Die Dänen und das Geheimnis des Glücks

Ein Gastbeitrag von Rahel Leupin*

Denmark #29 Tornby Strand

Freizeit und Familie bilden in Dänemark den sozialen Kitt, der alles zusammenhält. Foto: Flickr, Nelson.

Die Schweizerinnen sind die glücklichsten Menschen auf Erden. Mal ehrlich, wenn Sie im Tram sitzen und sich umsehen, wären Sie darauf gekommen? Sehen so zufriedene und glückliche Gesichter aus? Auch ich bin mal ausgezogen, um das Glück zu finden. Und hier in Kopenhagen, wo ich seit zweieinhalb Jahren mit meinem Mann und unseren beiden Kindern lebe, bin ich endlich fündig geworden: Das Geheimnis des Glücks liegt in der Work-Life-Balance. Und die Dänen sind darin virtuose Akrobatiker.

Mit zehn Monaten beginnt ein dänisches Baby seinen Gang durch die Institutionen. Zu seinem Einstand wird in der Kita die Dannebrog (die dänische Flagge) gehisst, ganz, als ob sie den Jungbürger von nun an unter ihre Fittiche nimmt. Zukünftig und bis zu seiner Pensionierung wird der Däne nie mehr alleine, sondern immer mit seinen jeweiligen Kolleginnen zu Mittag essen, freitagabends wird er das Ende der Arbeitswoche und den Wochenendbeginn mit fredag slik (Freitagsüssigkeiten) und Cartoons zelebrieren. Auch wird er oder sie sich von Kind an bemühen, niemanden auszuschliessen (von Ausländern mal abgesehen!). Dänemark ist das Gleichmachland schlechthin. Seine Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient) gehört zu den egalitärsten weltweit. Ausgeglichen auch das Verhältnis von Arbeit und Freizeit, wobei Freizeit schon fast mit Familienzeit gleichgesetzt werden kann.

Im Gegensatz zu den meisten Schweizern stufen die Dänen Familienleben und Freizeit höher ein als ihre Arbeit. Wer meint, seinem Chef mit langen Arbeitsstunden zu imponieren, ist auf dem Holzweg. Das Gegenteil wird eintreten; besorgte Blicke deiner Kolleginnen und vielleicht sogar eine Bemerkung deines Vorgesetzten, dass du deine Familien- und Freizeit wahren sollst. Eine dänische Kollegin mit Erfahrung in der Privatwirtschaft erklärt mir gar, es werde in Dänemark als Schwäche betrachtet, wenn du lange Arbeitstage machst. Du entlarvst dich als ineffiziente Arbeitskraft, die keine Prioritäten setzen kann. Mein Nachbar, ein junger aufstrebender Advokat, der für eine führende Kanzlei arbeitet, entschuldigt sich, wenn am Sonntagnachmittag bei ihm auf dem Küchentisch Akten herumliegen: Er arbeite gerade etwas mehr, da in zwei Wochen sein zweimonatiger Vaterschaftsurlaub beginne. Arbeit ist der soziale Kitt, der alle Schweizerinnen von links nach rechts zusammenhält. In Dänemark sind es Freizeit und Familie.

Was die SP grade mal wieder in mühseliger Überzeugungsarbeit dem Schweizer Volk schmackhaft machen möchte, ist in Dänemark längst die Norm: die 35-, respektive 37-Stunden-Woche. Ökonomisch gesehen haben die meisten dänischen Familien keine Wahl, beide Elternteile müssen ausser Haus Vollzeit arbeiten. In den allermeisten Tagesstätten müssen die Kinder bis 16.45 Uhr abgeholt werden, am Freitag gar um 16 Uhr. Kurze Arbeitstage sind die Regel. Und alltagsgestresste, aber glückliche Männer wie Frauen, die sich neben dem anspruchsvollen Familienleben auch beruflich ausleben und weiterentwickeln können.

Zugegeben, die Einführung der 37-Stunden-Woche reicht nicht, um ein Volk glücklich zu machen. Es muss ein Umdenken in den Schweizer Köpfen stattfinden. Erst wenn Kinder nicht mehr als Störenfriede der Arbeitszeit angesehen werden und deine Chefin sich ehrlich freut, wenn du ihr deine Schwangerschaft verkündest, erst wenn Überstunden nicht mehr als Statussymbol angesehen werden und erst wenn Schweizerinnen Familienzeit gegenüber der Arbeitszeit aufwerten, erst dann wird man Herrn und Frau Schweizer im Tram ein Lächeln abringen können – oder gar einen glücklichen Seufzer.

Übrigens: Im Ranking der 20 Länder mit dem grössten Bruttoinlandprodukt (BIP) belegte die Schweiz im Jahre 2013 den vierten Platz – und Dänemark dicht dahinter den sechsten.

Rahel_Leupin2*Rahel Leupin ist Doktorandin am Institut für Performance Design an der Universität Roskilde in Dänemark. Sie lebt mit ihrer Familie in Kopenhagen.