Wir Erziehungsfanatiker

Mamablog

Wer machts am besten? Mütter und ihre Babys beim Spiel im Park. Foto: Getty

Egal, wie die Erziehungsfrage lautet, es gibt bestimmt eine Antwort in Buchform. Wir können nachlesen, wie wir unseren Kindern besser zuhören oder mit ihnen reden sollen, was man gegen Tobsuchtsanfälle tun und weshalb man sie eben nicht so nennen sollte. Und wer nicht lesen will, kann genauso gut zuhören. In einem Erziehungskurs zum Beispiel. Die landauf, landab angebotenen Programme heissen Triple P, Step oder Pekip, sie mögen sich inhaltlich unterscheiden, haben aber immer dasselbe Endziel: uns in der Erziehung unserer Kinder zu unterstützen.

Und offenbar glauben wir, diese Unterstützung tatsächlich nötig zu haben. Denn die Erziehung ist ein Minenfeld. Ein falscher Schritt und die Kindheit ist verpfuscht. Könnte man zumindest meinen, wenn man sich die vielen Ratgeber und Elternkurse anschaut. Und die Reaktionen einiger Mitmenschen beobachtet, die Müttern und Vätern schnell totales Versagen vorwerfen, wenn das Kind sich mal nicht so benimmt, wie es sollte. Oder wenn wieder einmal eine neue Studie publiziert wird, die der heutigen Jugend in den verschiedensten Bereichen schlechte Noten gibt.

Nicht verwunderlich also, dass wir solche Angst haben, erziehungstechnisch zu versagen. Was hingegen überrascht, ist die Tatsache, dass wir uns gegenüber anderen gleichzeitig gerne als die Erziehungsexperten schlechthin aufspielen. Mit Vorliebe gegenüber Andersdenkenden, sprich Anderserziehenden: Die Nachbarin steckt ihr Kleinkind mal um 11 Uhr, mal um 13 Uhr ins Bett? Das Kind wird ja nie seinen Rhythmus finden! Die Bekannten zwingen ihr Kind dazu, seinen Teller leer zu essen? Du meine Güte, die Essstörung ist vorprogrammiert! Nein, wir würden das nie so handhaben. Wir wissen es schliesslich besser.

«Wer Mutter oder Vater wird, hat das Gefühl, dadurch auch zu einem Erziehungsexperten zu werden», sagte mir eine Freundin kürzlich in einem Gespräch. «Besonders diejenigen, die früher nie in irgendeinem Bereich als Experten gegolten haben, wissen nun plötzlich über alles am besten Bescheid.» Und wo es zu viele Experten gebe, eskaliere die Diskussion schnell einmal.

Tatsächlich fühlen wir uns sofort angegriffen, wenn jemand eine andere Erziehungsmethode wählt und dies auch kundtut. Weil er damit unsere eigene Methode indirekt als falsch oder zumindest weniger erfolgreich darstellt. Dass es die eine richtige Methode vermutlich gar nicht gibt, weil schliesslich jedes Kind, jede Familie anders tickt, geht dabei vergessen.

Vermutlich würde es uns allen guttun, einfach mal ein bisschen weniger über die Erziehung nachzudenken. Natürlich lässt sich das Thema nicht ganz wegschieben, Eltern müssen nun mal erziehen. Aber müssen wir die Erziehung deswegen gleich über alles andere stellen?

Unsere Kinder missraten nicht, bloss weil wir einmal etwas zu streng oder zu wenig konsequent sind oder für ein Problem nicht umgehend eine Lösung parat haben. Und es schadet weder dem Nachwuchs noch uns, sich auch mit Familien zu umgeben, die an andere Erziehungsgrundsätze glauben. Im Gegenteil, wir Eltern verlieren dadurch womöglich etwas von unserer Engstirnigkeit in Sachen Erziehungsfragen. Und die Kinder lernen ganz nebenbei, dass in unterschiedlichen Umgebungen nun mal unterschiedliche Verhaltensweisen erwünscht sind.

Als tolerante, weltoffene Menschen haben wir doch auch kein Problem damit, wenn unsere Freunde an einen anderen Gott glauben. Wieso also werden wir bloss so fanatisch, wenn es um die verschiedenen Erziehungsglaubensrichtungen geht? Was denken Sie?

Erziehungsstil als Dogma. Dieses Youtube-Video bringt das Thema witzig auf den Punkt.