersten Mal ein Wochenende bei den Grosseltern blieben, verbrachten mein Mann und ich den ersten Abend damit… Fotos und Filme von den Kindern anzuschauen. Am nächsten Abend klappte es dann schon besser mit der kleinen Freiheit.

  • mamivo4 sagt:

    Die Stille ist das grausamste daran ;0)

  • Nur so als Idee: Wie wär’s mit mehr Genuss und einer Wohlfühl-Oase?
    Gönnen Sie sich neue Sachen für ein schönes Zuhause zum Wohlfühlen und Geniessen.
    Ein schönes Zuhause macht glücklich. Belohnen Sie sich und Ihren Liebsten 🙂

    Viele liebe Grüsse

  • Ka sagt:

    Frau Fischer sie schreiben einfach toll! Und irgendwie immer gerade auch aus meinem Leben ☺️

  • Pedro sagt:

    Nr 5: really??

  • Luise sagt:

    Hart, aus der Rolle der Alltagsmutter zu schlüpfen? Das war es für mich gar nicht. Ich liebe es, ein eigenes Leben zu haben und geniesse es, mit meinen Kinder eine Beziehung unter Erwachsenen zu pflegen.

  • Martin sagt:

    Ich wuerde dann oefter mal Sex mit der Frau machen, ungestoert.

  • Muttis Liebling sagt:

    3 Dinge habe ich meinen Kindern beigebracht. Man fliegt nie und benutzt auch sonst kein Fortbewegungsmittel, welches etwas Natürliches einfach so verbrennt. Nur um den Hintern irgendwohin zu bewegen.
    Wenn man den Hintern bewegt, dann ganz bestimmt nicht in einen gewissen Staat, der auf Genozid und Landraub beruht und fest in dieser Tradition steht.

    • René sagt:

      Schön für Muttis Liebling, dass er die grosse Welt in deren Schoss erkunden darf. Dann aber bitte auch schauen, dass solch themenfremde Kommentare auch in selbigen bleiben. Dankeschön.

      • Stranger sagt:

        ¨Sorry, René, ich check überhaupt nicht, was Sie uns hier sagen wollen.

      • Martin Frey sagt:

        Rene will wahrscheinlich nur andeuten dass das hier der Mamablog ist, stranger. Der Antiamerikanismusblog ist weiter grad um die Ecke. Dort wo die Leute, ohne zu reisen und die Verhältnisse auch nur annähernd zu kennen, sich gerne Pauschalurteile aus ihrer Sofaecke anmassen.

      • Carolina sagt:

        Musst Du auch nicht, Stranger. Bei der gequirlten Sch…., die ML oben wieder verzapft, erûbrigt sich wirklich jeder Kommentar.

      • Karl sagt:

        Ich teile die Ansicht von „Muttis Liebling“ nicht in dieser Vehemenz, aber ich sehe nicht, weshalb man ihn seiner Meinung wegen beschimpfen muss. Immerhin hat er sich etwas überlegt, was man nicht von allen sagen kann, und er bringt Argumente vor, die man zwar nicht teilen muss, aber vielleicht mal widerlegen könnte. Sein Beitrag ist nicht verfehlt, weil irgendwas im Artikel steht über eine Reise in die USA – Letzteres für die, die nicht lesen wollen.

      • Stranger sagt:

        Naja, ML verstehe ich schon, obschon ich seine Meinung natürlich nicht teile. Die Sowjetunion und heute Russland sind machtpolitisch genauso drauf wie die USA. Wenn ich nicht mehr dorthin fliege, dann hat das sicher andere Gründe, als dass ich mit ihrer Politik nicht einverstanden bin. Und nach Moskau muss ich auch nicht.

      • Muttis Liebling sagt:

        Eigentlich hätte ich erwartet, auf den Index zu kommen. Aber wie ich sehe, war meiner der einzige substantielle Beitrag mit Bezug zum Blog.

      • Carolina sagt:

        Sie erwarten immer noch Zensur überall, ML? Ist doch jetzt schon ein Vierteljahrhundert her….. 😉

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